Was lehren mich die Wahlerfolge der AFD?

Die Wahlerfolge der AFD machen deutlich, dass sich nun das rechte Parteienspektrum differenziert. Nachdem die SPD schon in den 80er Jahren die Grünen und nach der Wende die Linke „ertragen“ durfte, erleben nun CDU und CSU eine Veränderung im rechten Parteienspektrum. Doch ist es wirklich so einfach?

Ich nehme wahr, dass die AFD Wähler/innen bei allen Parteien, insbesondere aber bei den Nichtwählern rekrutiert. Demokratietheoretisch gut, denn es zeigt, dass diese Partei Menschen anspricht und für sich mobilisiert. Die Wahlbeteiligung ist auch deutlich gestiegen, so dass es ihr gelang, Menschen zu bewegen, am gesellschaftlichen Prozess teilzuhaben. Das gelang den anderen Parteien schon Jahrzehnte nicht mehr – und sie haben auch nichts, wirklich nichts getan, das wirksam zu ändern. Ich lerne daraus, dass sich Menschen ansprechen lassen und auch angesprochen werden wollen.

Ich nehme wahr, dass angesichts der Wahlerfolge eine klare politische öffentliche Auseinandersetzung mit der AFD notwendig ist. Sie als Schmuddelkinder anzusehen, mit denen man nicht spielt, führt nicht weiter und ist nachweislich nicht erfolgreich. Ich lerne daraus, nicht den Kopf über die abstrusen Vorstellungen zu schütteln und zur Tagesordnung überzugehen, sondern die klare inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen und zu führen.

Ich nehme wahr, dass ein Kopieren der Forderungen (zum Beispiel Burka-Verbot, Abschaffen der doppelten Staatsangehörigkeit, Flüchtlinge und Zuwanderer nur aus dem christlich-jüdischen Kulturkreis) ebenfalls nicht erfolgreich ist. Die Menschen wählen dennoch das Original, nicht die Kopie. Ich lerne daraus, nicht hinterherzulaufen, sondern eigene Positionen zu stärken.

Ich nehme wahr, dass es im Moment gelingt, so manche Menschen mit einer reinen „Dagegen-Position“ zu erreichen. Keiner fragt mehr, wofür man steht. Aber wer weiß denn, wofür die anderen Parteien stehen? Im Grunde weiß die ganze Gesellschaft genau, was sie nicht will, aber formuliert nicht, was sie will und wohin sie will! Ich lerne daraus, klarer positiv zu sagen, was man wann wie erreichen will.

Ich nehme wahr, dass es der AFD gelungen ist, ein einziges Thema zum Wahlkampfthema zu machen: Flüchtlinge. Und alle, wirklich alle, haben daran mitgewirkt. Auch die Medien. Ich lerne daraus, dass es uns allen sehr, sehr gut gehen muss, wenn uns nur diese Sorge umtreibt.

Ich nehme wahr, dass es der AFD gelang, das Protestpotenzial zu bündeln. SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern haben sogar absolut kaum Stimmen verloren bzw. sogar leicht dazu gewonnen, jedoch prozentual aufgrund der höheren Wahlbeteiligung verloren. Wenn also die CDU absolut fast so viele Stimmen erhielt wie bei der Landtagswahl 2011: Wieso ist dann Merkel Schuld? Bei der Bundestagswahl 2013 erhielt die CDU dort immerhin 42 Prozent der Stimmen? Ich lerne daraus, dass es trotz eindeutig scheinender Ergebnisse sehr komplexe Antworten gibt, die es immer wieder zu kommunizieren gilt.

Ich nehme wahr, dass die AFD vor allem auch Menschen wählten, die sich abgehängt fühlen? Hat sich irgendetwas für diese Menschen in den letzten zehn Jahren durch die jeweils regierenden Parteien geändert? Auch die AFD verspricht ihnen etwas, was kaum zu halten sein wird. Den Menschen scheint es egal. Sie haben ihren Glauben an Politik längst verloren. Die AFD scheint ein akzeptablerer Denkzettel zu sein als NPD. Ich lerne daraus, den Denkzettel zu verstehen und neu auf die(se) Menschen zuzugehen. Und übrigens: die Nichtwähler sind noch immer die stärkste Partei!

Ich nehme wahr, dass es Orte in Mecklenburg-Vorpommern gibt, wo AFD und NPD mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten haben. Sind die Menschen nun alle rechts oder rechtsnational oder gar Nazis? So einfach ist die Welt nicht. Ich lerne daraus, die Wähler/innen nicht pauschal als Nazis oder rechtsnational oder rechtsradikal oder rechtspopulistisch zu beschimpfen.

Ich nehme wahr, dass die etablierten Parteien viel zu den Wahlerfolgen beigetragen haben, denn sie haben relevante Zukunftsfragen stets vertagt. Sie haben ein „Weiter-So!“ propagiert und den Menschen keine Veränderungen zugemutet, die aber dringend sein müssen. Denn gerade in Mecklenburg-Vorpommern schreitet zum Beispiel die Alterung voran (2030 wird jeder zweite Bürger in dem Land älter oder jünger als 52,6 Jahre sein!): Wer schiebt künftig den Rollstuhl, wenn Zuwanderung nicht gewollt wird? Ich lerne daraus, eine aktivere Zukunftsdebatte zu führen: Wie wollen wir 2030 auf dem Hintergrund einer völlig andere demografischen Bevölkerungsstruktur miteinander leben und das Leben organisieren?

Fazit: Wer nun zur Tagesordnung übergeht, der stärkt die AFD, denn sie wird nirgendwo beweisen müssen, dass sie etwas kann, da sie nirgendwo Regierungsverantwortung übernimmt. Viele Menschen haben ihren Protest ausgedrückt, ein Hilfeschrei an die etablierten Parteien und an die Gesellschaft insgesamt, auch diese Menschen und ihre Lebenswirklichkeiten zu sehen. Das ist im Übrigen keine reine Frage des Geldes oder des nach dem Mund reden. Aber eine Frage zur Zukunft unserer Demokratie.

Die Burka – ein Verbot, das unsere Probleme löst!?

Nach den verheerenden Anschlägen in Ansbach, Würzburg und vor allem München, gewinnt medial und politisch ein Thema besonders an Bedeutung: die Burka, also die totale Verschleierung einer menschlichen Person. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Frau handelt, wie behauptet wird, weiß niemand, denn das lässt sich – auch im Einzelfall – öffentlich schwer überprüfen. Aber man geht davon aus.

Gleich zu Beginn zwei persönliche Bekenntnisse: ich kann eine Religion nicht nachvollziehen, die von einem Geschöpf Gottes / Allahs / Jahwes verlangt, sich total zu verhüllen, damit andere Geschöpfe Gottes / Allahs / Jahwes diesen Menschen nicht sehen können. Eine solche Religion halte ich für menschenverachtend. Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass ich in meinem 55 Jahre währenden Leben einer Burka-tragenden Person begegnet bin (auch im rheinischen Karneval nicht!), geschweige Kontakt hatte.

Angesichts der öffentlichen Debatte scheinen die Burka-tragenden Personen ein Massenphänomen zu sein. Doch wo? In Mecklenburg-Vorpommern, dem dünn besiedelsten Bundesland Deutschlands? In Köln auf der Domplatte? In München am Hauptbahnhof? In den Flüchtlingsunterkünften quer durch Deutschland? In Berlin vor dem Kanzleramt?

Nun bin ich als Christ und Demokrat, als geschichtsbewusster Mensch mit liberaler Grundhaltung ein absoluter Anhänger der Religions-, Meinungs- und Kleidungsfreiheit. Viele Ältere in Deutschland können sich noch an Zeiten erinnern, wo zum Beispiel evangelische und katholische Kinder nicht miteinander spielen durften und die Heirat untereinander ebenfalls nicht erwünscht, ja: gesellschaftlich geächtet war. Gott sei es gedankt: Wir sind heute alle klüger geworden. Mit anderen Worten: Religiöse Bestimmungen und Verhaltensweisen können sich ändern. Modefragen sowieso.

