Mit den „Schmuddelkindern“ der AfD spielen wir … jetzt doch?

Empörung war die übliche Reaktion, wenn Tabubrüche der AfD-Politiker die (ver-) öffentlichte Meinung wieder gegen sich brachten. Ein Beleg dafür, wie man Aufmerksamkeit in einer Mediendemokratie erhält, die Themenagenda setzt und wie die Reaktionen der anderen diese Aufmerksamkeit verstärkten, boten Gauland und Co. immer wieder. Die Reaktion war nicht selten, dass man mit den „Schmuddelkindern“ nicht spielen wollte. Sie wurden in die Ecke gestellt. Aber sie blieben nicht brav und artig in der Ecke stehen.

Nun mal ganz ehrlich: Seit Jahrzehnen geht die Wahlbeteiligung herunter. 1972 gingen noch über 90 Prozent der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl. Wir stellen fest, dass bei Bürgermeisterwahlen vielleicht noch 30 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne schreiten. Ganze Stadtquartiere entpuppten sich als demokratiefreie Zonen, weil kaum noch Menschen Sinn in der Beteiligung sahen. Politiker aller Parteien beklagten nach jeder Wahl, dass man dringendst etwas dagegen tun müsse. Und? Fehlanzeige!

Menschen fanden (tatsächlich oder gefühlt) kein Gehör mehr bei den etablierten Parteien. Sie fühlten sich auch nicht repräsentiert. Ihre Lebenswirklichkeiten zu verbessern hatte kaum einer wirklich auf dem Schirm, aber die Besitzstände derer zu mehren, die eh‘ schon viel hatten, fand hingegen Unterstützung. Nun erleben aber die Unerhörten Macht, als sie spürten, was ihre Wahlstimme für einen Aufruhr, für eine Empörung, für ein Aufmischen verursachen kann. Und ihre brodelnde Wut war so stark angewachsen, dass sie für rationale Argumente immer schwerer zu erreichen waren.

Die Wahlforschung (Wahlnachbefragung) ergab, dass 60 Prozent derjenigen, die der AfD ihre Stimme gegeben haben, dies aus Enttäuschung über die anderen Parteien gegeben haben. Enttäuschungen haben Ursachen. Enttäuschungen kann man ansprechen, korrigieren und künftig vermeiden – wenn man will. Doch die anderen Parteien wollten wohl nicht. Die Quittung beklagen sie jetzt. Dabei haben sie sie mit verursacht. Aber wollen sie sich jetzt verändern?

Sicher: 84 Prozent der befragten Bundesbürger geht es nach eigenen Angaben wirtschaftlich gut. 16 Prozent nicht. 13 Prozent wählten AfD. In Sachsen sogar 27 Prozent.

Dumme Sprüche (egal auf welcher Seite) allein bewirken gar nichts. In die Ecke stellen auch nicht. Jetzt ist harte inhaltliche Auseinandersetzung gefragt, die vorher nicht stattfand. Politiker wie CSU-Chef Seehofer haben sogar die AfD noch rechts überholen wollen. Die Quittung ist in Bayern gleich mehrfach gegeben worden.

Nur ein Problem hat die Politik in Deutschland: Welche Politiker/innen verfügen über die kommunikativen Fähigkeiten, sich inhaltlich, emotional und positionierend in die Debatte zu wagen? Kommen Sie auf zehn Namen? Ich nicht. Hilflosigkeit breitet sich aus – und ereifert sich in Empörung.

Heiner Geißler, dessen Tod wir neulich beklagten, war ein Querdenker und Quertreiber. So Mancher hat ihn als Demagogen bezeichnet.  Hand aufs Herz: Hätten solche Menschen in den Parteien oder an der Wahlurne heute eine Chance aufgestellt bzw. gewählt zu werden? Ich glaube nicht. Es wird halt lieber verwaltet als gestaltet. Weiter so, lautete die Devise. Und das geht jetzt nicht mehr!