Martin Schulz. Oder: Warum wir alle künftig schneller von gestern sind!?

Man reibt sich als politisch interessierter Bürger derzeit die Augen, schüttelt mit dem Kopf und versteht vieles nicht mehr. Es ist vor allem das Tempo der sich überstürzenden Ereignisse, die Berlin zur Hochburg der Narren in karnevalistischer Zeit macht.

Ich dachte immer, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen im Verhältnis von Politik und Bürgerschaft ein hohes, schützenwertes Gut seien. Richtig: Wir wissen schon seit Konrad Adenauer, dass das Geschwätz von gestern heute nicht mehr zu interessieren braucht.

Doch so klar wie Martin Schulz vor einigen Wochen noch kategorisch ausschloss, je in ein Kabinett unter Bundeskanzlerin Angela Merkel einzutreten, so dreist war der kommentarlose und wie selbstverständlich und normal vorgetragene Wunsch, jetzt Außenminister zu werden. (Mindestens ebenso hanebüchen ist die Weitergabe des Parteivorsitzes in einem Hinterzimmer an Andrea Nahles.) Ob dabei innerparteilich noch Wortbrüche als Kollateralschaden zu sehen sind, kann ich nicht beurteilen. Nur: So schnell, wie Martin Schulz aber glaubte, Außenminister werden zu können, so schnell war es dann auch wieder vorbei. Und heute fragt man sich: Wer ist Martin Schulz? Und das alles innerhalb von acht Tagen!

Was passiert hier?

Erinnern wir uns: Martin Schulz war zuletzt fünf Jahre Präsident des Europäischen Parlaments. Das hat noch keiner vor ihm geschafft. Er hingegen hat es geschafft, dass dieses Parlament auch medial sehr häufig wahrgenommen worden ist. Er hat auch Klartext mit den Herren Orban aus Ungarn oder Erdogan aus der Türkei gesprochen. Doch dann verlor er das Amt (an einen unbekannten Mann aus Italien). Finanziell war er versorgt. Dennoch suchte er eine neue Aufgabe. Die SPD suchte gleichzeitig einen neuen Kanzlerkandidaten. Man wählte ihn einstimmig: 100 Prozent. Er startete ambitioniert, weckte große Erwartungen und wollte mit einem Thema punkten, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung nicht als ihr Thema angesehen haben: Gerechtigkeit.

Dass er an dem Abend der Bundestagswahl nach dem schlechtesten Ergebnis, dass die SPD je bei einer Bundestagswahl erzielt hat, den Gang in die Opposition angekündigt hat, war richtig und konsequent. (Übrigens: auch die CDU hat ihr schlechtestes Ergebnis eingefahren! Doch wer spricht darüber? Deren Parteichefin will Kanzlerin bleiben, hat aber keine Ahnung, was sie jetzt anders machen sollte!)

Nur: Wie attraktiv wirken diese ganzen politischen Wirrungen und Irrungen auf Menschen, die überlegen, sich nachhaltig politisch zu engagieren? Demokratie lebt vom Mitmachen. Doch wer will dabei noch mitmachen? Treten nicht gerade sehr viele Menschen der SPD bei, um Politik zu verhindern? Dabei brauchen wir Menschen in der Politik, die die Zukunft nicht länger als Verlängerung der Vergangenheit begreifen. Im Moment ist jedes zweite Mitglied von CDU und SPD älter als 60 Jahre. Ihr Blickwinkel soll Zukunft gestalten?

Ein Hindernis wird von uns selbst gemacht. Denn jeder, der heute Verantwortung übernimmt, sich positioniert und Entscheidungen trifft, setzt sich virtuellen Shitstorm-Attacken aus, die nicht nur hässlich, menschlich verwerflich, sondern auch überflüssig sind. Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass es immer mehr Menschen nur darum geht, lustvoll andere scheitern zu sehen? Nur warum? Weil sie selbst mit sich nicht klar kommen? Weil das Tempo der Beschleunigung, insbesondere der kommunikativen Prozesse immer mehr Menschen überfordert? Weil die Komplexität der Herausforderungen keine einfachen Antworten mehr zulässt, sie aber gleichwohl ersehnt werden, damit man sich nicht verändern muss?

Nur: Wenn alle den Schulz (oder den Lindner) machen, wer gestaltet dann unser schönes Land, in das so viele Menschen einwandern wollen? Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Nur wir brauchen auch Menschen, die erklären, warum sie gestern etwas anders gesehen und bewertet haben, als sie es heute tun. Auch hier verändern sich Blickwinkel von gestern auf morgen sehr schnell. Fehler zu machen bleibt dabei menschlich. Warum hat Schulz nicht gesagt, dass seine damalige Aussage, nicht Minister im Kabinett Merkel werden zu wollen, ein dummer Fehler war, für den er sich nur entschuldigen könne? Wer frei von Fehlern ist, der werfe den ersten Stein. Doch wir sollten auch Menschen erlauben, Fehler zuzugestehen und Zeit zu geben, aus Fehlern zu lernen. Sonst haben wir bald niemanden mehr, der ein Amt übernimmt. Wen haben die Parteien denn als personelle Kanzleralternativen auf Parkposition? Die Personaldecke ist mittlerweile sehr, sehr dünn. Wer kann denn Kanzler/in?

Bei den Steinen, die zurzeit vor allem virtuell auf Menschen in der Politik geworfen werden, frage ich mich, warum die von Fehlern freien Menschen nicht aktiv werden, um es einfach besser zu machen? Oder aber wissen sie selbst ganz genau, dass auch sie selbst morgen schon jemand von gestern sein können? Oder aber sind wir alle wieder schneller im Gestern, weil wir die populistischen Alternativen unterschätzen? Vielleicht wirkt der Fall von Martin Schulz heilsam bei uns allen nach.