Doch wenn die Vollverschleierung abgeschafft werden soll (ich wäre glücklich), dann sind die sie tragenden Personen die falschen Ansprechpartner/innen, sondern die dahinter stehenden männlich dominierten, muslimischen Verbände. Hier gilt es insbesondere jenen, die sich „modernisieren“ wollen, Mut und Unterstützung zukommen zu lassen und jenen, die das nicht wollen, in Deutschland die rote Karte zu zeigen. Diese Machtfragen zwischen den Geschlechtern und den Richtungen innerhalb einer Religion sind im Übrigen nicht nur bei muslimischen Glaubensdiskursen anzutreffen.

Aber machen wir es mal konkret: die Burka ist verboten. Und dann? Die Frauen werden von ihren frommen Männern angehalten, in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen oder eben zu Hause zu bleiben. Deutschland auf 40 Quadratmetern, in der jeweiligen Wohnung. Integration ist dann gelungen? Und andernfalls zerren Polizisten in den Fußgängerzonen die Burka von den sie tragenden Personen, werfen sie bei Widerstand ins Gefängnis? Wie soll das konkret gehen? Und wer hilft den Frauen, die Jahrzehnte unter einer Burka lebten, bei den ersten unverschleierten Schritten?

Neulich habe ich zum Beispiel eine Frau gesehen, die an allen zu sehenden Hautpartien tätowiert und gepierct war. Bitte verzeihen Sie: ich fand das hässlich und abstoßend. Doch nicht alles, was mir nicht gefällt, kann ich verbieten. (Auch wenn hier eine Burka eine erste Hilfe gewesen wäre.)

Anders ausgedrückt: Wenn die Burkas aus dem öffentlichen Stadtbild verschwunden sind, ist dann die Terrorgefahr gebannt und wird dann die Integration Zuwandernder problemlos gelingen? Wenn nicht: Gibt es noch andere Maßnahmen, die man diskutieren und ergreifen sollte? Ach ja: die doppelte Staatsbürgerschaft. Über die verfügen die Terroristen scheinbar auch. Und etwa 700.000 Polen bzw. 600.000 Russen, von denen die meisten CDU/CSU wählen – noch. Die Welt ist doch komplizierter als man denkt.

Merken Sie: die Politik ist hilflos (wie viele von uns auch) und verfällt in sinnlosen Aktionismus. Anstatt einfach mal zu sagen, wir müssen gemeinsam ernsthaft überlegen, wie wir mit diesen neuen Phänomenen umgehen. Und das braucht Zeit. Und Mut. Und Kreativität. Und die Bereitschaft zu Veränderungen im bisherigen Leben. Wir sind ein Einwanderungsland.

Rente mit 69 oder: Mathematik lässt sich nicht abwählen

Die Diskussion um das Renteneintrittsalter (63, 65, 67 oder gar 69) nimmt dank der Deutschen Bundesbank wieder Fahrt auf. Und wundern sollte es niemanden, denn diese Diskussion ist unausweichlich.

Die Fakten sind klar: das Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist 1913 in das Reichsversicherungsgesetz geschrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Menschen weder sehr alt noch lebten sie lange von der Rente. Heute hingegen

• leben wir immer länger – auch gesünder länger.
• zählen wir schon mehr Rentner als Menschen unter 20 Jahren und in den nächsten Jahrzehnten wird dieser Unterschied noch deutlich anwachsen.
• beziehen die Menschen ihre Rente immer länger, im Durchschnitt zurzeit rund 20 Jahre,.
• stehen in den nächsten Jahrzehnten immer weniger Menschen als erwerbsfähige Menschen zur Verfügung und zahlen in die Sozialversicherungssysteme ein.
• zahlt der Steuerzahler die Rekordsumme von 85 Milliarden Euro jährlich in die Rentenkasse als Zuschuss, damit das System überhaupt funktioniert.

Die Frage, wie dieses Rentensystem, das als Generationenvertrag konzipiert ist und im Grunde schon seit Jahr(zehnt)en nicht mehr als solches funktioniert, zukunftsfähig gehalten werden kann, kennt theoretisch vier Lösungen:

• den Beitrag erhöhen (er liegt zurzeit bei 18,7 Prozent),
• die Lebensarbeitszeit erhöhen (wir erleben gerade die Ausweitung auf 67 Jahre, wobei besonders gut situierte Menschen zulasten unserer Enkelkinder gerade noch einmal bevorzugt wurden durch die Rente mit 63)
• das Rentenniveau sinkt, also der Betrag, der nachher als Rente tatsächlich gezahlt wird (das ist die bisherige Politik, da sie sich am besten verstecken ließ und erst später bemerkt wird)
• eine Kombination der ersten drei Lösungsmöglichkeiten.

Viele Menschen sagen, dass schon heute die 60- oder 65-Jährigen nicht mehr arbeiten könnten, wie soll das erst mit 67 oder gar 69 Jahren gehen. Diese Argumentation geht von folgenden Irrtümern aus:

• Niemand wird in dem Beruf bleiben, in dem er seine berufliche Laufbahn begann. Die Währung der Zukunft heißt Talent nicht Ausbildungszeugnis.
• Niemand wird künftig ohne alternsgerechte Arbeitsbedingungen seiner Arbeit nachgehen.
• Niemand wird auch im höheren Alter 40 Stunden kloppen müssen.
• Niemand sollte einen 65-Jährigen von heute mit einem 65-Jährigen 2030 oder gar 2060 vergleichen. Da liegen Welten dazwischen, so wie ein 65-Jähriger von heute auch nicht mit einem 65-Jährigen von 1960 verglichen werden kann.

In einer Diskussionsrunde mit der Bundeskanzlerin habe ich ihr 2012 in Mannheim gesagt, dass ich 1961 bei meiner Geburt eine statistische Lebenserwartung von 75 Jahren hatte, heute hätte ich hingegen eine statistische Lebenserwartung von 83 Lebensjahren. Von den acht gewonnenen Lebensjahren darf ich zwei länger arbeiten. Wo liege das Problem? Die politische Antwort der gegenwärtigen Bundesregierung war die Rente mit 63. Doch: Mathematik lässt sich nicht abwählen. Fakten bleiben Fakten. Die Rente mit 69 kommt – wenn auch erst 2060. Oder wie wollen Sie das Problem lösen? Den Kopf in den Sand stecken?

Aktueller Buchtipp: Man nehme Olympia, Hitler und eine originelle Idee …

Vor 80 Jahren, im August 1936, fanden in Berlin die Olympischen Spiele statt. Übrigens: das Wetter war ähnlich bescheiden wie im August 2016. 16 Tage lange sonnte sich Adolf Hitler in der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Das Deutsche Reich präsentierte sich bestens, zumal die vielen ausländischen Gäste in Berlin alles vorfanden, was das Herz begehrte. Die hässliche Fratze der Diktatur Hitlers hatte gehörig Kreide gefressen.

Oliver Hilmes, 1971 geborener Autor des Buches „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“, beschreibt in 16 Kapiteln, analog zu den 16 Tagen olympischer Spiele in Berlin, was sich in dieser Stadt tat, was sich ankündigte, was nur hinter den Fassaden sichtbar war und wer blendete und sich blenden ließ:

• Helene Mayer war die einzige jüdische deutsche Olympionikin, die als „Alibi-Jüdin“ auf Druck des IOC teilnehmen musste, damit das IOC sich zufrieden zeigen konnte und der öffentlichen Kritik Rechnung getragen wurde.
• Die vielen Tausende Sinti und Roma, die kurzzuvor aus Berlin verschwanden und am Rande von Berlin in Lagern untergebracht waren, damit die schöne, nun „gesäuberte“ Stadt ihren Schein wahren konnte.
• Der Hass auf alles, was „anders“ war, der sich in der NSDAP-Zeitung „Der Stürmer“ täglich entlud, aber öffentlich nicht sichtbar wird, weil die Zeitungskästen in Berlin für 16 Tage abmontiert wurden.

