„Ehe für alle“, da „Liebe bei allen“ – und es wird weitergehen!

Ist es richtig, dass zwei Menschen eine Ehe begründen, weil sie sich lieben, weil sie ihren Lebensweg verantwortungsvoll gemeinsam gehen möchten, weil sie sich gegenseitig bei den Unwegsamkeiten des Lebens stützen wollen, weil sie aber auch einander glücklich machen möchten? Ist es auch richtig, dass Menschen einander Liebe schenken können, egal welchen Geschlechts sie sind? Dann erscheint es auch logisch, dass die Ehe eine Einrichtung ist, die allen Liebenden zur Verfügung stehen sollte.

Ist es hingegen richtig, dass eine Ehe Grundlage für eine Familie ist, also eine liebende und rechtliche Grundlage, um Kinder zu zeugen und zu erziehen, dann wäre die „Ehe für alle“ nicht folgerichtig.

Welches Bild stimmt? Wahrscheinlich beide. Nur gibt es kein klares dominierendes, gesellschaftlich breit akzeptiertes Bild mehr. Vielfalt lebt inklusiv!

Fakt ist, dass rund ein Drittel aller 2015 geborenen 737.575 Kinder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften geboren wurden, dass rund 20 Prozent der Kinder überwiegend nur mit einem Elternteil zusammenleben, dass Paare mit Kindern, die vom steuerlichen Privileg des Ehegattensplittings profitieren, eine Minderheit unter allen Eheleuten sind, die steuerlich gemeinsam veranlagt werden. Insofern ist die Mehrheit derjenigen, deren Ehe vom Staat steuerlich alimentiert werden, und die keine Kinder erziehen, durch diesen Beschluss nur größer geworden.

Das Bild im Kopf, wonach Ehe gleichzusetzen sei mit Familie, die aus Vater, Mutter und Kind(ern) besteht, findet in der real gelebten Gesellschaft nur noch teilweise statt. Die Bilder der gesellschaftlichen Realität sind hier längst vielfältiger und komplexer. Im Grunde ist der Beschluss des Bundestages nur eine längst überfällige Anpassung geltenden Rechts an gelebte Wirklichkeiten – auch von heterosexuellen Paaren.

Nur: Warum leisten wir es uns, das Institut der Ehe noch steuerlich zu subventionieren? Deutschland braucht Kinder und eine massive Unterstützung derjenigen, die Mut zu Kindern haben – egal ob verheiratet oder alleinerziehend, egal ob als Pflege- oder Adoptiveltern. Wer Kinder liebt, ihnen einen Weg in unsere gemeinsame Zukunft weist, der sollte steuerlich und gesellschaftlich unterstützt werden. Dies auch unabhängig vom Geschlecht.

Wir sollten hier ebenfalls den Mut haben, geltendes (Steuer-)Recht an gelebte Lebenswirklichkeiten anzupassen. Die „Ehe für alle“ ist ein erster Schritt, gesellschaftlich überholte Bilder an die faktisch gelebte gesellschaftliche Realität anzupassen. Doch: 17 Prozent aller neugeborenen Kinder wachsen in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften hinein. Welche Chancen haben sie in unserer Gesellschaft, in der Bildung und wirtschaftlicher Erfolg noch immer sehr stark vom Elternhaus abhängen? Diese Kinder schieben den Rollstuhl im Alter – unabhängig vom Geschlecht!

Und noch ein Zukunftsgedanke: Wenn in einer älter werdenden Gesellschaft 2030 jeder Dritte über 60 als Single leben wird, werden wahrscheinlich weitere Partnerschaftsmodelle das Bild der Ehe anreichern, weil es notwendiger wird, über die gesetzliche Rente hinaus einander im Alter abzusichern. Verantwortliche Solidarität wird dann gebraucht. Die „Ehe für alle“ bietet sich dann an.

Gesellschaftliche Entwicklung ist ein lebendiger, dynamischer Prozess und Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit, selbst wenn man krampfhaft daran festhält.