Der Islam gehört spätestens seit dem 11. August 1919 zu Deutschland

Am 11. August 1919 wurde die deutsche Verfassung, die sogenannte ‚Weimarer Verfassung‘, verabschiedet. Darin wurde erstmals für ganz Deutschland verbindlich das Recht der „individuellen Religionsfreiheit“ verankert. Wer will, kann es dort in Artikel 136 nachlesen. Dieses Recht ist nach dem zweiten Weltkrieg mit der Verabschiedung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 erneut bestätigt worden. Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert jedem Menschen in den deutschen Grenzen die „Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit“.

Seit 1919 gehört kulturhistorisch also jede Religion zu Deutschland. Seit fast 100 Jahren! Damit auch der Islam.

Schon nach den sogenannten Märzrevolutionen der Jahre 1848/1849 haben einige ehemalige deutsche Staaten (vergleichbar mit unseren heutigen Bundesländern) in ihren Verfassungen die Religionsfreiheit verankert. Zugegeben: niemand hat dabei an den Islam gedacht, aber die Auseinandersetzungen zwischen den christlichen Religionen waren ja auch nicht immer friedlich.

Und historisch betrachtet ist auch die christliche Religion, die Deutschland ohne Zweifel dominierend geprägt hat, durch Kaiser Karl den Großen im 8./9. Jahrhundert mit brutaler Gewalt in die Köpfe seiner Untertanen gehämmert worden. (In der Biographie Karls des Großen von Johannes Fried gut nachzulesen.) Zuvor prägten eher heidnische Religionen und Glaubensvorstellungen das, was Deutschland territorial heute darstellt.

Die Religionsfreiheit ist im Grunde eine wichtige kulturhistorische Erkenntnis. Die Akzeptanz, dass jede Religion dazu gehört, wenn sich Menschen in diesem Land dazu freiwillig bekennen, ist spätestens seit 1919 historischer Fakt.

Der Bundesminister des Inneren, für Bau und Heimat, Horst Seehofer, scheint das nicht zu wissen. Das sollte er aber, denn er ist qua Amt der Hüter der Verfassung. Oder will er es nicht wissen?

Das wiederum stimmt bedenklich, denn der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD trägt folgende Überschrift: „Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land.“ Was ist das für ein  „neuer Zusammenhalt“, der hier vom Bundesheimatminister gepflegt wird, wenn er sagt, dass zwar die Menschen (die Muslime), aber ihre Religion nicht zu Deutschland gehörten? Artikel 4 des Grundgesetzes ist klar und eindeutig (wie zuvor auch Artikel 136 der Weimarer Reichsverfassung). Beides gehört zu Deutschland.

Übrigens: Während des Zweiten Weltkrieges rekrutierte Hitler Zehntausende von Muslimen in die Wehrmacht und in die SS. Deutsche Behörden gründeten diverse muslimische Einrichtungen wie etwa das 1942 eröffnete Islamische Zentralinstitut in Berlin und es wurden auch religiöse Führer aus der gesamten muslimischen Welt angeworben. Pragmatisch und rassistische Bedenken beiseiteschiebend suchten die Nationalsozialisten die Muslime als Verbündete. Hitlers Islampolitik ist übrigens in dem Buch des britischen Historikers David Motadel sehr gut wissenschaftlich dargestellt („Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich.“). Das dürfte für manchen Menschen in Deutschland Aha-Erkenntnisse der besonderen Art bereithalten.

Wer noch mehr Historie will, kann auch auf Kaiser Wilhelm II. zurückgreifen, der sich 1898 im Rahmen seiner Nahostreise in Damaskus bei einer Rede als „Freund“ der damals weltweit „300 Millionen Mohammedaner“ darstellte. Das hatte auch innenpolitische Auswirkungen, denn man wollte glaubwürdig zeigen, dass der Islam dazu gehöre.

Historische Fakten zeichnen somit ein deutlich anderes, differenzierteres Bild, als Populisten, und dazu muss man Herrn Seehofer zählen, es gerne malen und „verkaufen“ wollen. Klugheit und Wissen sind damit die besten Gegenmittel zu einem bedenkenlosen Populismus, der Menschen und Religionen eher entzweien als zusammenbringen will. Bitter ist die Erkenntnis, dass dies Populisten nicht schert. Aber vielleicht gelingt es, die Menschen in Deutschland klüger zu machen, damit sie auf diese Populisten nicht reinfallen.

Es bleibt dabei: Seit dem 11. August 1919 gehört jede Religion zu Deutschland – auch der Islam.