Für die Größen des Nationalsozialismus spielte das Geld der Steuerzahler keine Rolle, denn jeden Abend wurde in Berlin gefeiert, nein „geprasst“. Ein Fest war prestigeträchtiger als das andere. Und überall spielte die international beliebte, aber in Deutschland verpönte „Negermusik“.

Apropos: Der farbige Amerikaner Jesse Owens war als viermaliger Goldmedaillengewinner der erfolgreichste Teilnehmer der Spiele. Die täglichen Anweisungen an die gleichgeschaltete Presse, die Hilmes immer wieder zitiert, belegen, wie damit umgegangen werden sollte.

Wer Parallelen zu aktuellen olympischen oder weltpolitischen Ereignissen sucht, wird sie zuhauf finden. Es ist erschreckend, wie bestimmte Mechanismen immer noch oder mal wieder wirken. Erschreckend ist auch, über eine lebendige, lebenslustige Metropole zu lesen, die neun Jahre später nur noch Schutt und Asche war! Lernen wir daraus?

Ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. München 2016.

Deutsch-Türken der 3. Generation fordern Todesstrafe – Integration gelungen?

40.000 Menschen türkischer Herkunft bzw. Abstammung demonstrierten Ende Juli 2016 in Köln gegen den gescheiterten Militärputsch in der Türkei, für Präsident Recep Tayyip Erdogan und auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe – in der Türkei. Diese demonstrierenden Menschen leben zum großen Teil seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland, sind hier geboren, haben deutsche Schulabschlüsse erworben, sprechen meist gut Deutsch und: fühlen sich türkisch. Sie nutzen wie selbstverständlich demokratische, in Deutschland verbriefte Grundrechte, um einem Menschen zuzujubeln, der sie in der Türkei gerade drastisch einschränkt, teilweise sogar abschafft.

Was sagt uns das über die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte? Irgendetwas scheint völlig daneben gelaufen zu sein. Doch was?

Ein Pass allein macht noch keinen Deutschen. Heimat ist nicht nur ein Dokument, sondern ein Gefühl. Das Gefühl zu Hause zu sein, willkommen und anerkannt zu sein, sich wohl zu fühlen. Viele Menschen türkischer Herkunft sind deutsch und „ticken“ deutsch. In Istanbul zum Beispiel treffen sich Deutsch-Türken, die in Deutschland groß geworden sind, in Deutschlang (gut) ausgebildet worden sind, aber hier keine Arbeit fanden. Ihre Zweisprachigkeit erlaubt Ihnen, zum Beispiel in der Türkei zu leben und zu arbeiten. Doch auch dort sind sie nicht richtig zu Hause, da sie für viele Türken deutsch sind. Migranten – welcher Herkunft auch immer – sind oft Wanderer zwischen den Welten. Das sollten wir uns bewusstmachen.

Was ist deutsch? Was ist türkisch? Was ist russisch?

Erinnern Sie sich, dass das russische Fernsehen vor einigen Monaten berichtete, dass Männer fremdländischen Aussehens in Berlin ein 13jähriges russisches Mädchen vergewaltigt haben sollen? Daraufhin sind etliche russlanddeutsche Menschen auf die Straßen gegangen, um zu demonstrieren. Dass diese Nachricht nicht stimmte, auch wenn der russische Außenminister Lawrow das behauptete, drang erst einmal nicht durch. Ist das mal irgendwo aufgearbeitet worden?

Wir erleben: Migranten halten Verbindung zur Heimat über das Fernsehen. Wenn dann noch die Medien staatspolitisch gelenkt („gleichgeschaltet“) sind, gleichzeitig kein Abgleich mit anderen, zum Beispiel deutschen Medien, erfolgt, dann sind das schnell leicht lenkbare und emotionalisierbare Massen. Doch es braucht mehr als nur Fernsehen. Diese Menschen müssen das Gefühl haben, in der neuen Heimat nicht wirklich angenommen zu sein, damit nationalistische Emotionen, Vorurteile und falsche Behauptungen in der Wahrnehmung zu Fakten werden können.

Viele Migranten haben das Gefühl im Grunde nicht wirklich gewollt zu sein und von den Deutschen eher nur „geduldet“ zu werden. Unser Ausländerrecht ist nicht umsonst Polizei- und Gefahrabwehrrecht – bis heute! So erzählen mir zum Beispiel russlanddeutsche Menschen, die in ihrer Heimat als Arzt eine Klinik geleitet hatten, dass ihre Qualifikationen hier nicht anerkannt wurden. Sie hätten noch einmal studieren müssen! Sie hätten sich die Willkommenskultur, die manche Deutsche den Flüchtlingen heute (2015) entgegenbringen, für sich vor 25 Jahren auch gewünscht. Da schwingt nicht selten Neid und Wehmut mit.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich fordere jeden Erdogan-Anhänger auf, die türkische Gesellschaft in der Türkei aktiv mitzugestalten!

Doch mein Blick geht nach vorn. Wer Integration will, sollte ehrlich Fehler der Vergangenheit korrigieren. Integration erfolgt nicht nebenbei. Also: Unterhält ihre Kommune seit Jahr(zehnt)en eine regelmäßige Dialogstruktur mit Migrantenorganisationen? Welche/r Bürgermeister/in besucht neben Pfarrfesten auch Moscheeveranstaltungen? Wo werden Migrantenorganisationen selbstverständlich zu den Neujahrsempfängen oder anderen gesellschaftlichen Ereignissen eingeladen? Wo sind Migranten in den Stadträten auch repräsentiert? Verfügt Ihre Kommune über ein Integrationskonzept? Wird es auch umgesetzt?

Und weiter: Warum ist es seit Jahrzehnten so, dass mindestens doppelt so viele ausländische Menschen arbeitslos sind oder/und von Hartz IV (früher Sozialhilfe) leben? Warum ist es seit Jahrzehnten so, dass ausländische Kinder überrepräsentativ häufig die Hauptschulen besuchen und keinen Schulabschluss machen? Warum fangen doppelt so viele deutsche Jugendliche nach der Schulzeit eine Ausbildung an als ausländische Jugendliche? Intelligenz wird weder von Gott, noch von Allah nach ethnischen Aspekten verteilt. Das Gehirn als Hardware ist bei der Geburt in der Regel gleich, egal wo ein Mensch geboren wird. Es kann also stets lernen!

Fakt ist: Ohne Zuwanderung wird Deutschland seine enormen demografischen Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können. Das setzt aber eine gute, gelingende Integration voraus. Die Demonstration der Türken für Präsident Erdogan und die damit einhergehende spaltende Diskussion in den türkischen Gemeinden (Pro und Contra Erdogan) belegt, dass die Integrationspolitik der letzten Jahre und Jahrzehnte genug Anlässe bietet, es künftig besser zu machen. Denn die Integrationspolitik wird eine Schlüsselherausforderung unserer nahen Zukunft sein. Der Blick geht nach vorn: Wir können aus Fehlern lernen, um unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten. Wir müssen es nur wollen. Auf Erdogan schimpfen reicht nicht.

Meine Fragen an Erdogan-Anhänger in Deutschland – mit Bitte um Antwort

Bevor ich meine Fragen stelle, weil ich so manches Verhalten nicht verstehe, möchte ich zwei Dinge vorab bestärken.

Erstens: Recep Tayyip Erdogan ist der demokratisch gewählte Präsident der Türkischen Republik. Das Parlament in der Türkei kann seine Entscheidungen nach Recht und Gesetz selbstbestimmt treffen. Das muss mir nicht gefallen. (Gleichwohl habe ich das Recht, dies zu kritisieren.)
Zweitens: Die Türkei hat mehrfach militärischen Putsch in ihrer Geschichte erlebt, zuletzt „erfolgreich“ 1980. Niemand außerhalb der Türkei vermag nachzuvollziehen, welche Traumata damit verbunden sind, zumal die Gewalt der Militärs in den Gefängnissen gegenüber Andersdenkenden brutal war, Narben hinterlassen hat.

Gleichwohl wundere ich mich über manche türkischstämmigen Menschen in Deutschland, die nun öffentlich auftreten und für ihre Auffassungen, für „ihren“ Präsidenten, öffentlich (zu Recht!) demonstrieren können.

Frage: Wer in Deutschland das Recht auf Demonstration (Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit) in Anspruch nimmt und damit als gesellschaftliche Minderheit auf sich aufmerksam macht, der möchte mir bitte sagen, warum dies in der Türkei für Minderheiten (z. B. Erdogan-Kritiker, Kurden, Alewiten) nicht möglich ist?

Frage: Wer in Deutschland lebt (und das meist schon sehr lange) und sich gleichwohl mit der Türkei identifiziert, der ist in diesem Land noch immer nicht angekommen. Gestalten Sie in der Türkei den Staat mit, den Sie für sich und Ihre Kinder wollen. Warum gehen Sie nicht zurück in das Land, das Sie emotional so sehr bewegt, zumal doch Ihr Idol dort regiert?

Frage: Wer muslimischen Glaubens ist und das auch öffentlich bekennt, der bekräftigt stets, dass der Koran das Töten von Menschen verbiete. Barmherzigkeit sei das Wort, das am häufigsten im Koran vorkomme. Warum drohen türkisch-stämmige Menschen anders denkenden türkisch-stämmigen Menschen zum Beispiel via Facebook den Tod an? Warum distanzieren sich unsere Moscheegemeinden nicht von diesen Auswüchsen und sagen deutlich, dass dieses aggressive Verhalten gegenüber Andersdenkenden (z. B. Erdogan-Kritiker, Kurden, Alewiten etc.) nicht mit dem Koran übereinstimmt?

Frage: Wer es schätzt, dass man in Deutschland seine Meinung frei äußern kann, der sollte mir beantworten, warum dies in der Türkei nicht mehr möglich scheint. Bitte erklären Sie mir, warum so viele Journalisten und Wissenschaftler, Rechtsanwälte und Lehrer (Männer wie Frauen) so plötzlich und so schnell ihrer Ämter enthoben werden? Warum zum Beispiel wurde vor wenigen Tagen eine Professorin für Geschichte, die in einer türkischen Fernseh-Talkshow Erdogan öffentlich kritisierte, aus der Sendung geschmissen und anschließend von der Universität suspendiert? Was hat das mit einem Rechtsstaat, mit Meinungsfreiheit zu tun, die Sie hier in Deutschland genießen und nutzen?

Frage: Wer beklagt, dass die Türken in Deutschland nicht gewollt sind, und dass eine Integration nicht nachhaltig gelingt, der mag sogar individuell Recht haben. Die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte war wenig hilfreich. Gleichwohl: Wer bleiben will, wird Wege finden, sich zu integrieren. Wer nicht bleiben will, kann gehen. Es wird niemand gegen den eigenen Willen festgehalten. Wo sehen Sie Ihre Zukunft und die Ihrer Kinder: In Deutschland oder in der Türkei?

Frage: Warum soll ich als Tourist die Türkei besuchen, wo ich doch damit rechnen muss, wenn ich frei meine Meinung, zum Beispiel über Präsident Erdogan, sage, wegen Beleidigung des Staatsoberhauptes vor Gericht gestellt zu werden?

Sie nutzen mit Ihrer Demonstration für den türkischen Präsidenten jene, von mir akzeptierten Rechte, die dieser Präsident rechtswidrig gerade in der Türkei vielen Andersdenkenden verweigert. Das verstehe ich nicht. Bitte erklären Sie es mir. Danke

Die Türkei eine Diktatur? Was könnten Sie tun?

Die Erfahrung der jüngsten Geschichte zeigte stets, dass es nicht klug ist, sich in die Angelegenheiten anderer Länder direkt, zum Beispiel militärisch, einzumischen. Gleichwohl leben mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland, die direkt oder indirekt noch mit der Türkei zu tun haben. Weil sie türkisch-kulturelle Wurzeln dort haben. Weil Familienangehörige dort leben und arbeiten. Auch sind 6.500 deutsche Unternehmen in der Türkei mit einer Vertretung präsent oder an türkischen Unternehmen beteiligt. Es wird uns also betreffen, wenn die Türkei in eine Diktatur abrutscht.

Wenn ein Militärputsch, er mag noch so dilettantisch gewesen sein, genutzt wird, um zum Beispiel 21.000 Lehrer/innen privater Schulen und rund 15.000 Lehrer/innen an staatlichen Schulen zu entlassen bzw. deren Suspendierung anzukündigen, dann fragt man sich, wie sieht künftig die Ausbildung junger Menschen aus? Rechnen, Lesen und Schreiben wird nicht mehr gebraucht, weil nur noch zu tun ist, was der Präsident sagt und will?

Wir in Deutschland könnten und sollten etwas tun:

Erstens: Das Gespräch mit türkisch-stämmigen Bürger/innen in Deutschland suchen. Meinungen hören. Sie auf den Nutzen demokratischer Grundprinzipien, die sie alle in Deutschland genießen, aufmerksam machen. Fragen stellen. Werte austauschen und diskutieren. Freundlich, gleichwohl positionierend. Ziel ist es, sie in ihren Gemeinden als Meinungsbildner zu gewinnen.
Zweitens: Den Dialog mit türkischen Migrantenorganisationen (Moscheevereine, Kurden, Alewiten etc.) suchen und gemeinsame Wertvorstellungen klar stellen: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Jeder Verein in Deutschland profitiert davon, auch Moscheegemeinden. Dabei gilt es auch den Mut zu haben, Grenzen zu ziehen zu jenen, die zum Beispiel rassistisches Gedankengut vertreten.
Drittens: Wir sollten jene (muslimischen) Kräfte in den türkisch-stämmigen Gemeinden stärken, die selbst nicht wissen, wie sie Scharfmachern, Ideologen und radikalen Islamisten gegenübertreten sollen. Denn sie verbreiten nicht nur Angst unter Deutschen, sondern auch unter Türken in Deutschland. Wir müssen das Klima mehrheitlich so gestalten, dass die demokratisch gesinnten Menschen Mut haben, sich öffentlich zu äußern. Es braucht dazu kommunale Dialogstrukturen. Es ist zumal eine Chance, diesen Dialog in vielen Städten und Gemeinden endlich zu gestalten.
Viertens: Alle Menschen, die in Unternehmen arbeiten, die direkt oder indirekt in der Türkei eigene wirtschaftliche unternehmerische Interessen haben, sollten mit ihren Firmenleitern klären, wie sie die Situation gestalten können – für mehr Menschenrechte, für mehr Demokratie, für den Dialog.
Fünftens: Alle Menschen, die überlegen, in der Türkei ihren Urlaub zu verbringen, sollten davon Abstand nehmen. Wenn etwas den Präsidenten und die Scharfmacher in die Schranken weisen könnte, dann wären das harte wirtschaftliche Konsequenzen. Denn der Präsident und seine AKP sind auch deshalb an der Macht, weil viele Menschen in der Türkei ihren Wohlstand mit der Politik der letzten zehn Jahre in Verbindung bringen.
Sechstens: Jeder aufrechte Muslim, der stets behauptet hat, dass ein Muslim nicht töten dürfe, da der Koran dies verbiete, muss nun erkennen, dass viele Muslime anderen Türkischstämmigen – auch via Facebook – den Tod ankündigen. Das macht sprach- und hilflos.
Siebtens: Wer glaubt, all dies habe nichts mit ihm zu tun, der irrt. Denn die Auswirkungen werden sich auch in den Flüchtlingszahlen niederschlagen. Der Druck, aus der Türkei auszuwandern, wird deutlich anwachsen, nicht nur unter Akademikern. Es liegt im Interesse aller Menschen, dass die innertürkischen gesellschaftlichen Probleme nicht nach Deutschland überschwappen.

Paradigmenwechsel in Behörden? Vertrauen statt Misstrauen!

In Deutschland zählt eine gute, funktionierende, dem Bürger zugewandte Verwaltung in Städten und Gemeinden, auf Kreis-, Landes- und Bundesebene als wirtschaftlicher Standortfaktor. Wer andere Länder kennen gelernt hat, weiß die deutsche Verwaltung zu schätzen. Doch auch sie hängt entscheidend vom Personal ab.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung macht jetzt das schon lang Absehbare deutlich: die Mitarbeiter/innen in den Behörden werden auch älter. In den kommenden acht Jahren (bis 2024) wird im Durchschnitt jede/r vierte Beschäftigte die Pensionsaltersgrenze erreichen, in manchen Gemeinden sogar fast jede/r zweite. Dann verlässt nicht nur viel Wissen und Erfahrung die Behörde, es stellt sich zudem die Frage, wer sie ganz konkret ersetzt. Denn der Nachwuchs ist ja nicht mehr unbegrenzt da.

Vergegenwärtigen wir uns: 1964 kamen 1.357.304 Menschen zur Welt , 2015 waren es nur noch 737.630. Wenn also die 1964 Geborenen in 15 Jahren ihren Ruhestand antreten (mit 67 Jahren!), dann kann nur noch jeder zweite von ihnen eingenommene Arbeitsplatz wieder besetzt werden. Die andere Hälfte ist nicht mehr da! Wer macht also die Arbeit? In Köln zum Beispiel sind schon heute 1.000 Stellen unbesetzt, bis 2022 gehen mindestens 1.350 Menschen in Pension. So attraktiv scheint der Verwaltungsjob für qualifizierte Fachkräfte gar nicht zu sein, das zig Menschen Schlange stehen. Was heißt das für unsere zukünftige(n) Verwaltung(en)?

Sicher: das Problem ist nicht neu. Die Alterspyramide war schon lange ersichtlich und schon vor zehn Jahren hätte man Personalentwicklungspläne auflegen können. Klar ist: Etliche Bundesländer werden nicht mehr das Personal haben, um ihre Dienstleistungen wie gehabt zu erbringen. Doch: Hätte, hätte, Fahrradkette. Blick nach vorn: Lösungen müssen her.

Aus meiner Sicht steht ein Paradigmenwechsel an: Behörden sollten lernen, ihren Bürgern/innen zu vertrauen, ihnen nicht mehr grundsätzlich zu misstrauen. Finanzämter zum Beispiel halten jeden Bürger/in für einen notorischen Steuersünder. Warum? Vereinfachen wir das Steuerrecht, gäbe es nicht mehr so viel zu prüfen. Wir sollten aber überall weniger prüfen müssen, ob sich die Bürger/innen auch regelkonform verhalten, sondern die Anreize so (hoch) setzen, dass sie motiviert sind, es gleich richtig zu machen. Wir sollten nicht mehr prüfen und messen, ob zum Beispiel am Ende einer Leitung in die Abwasserkläranlage zu viel Dreck entsteht, sondern von Beginn an die Anreize so setzen, dass kein Dreck mehr in die Leitungen gelangt. Wir müssen lernen, dass 16 Bundesländer, 295 Landkreise, über 14.000 Kommunen sowie viele weitere Behörden nicht unbedingt sein müssen, um ein Land zu verwalten. Allein das “bedingungslose Grundeinkommen” könnte viele Behörden und viel Prüfungsarbeit von Anträgen schlichtweg überflüssig machen.

Gerade die Flüchtlingsbewegungen 2015 haben doch eindrucksvoll belegt, dass unsere Zivilgesellschaft bereit und fähig ist, die Aufgaben im Rahmen eines neuen Gesellschaftsvertrages neu auszutarieren. Diese Diskussion gilt es jetzt zu führen. Offensiv, aktiv, innovativ.

Wer auch in Zukunft eine gut funktionierende Verwaltung haben möchte, der muss lernen, dass die Zukunft nicht die Verlängerung der Vergangenheit ist. Es braucht allerdings Mut, denn ohne Veränderung wird das nicht möglich sein.  Und es drängt, denn je älter die Wahlbevölkerung wird (2017 wird jede/r zweite Wähler/in, nicht Wahlberechtigte, bereits älter als 55 Jahre sein!), umso weniger werden Veränderungen gewollt sein (siehe Brexit!). Leider! Und da nur wenige Politik(er) kommunikativ und mutig sind, kommt es auf mutige und innovative Akteure der Zivilgesellschaft an. Auf uns alle also!

Wichtig: Medienkompetenz als vierte Säule neben Rechnen, Lesen, Schreiben

„Man mag die Digitalisierung gut finden oder nicht – einen Stopp-Knopf, mit dem sie sich aufhalten lässt, gibt es nicht.“ Das jedenfalls stellen Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt in ihrem Buch „Die Digitale Bildungs-Revolution“ fest, der von einem radikalen Wandel des Lernens berichtet und davon, wie „wir ihn gestalten können“. Was kommt da eigentlich in einem enormen Tempo auf uns zu? Nicht wenige meinen, diese Techniken sollen so früh wie möglich in unseren Bildungseinrichtungen selbstverständlicher Alltagsbestandteil sein. Kinder, die schon im Kindergarten ein Tablet benutzen, lautet die Vision.

Doch davor warnen Gerald Lembke und Ingo Leipner in ihrem Buch „Die Lüge der Digitalen Bildung“. Sie befürchten, dass unsere Kinder das Lernen verlernen. Ihre Hauptthese lautet: „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.“ Sie plädieren dafür, Kinder lieber im realen Matsch spielen zu lassen als in der virtuellen Welt der Tablets.

Der Bundestag richtete eine Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ ein, deren Abschlussbericht im April 2013 veröffentlicht wurde. Darin wird auch definiert, was unter Medienkompetenz verstanden wird:

  • Grundlagenkenntnis: Beherrschen der Kulturtechniken Schreiben und Lesen,
  • Technische Fähigkeiten (Umgang mit Hard- und Software, Grundverständnis vom Aufbau des Internets, Grundkenntnisse im Programmieren etc.), die vor allem auf das Verstehen von Zusammenhängen und die Befähigung zum Selbstlernen abzielen,
  • Kritisches Hinterfragen von Inhalten (Quellen einschätzen, Absichten von Sendern erkennen, Sensibilisierung für Werbebotschaften etc. Dies ist ebenso für den Umgang mit klassischen Medien wichtig – zum Beispiel Zeitungsprojekte, die auch für den Umgang mit Onlineinhalten positive Effekte haben können),
  • Kompetenter Umgang mit der Informationsflut (Grundverständnis der Funktionsweise von Suchmaschinen; Vermeiden einseitiger Informationsauswahl, stattdessen sinnvolle Nutzung der Meinungsvielfalt im Netz),
  • Risikobewusstsein (Kostenfallen, Datenschutz, Betrug, Missbrauch),
  • Kreativität beim Umgang mit und dem Schaffen von Inhalten, aber auch Grundsätzliches wie Werte und soziale Kompetenz (Problembewusstsein für Cyberbullying; sich verantwortungsvoll bewegen in einem mehr oder weniger anonymen Raum etc.),
  • Informationskompetenz, also die Fähigkeit, Informationen zu bewerten und zu nutzen, Unbedeutendes auszusortieren sowie einschätzen zu können, wie viele Informationen situationsbezogen angegeben werden müssen/können,
  • Befähigung zum Erstellen eigener Inhalte (Webseite, Blog, Film, Musik, eventuell Softwareentwicklung). Technische Fähigkeiten sollten dabei technologieneutral und unabhängig von Herstellern vermittelt werden.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Jede/r mag selbst prüfen, wie medienkompetent er/sie ist.

Doch Lembke und Leipner betonen nachdrücklich, dass das menschliche Gehirn bis zum 14. Lebensjahr eine „Großbaustelle“ sei. Bis dahin, so argumentieren sie, könne diese Medienkompetenz gar nicht erlernt werden. Dräger und Müller-Eiselt machen hingegen deutlich, welche Chancen für eine „massenhaft günstige und individuell zugeschnittene“ Bildung in der Digitalisierung lägen. Ziel sollte es daher sein, diese Wissenswelten miteinander zu verknüpfen. Diese Bücher könnten zusammen helfen, die Herausforderung des Mega-Trends Digitalisierung ein Stück weit zu meistern. Ziel sollte es sein, die Medienkompetenz als zentrale vierte Säule neben Rechnen, Lesen und Schreiben alter(n)sgerecht im Bildungssystem zu verankern. Die Zeit drängt.

Zwei Buchempfehlungen:

  • Dräger, Jörg/Müller-Eiselt, Ralph: Die digitale Bildungs-Revolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München 2015. ISBN 978-3-421-04709-0. 17,99 Euro.
  • Lembke, Gerald/Leipner, Ingo: Die Lüge der digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen. München 2015. ISBN 978-3-86881-568-9. 19,99 Euro.

Warum den Vereinen der Nachwuchs ausgeht!

Seit Jahren wiederholt sich die Klage, dass immer weniger jüngere Menschen den Weg in Vereine, so zum Beispiel den Schützenverein, finden. Immer weniger würden für “Glaube, Sitte, Heimat” zum Beispiel Verantwortung übernehmen. Man sei froh, wenn sich überhaupt noch jemand fände, der Schützenkönig werden möchte. Ähnliches lässt sich von vielen anderen Vereinen und Aktivitäten berichten.

Doch ehrlich: mich wundert das nicht. So hat sich der potenzielle Nachwuchs halbiert. Kamen bundesweit 1964 noch 1.357.304 Kinder zur Welt, waren es 2015 nur noch 738.000 Kinder. Dadurch können nur immer weniger Menschen den Weg in die Vereine finden, denn es wurden seit Jahrzehnten weniger Menschen geboren. Und die Vereine konkurrieren auch noch um den halbierten Nachwuchs. So hat zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr das Alter für Kinder von zehn Jahren auf sechs Jahre herabgesetzt, da man die Kinder für sich gewinnen möchte, bevor sie beim Sport (oder anderswo) landen. Wo bleibt hier zum Beispiel die Tradition des Schützenvereins oder Karnevalvereins, des Männerchors oder Gesangvereins?

Festzuhalten ist, dass dies auch etablierte Strukturen wie unsere christlichen Kirchen trifft. Seit Jahren fühlen sich immer weniger Menschen, insbesondere jüngere Menschen, mit der Kirche und ihren Traditionen verbunden. Die zahlreichen Kirchenaustritte sind nur ein Beleg für diese These. Erste Kirchengemeinden finden schon keine jungen Sternsinger mehr. Bei vielen Vereinen – Sport, Brauchtumspflege, Wohlfahrt – sind Ehrungen für 60-, 65- oder gar 70-jährige Mitgliedschaft keine Seltenheit mehr. Sie überwiegen die für 10- oder 15-jährige Mitgliedschaft.

Auch fehlt es nicht selten an einer gesellschaftlichen Aktualisierung und Modernisierung des Engagements. Bei den Schützen zum Beispiel der Motivstränge Glaube, Sitte und Heimat. Wenn zum Beispiel 21 Prozent der Bundesbürger Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind und rund ein Drittel der neu geborenen Kinder ebenfalls Wurzeln aus dem Ausland haben, dann gewinnt die Vokabel “Heimat” eine neue Bedeutung. Tragen wir dem Rechnung? Oder sagen wir einfach: “Das war doch immer so!”

Schützenvereine tun sich aber zum Beispiel schwer, wenn ein türkischstämmiges Mitglied Schützenkönig wird. Er ist ja muslimischen Glaubens. Doch der Glaube ist etwas anderes als die Religion. Und jede Religion vertritt in der Regel die gleichen Werte, so zum Beispiel: Du sollst nicht töten! Kann Glaube nicht als Wertegemeinschaft interpretiert werden? Schließlich mangelt es nicht selten an einer Bereitschaft zur Veränderung.

Die Gesellschaft hat sich zum Teil massiv verändert, doch nicht wenige Menschen suchen ihre Nischen, wo sie “früher” frönen können, wo sie Entschleunigung erleben, Traditionen pflegen und die Sicherheit des Bekannten und Unveränderten erleben. (Wir haben es gerade beim Brexit erlebt, wo insbesondere ältere Menschen das gute alte England wieder aufleben lassen wollen!) Doch manchmal kommt man einfach zu spät. Dabei könnten so manche Vereine eine Renaissance erleben, wenn es ihnen glaubhaft gelänge, ihre Werte (Glaube, Sitte, Heimat) zu aktualisieren. Dazu braucht es Mut, Mut etwas anders zu machen.

Und besonders bedeutsam ist, dass sich das Motiv zum freiwilligen Engagement verändert hat: Engagement ist für immer mehr Menschen Ehrensache (siehe Flüchtlingshilfe), aber immer weniger Ehrenamt. Darauf gilt es vor Ort zu reagieren. Doch nach wie vor setzen die Menschen (insbesondere auch in den Räten) allein und vor allem auf Vereine, damit auf Vergangenheit. Wir brauchen jedes freiwillige Engagement mehr denn je.  Ohne dieses Engagement wären die deutschen Verwaltungen zum Beispiel bei der Bewältigung der Flüchtlingszuwanderung zusammengebrochen. Doch dieses Engagement braucht neue Formen und Strukturen – neben den Vereinen. Das wäre aktive Zukunftsgestaltung – mit den Menschen.

BREXIT belegt: Herausforderung der Zukunft ist Miteinander der Generationen

Die älteren Menschen in Großbritannien haben sich zu zwei Drittel für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden. Die jüngeren Menschen stimmten zu zwei Drittel für einen Verbleib in der EU. Allerdings haben sie sich nur zu 36 Prozent an der Abstimmung beteiligt. Die älteren Menschen werden die Konsequenz ihrer Entscheidung in der Regel noch bis zu 20 Jahre erleben, die jüngeren hingegen werden in der Regel bis zu 70 Jahre spüren, was diese Weichenstellung bedeutet. Die älteren Menschen werden die wirtschaftlichen Auswirkungen wohl auch deutlich weniger bemerken, denn ihre Renten und Pensionen werden weiterhin gezahlt.

Auch in Deutschland – und in vielen weiteren europäischen Ländern – bestimmen zunehmend die älteren Menschen, wohin die Demokratien gelenkt werden. Die Altersgruppe 65+ ist nicht nur eine der größten (21 Prozent der Deutschen gehören dazu), sondern sie beteiligen sich auch noch zu 80 Prozent an einer Wahl. Da das Durchschnittsalter der Parteimitglieder der CDU und der SPD mittlerweile bei 60 Jahren liegt, wundert auch niemanden, dass die Themen der Älteren dominieren: Rente, Pflege, Sicherheit. Ihre Stimmen können auch leichter durch Ängste mobilisiert werden: Angst vor Neuem, Ungewissem, Fremdem. Zum Vergleich: nur noch 19 Prozent der deutschen Bevölkerung ist unter 18 Jahren. Von den unter 30jährigen beteiligen sich nur 60 Prozent an einer Wahl.

Dabei stehen gewaltige Veränderungen an: demografischer Wandel, Klimawandel, Digitalisierung, Wertewandel, Zuwanderung. Doch eine aktive Zukunftsgestaltung fordert Mut und Bereitschaft zur Veränderung. Es werden zudem innovative, kreative Lösungen gebraucht, denn die Handlungsoptionen der Vergangenheit haben ja diese Probleme erst entstehen lassen. Der BREXIT belegt: Zukunft wird als Hinwendung und damit Verlängerung der Vergangenheit betrachtet. Das wird aber keine zukunftstaugliche Option sein.

Ein wesentlicher Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft wird das Miteinander der Generationen sein. Auch wenn die älteren Menschen über 50 ab 2020 in Deutschland bei jeder Wahl die strukturelle Mehrheit darstellen: Umsetzen müssen es die jüngeren. Und wer sagt, dass sie das bereitwillig tun? Werden sie den Rollstuhl schieben? Und wenn ja: in welchem Klima? Das legen wir heute fest.

Was wir in Deutschland dringend brauchen, ist ein strukturierter Dialog der Generationen und Kulturen. Seniorenrat, Jugendparlament, Integrationsausschuss – das ist gestern. Die Zukunft braucht das Miteinander. Wer nun behauptet, dass unsere Stadt- und Gemeinderäte sowie unsere Kreistage doch dafür da seien, der sagt formal die Wahrheit, lügt sich aber praktisch in die Tasche. Denn diese Gremien sind in der Realität längst Seniorenräte.  Die Sichtweisen jüngerer Menschen (aber auch von zugewanderten Menschen, von sozial benachteiligten Menschen, von behinderten Menschen) fehlen. Sie werden schon lange nicht mehr repräsentiert.

Und wer in Generationen denkt, sollte lernen in fünf Generationen zu denken: Das geborene Kind hat eine 25jährige Mama, eine 48jährige Oma, eine 72jährige Ur-Oma und eine 93jährige Ur-Ur-Oma. Selbst die Bibel kennt nur drei Generationen: Kinder, Erwachsene, Alte. Da sage noch einer: Es war immer so, es bleibt so und es wird immer so sein!

Wer das kulturübergreifende Miteinander der Generationen will, sollte auch deren Begegnung, Austausch und Ringen strukturell ermöglichen. Die politischen Parteien schaffen dies schon lange nicht mehr. Leider. Die Handlungsfelder sind dabei längst generationenübergreifend zu sehen: Betreuung, Bildung (lebenslanges Lernen), Engagement, Wohnen, Inklusion. Das Politikfeld der Zukunft lautet daher: Generationenpolitik. Diese Lehre für die Zukunft der Demokratie sollten wir auch aus dem Brexit ziehen.  Nur: Wir müssen uns auch ändern – wollen.

Was ist, wenn wir 85 sind und die Natur verrückt spielt?

Die verheerenden Verwüstungen, die Tornados, Starkregen und Überschwemmungen in verschiedenen Teilen Deutschlands im Juni 2016 angerichtet haben, und die wir jeden Tag in den Medien bildlich nachvollziehen können, machen betroffen. Für die direkt Betroffenen sind es Schicksalsmomente, für die vorläufig nicht direkt Betroffenen Momente des Nachdenkens und Innehaltens. Denn dies hätte theoretisch jeden betreffen können.

Sicher: Naturkatastrophen gab es schon immer. Sie wird es auch zukünftig geben. Und wenn auch das einzelne Naturereignis nicht mit dem Klimawandel erklärt werden kann, so ist der Klimawandel nachweislich dafür verantwortlich, dass solche Ereignisse heftiger denn je zuschlagen werden. Waren es bisher sechs bis neun Tage im Jahr, so werden es künftig bis zu 17 Tage im Jahr sein, wo Deutschland das Phänomen Starkniederschlag spüren wird, sagen Klimaexperten. Erinnern Sie sich: 2002 sprachen die Medien vom “Jahrhunderthochwasser”. 2013 erlebten wir es erneut. So schnell vergehen Jahrhunderte – für Journalisten.

Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Deutschland altert. Das durchschnittliche Alter, dass Menschen heutzutage erreichen, steigt statistisch von Jahr zu Jahr. 80 wird die Regel. Wie werden Menschen gerettet, die alt und gebrechlich sind, die dement sind, auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind? (Japan hat das im Rahmen der Reaktor-Katastrophe um Fukushima bereits 2011 erlebt.)  Auch 2016 sind die Menschen, die im Zuge der Unwetter tödlich verunglückten, bereits mehrheitlich älter.

Und wer rettet? Wenn die Geburtenzahlen sich seit 1964 halbiert haben, stehen künftig gar nicht mehr so viele junge, kräftige Menschen zur Verfügung, die mit Rettungs- und Feuerwehrfahrzeugen zu den zu rettenden Menschen gelangen. Und wenn ein Drittel der neugeborenen Menschen einen Migrationshintergrund hat, die Freiwillige Feuerwehr in Deutschland noch immer weitgehend eine migrantenfreie Zone ist, wie sieht hier die Nachwuchssicherung aus?

Gleichwohl: eine Naturkatastrophe kommt – und geht. Wie sieht es dann mit der Beseitigung der Schäden aus? Auch hier macht sich bemerkbar, was demografischer Wandel heißt. Denn die Handwerker können auch nicht mehr so üppig auf Nachwuchs bei den Fachkräften zurückgreifen, denn – wie gesagt – die Geburtenzahlen haben sich halbiert. Von den neugeborenen Kindern wuchsen 2015 bereits 16,5 Prozent in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften auf. Was tun wir, damit auch diese gut gebildet werden und als Fachkräfte zur Verfügung stehen? Schließlich bestimmen in Deutschland noch immer eher Herkunft und Elternhaus, was aus einem Menschen wird. Dabei werden in jeder Familie Talente geboren.

Und noch etwas ist heute klar: Die Bauindustrie-Belegschaften altern schon jetzt. Das Durchschnittsalter in der Bauwirtschaft betrug 2014 bereits 43,0 Jahre (2005 waren es noch 40,1 Jahre). Befanden sich 2003 noch 37.900 Menschen in der Ausbildung in einem Bauberuf, so waren es 2013 nur noch 29.400. Wer also kommt, wenn das Haus vom Schlamm überrollt wurde? Wer baut neu, renoviert, legt die Leitungen, verlegt die Fliesen, klebt die Tapeten, klemmt den Strom an?

Mit anderen Worten: Klimaschutzpolitik wird zur präventiven Demografiepolitik. Doch wer sieht das Vorhersehbare? Wer steuert um? Spätestens wenn der letzte Keller wieder ausgepumpt und trocken ist, kehren wir zum “War schon immer so!” zurück und vertagen wieder einmal die aktive Zukunftsgestaltung. Oder wird es dieses Mal anders sein?

Boateng als Nachbar und die drei T’s der Zukunft

Folgende drei große T’s werden unsere Zukunft maßgeblich mitgestalten: Technik, Talent und Toleranz.

Können Sie sich ein Etikett vorstellen, das auf dem Jogurtbecher angebracht ist und Ihnen durch eine Verfärbung mitteilt, dass der Inhalt nicht mehr genießbar ist? Ein Pflaster, das mitteilt, ob die Wunde verheilt? Können Sie sich eine Wohnung vorstellen, die mit Sensoren ausgestattet ist und einem Rettungswagen signalisiert, dass Sie lebensgefährlich gestürzt sind? Können Sie sich einen Roboter vorstellen, der mit einem Polizisten auf Streife geht? Die Frage wird sein, wie wir damit umgehen, wenn die Technik intelligenter ist als das menschliche Hirn und technische Systeme miteinander kommunizieren, ohne dass Menschen wissend daran beteiligt sind?

Das bedeutet, dass wir die Talente, die sich zur Verfügung stellen, so miteinander arbeiten lassen, damit sie gemeinsam zielorientiert das Beste für unsere Zukunft gestalten. Jeder Mensch hat mindestens ein Talent und ist somit talentiert. Die Vielseitigkeit der Talente zu erkennen und zu moderieren wird die Herausforderung sein. Wer blind ist, ist nicht blöd. Jede Gesellschaft, jede Kultur, jede Religion, jede Ethnie verfügt über talentierte Menschen. Die Frage lautet, wie wir es schaffen, dass die Menschen ihre unterschiedlichen Talente erkennen, dass sie von der jeweiligen Gesellschaft wertgeschätzt und zum Wohle aller ihre Talente frei entfalten können?

Wir werden nicht nur immer älter, sondern auch immer vielfältiger: Fünf Generationen in einem Jahrhundert haben unterschiedliche Werte und Lebenserfahrungen, verfügen über unterschiedliche erlernte und erlebte Kompetenzen, greifen auf vielfältige kulturelle, religiöse und regionale Spiritualitäten zurück. Doch diese ungeheure Vielfalt, die sich in Lebensstilen, Lebensentwürfen, und Lebenswelten ausdrückt, kann sich nur talentreich entfalten, wenn sie einander mit Respekt und Toleranz begegnen. Die Geschichte der Menschheit ist eine einzige Wanderungsgeschichte. Ohne Zuwanderung hat keine Gesellschaft je Zukunft gehabt. Die Frage ist zu beantworten, wie tolerant unser Land und unsere Gesellschaft für Talente sind?

Ein erfolgreiches Unternehmen sucht die Talente, die es braucht, damit sie die Technik erfinden, konstruieren und produzieren, die wir zum Beispiel in einer älter werdenden Gesellschaft benötigen.  Dabei auf Talente zu verzichten, bloß weil sie als Mensch “anders” als unsere Vätergenerationen sind, wäre nicht nur dumm, sondern gefährdet die Gestaltung einer guten Zukunft. Bayern München ist auch deshalb erfolgreich, weil sie die Talente aus vielen Ländern zielführend in ein respektvolles Miteinander komponiert haben. Menschen wir Jérôme Boateng als Nachbarn zu haben signalisiert, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Wege sind. Denn wichtiger als die unterschiedliche Herkunft bleibt stets die gemeinsame Zukunft. Sie in Abschottung zu anderen zu gestalten, die anders sind, wird nicht gelingen. Das hat auch die deutsche Geschichte belegt.

Sorgen wir für die Toleranz zum Nachbarn, die ermöglicht, in ihm auch jenes Talent wertzuschätzen, dass mit den gemeinsam entwickelten vielfältigen Techniken kreativ und innovativ Zukunft für alle auf weltmeisterlichem Niveau gestaltet. Dann werden wir auch so manchen GAUland überstehen.

8.600 Flüchtlingskinder einfach verschwunden – keinen regt es auf

In Deutschland galten Anfang April 2016 mehr als 8.600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als vermisst. Rund 780 davon – so das Bundesinnenministerium – seien unter 14 Jahre alt, 7.750 zwischen 14 und 17 Jahre alt. Auch wenn man berücksichtigt, dass Mehrfacherfassungen darunter sind und ein (großer?) Teil bei Familienmitgliedern untergekommen ist, so bleibt es unfassbar, dass in Deutschland Kinder in diesem Ausmaß einfach verschwinden können. Wie kann das?

Machen sich (organisierte?) Kriminelle diese Situation zunutze? Werden diese Kinder als billige Hauskräfte oder Sexsklaven miss-braucht? Und wo bleibt der Aufschrei der Gesellschaft? Von Überfremdung ist die Rede, von einem Verlust der deutschen Kultur. Entschuldigung: ist ein Flüchtlingskind wertlose Ware? Selbst Schuld? Es hätte ja nicht fliehen brauchen? Verdienen diese Kinder nicht unseren Schutz?

Es zeigt den Stellenwert des Kindes in einer Gesellschaft auf, wenn im Grunde niemand wirklich interessiert scheint, diese Kinder wirk-sam zu schützen – vor Pädophilen, vor Kriminellen, vor Organhändlern? Verlieren wir das Gefühl für die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, wenn immer weniger Kinder geboren werden, immer mehr Menschen keine Kinder mehr bekommen und die Mehrheit der Wahlberechtigten immer älter wird?

Ist das ein Kennzeichen eines christlich geprägten Abendlandes, dass (muslimische) Kinder einfach verschwinden, weg sind und keiner weiß wo?

Kinder brauchen eine Lobby – auch und gerade wenn sie auf der Flucht sind. Zeigen wir, dass sie uns nicht egal sind: Reden wir darüber. Immer wieder!

“Ziegenficker” – dumpfe Beleidigung oder hohe Kunst?

Die Diskussion um das Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan durch den Moderator Jan Böhmermann im Rahmen einer ZDF-Neo-Sendung kann eigentlich nur der richtig führen, der das Schmähgedicht ganz und im Zusammenhang gelesen hat. Das habe ich nun getan. Bloß weil die dort vorgetragenen Zeilen sich reimen, muss es noch kein “Gedicht” sein. Doch schon als Schüler habe ich gelernt, dass man hierüber trefflich streiten kann. Nur heute bin ich dabei nicht mehr von der Notengebung eines Lehrers abhängig.

Ich selbst habe mich gewundert, was für ein Aufheben seitens des türkischen Staatspräsidenten darum gemacht wurde und habe mir die Augen gerieben, als sich unsere Bundeskanzlerin im Telefonat mit dem türkischen Ministerpräsidenten davon distanzierte. Die dadurch in Gang gekommene Diskussion hat jedenfalls Jan Böhmermann bundesweit bekannt gemacht und eine intensive Debatte zum Thema “Meinungs- und Kunstfreiheit” initiiert.  Auch haben wir über das Strafrecht in Deutschland viel gelernt. Überflüssige Paragraphen überleben lange, hier über 100 Jahre.

Rosa Luxemburg hat mal sinngemäß vor rund hundert Jahren formuliert: “Meine Freiheit hört da auf, wo die Freiheit des nächsten beginnt.” Das stimmt!

Um eines klar zu sagen: Wir brauchen uns über die despotischen Eigenschaften des türkischen Staatspräsidenten nicht zu unterhalten. Er muss zutiefst persönlich gekränkt sein, denn sonst kann man sich rund 2.000 Beleidigungsklagen im eigenen Land und Verurteilungen von Minderjährigen, weil sie via Facebook Unflätiges über ihn verbreiteten, nicht erklären. Auch die Tatsache, dass er einen erneuten Krieg mit den Kurden vom Zaun brach, um die absolute Mehrheit seiner Partei bei der letzten Parlamentswahl zu sichern, disqualifiziert diesen Menschen. Gleichwohl: er ist demokratisch gewählt! Auch wenn das nicht passt!

Als ich nun über Erdogan in dem Schmähgedicht folgende Zeile fand: “Am liebsten mag er Ziegen ficken”, da habe ich gedacht: “Böhmermann, der Mann bietet so viele Angriffsflächen, warum greifst du ihn unter der Gürtellinie an?” Zudem: Ich möchte meinen (Enkel-)Kindern weiterhin überzeugt sagen: “Ziegenficker” ist ein schlimmes Schimpfwort, eine üble Beleidigung. Das ist keine Kunst! Das macht man nicht! Und damit nicht genug: Böhmermann vertieft das mit der Zeile “Fellatio mit hundert Schafen”. Mit anderen Worten: Erdogan lässt seinen Penis von hundert Schafen lecken. Das ist weder gehobene Kunst, noch Meinungsfreiheit, noch Satire. Das ist üble, menschenverachtende, sexistische und dumpfe Nachrede, die – so meine ich – nicht vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Nachdem Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel-Springer-Verlag, sich hinter jedes einzelne Wort von Böhmermann gestellt hatte, wartete ich auf die Schlagzeile “Ziegenficker” in der BILD. Das ist ja nun Kunst. Kinder zitieren dieses Wort sicherlich jetzt auf den Schulhöfen als Beitrag zur Gedichtinterpretation im Deutsch-Unterricht!

Ich bin froh und gespannt, dass nun deutsche Gerichte hier zu entscheiden haben. Vielleicht gehört “Ziegenficker” ja künftig zum gehobenen Umgangston in Deutschland. Ich hoffe nicht! Eine Gesellschaft hält dann zusammen, wenn man einander wertschätzend begegnet, nicht beleidigend!