Wow: 792.131 Geburten 2016 – trotzdem wirkt der demografische Wandel weiter

Freuen wir uns über jedes Kind, das 2016 in Deutschland geboren worden ist. Schließlich sind es sieben Prozent mehr als 2015. Und den Tiefststand verzeichnete Deutschland 2011: damals erblickten nur 662.685 Kinder das Licht der Welt. Babylachen ist und bleibt wunderschöne Zukunftsmusik.

Doch wer glaubt, weil jetzt wieder Kindergärten und Schulen gebaut werden müssen, sei der demografische Wandel abgemeldet und ausgemustert, der irrt.

Der demografische Wandel wirkt, weil drei Eckpfeiler nachhaltig Gestalt annehmen. Zum einen werden die Menschen immer älter und der Anteil der Älteren in der gesamten Bevölkerung nimmt stetig zu. Auch versterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden – trotz der erfreuenden Geburtenzahlen. Die Geschichte der Menschheit kannte bisher keine Gesellschaft, in der mehr Menschen über 65 Jahre leben als Menschen unter 18 Jahre. Das ist in Deutschland seit 2009 Realität. Dieser Trend wird nicht umzukehren sein, zumal die wahren Babyboomer um 2030 in Rente gehen.

Es sind seit 1964 immer weniger Kinder geboren worden . Und damit auch zu wenige Frauen, die potenzielle Mütter werden. Das werden wir in den nächsten Jahren spüren, wenn immer weniger Frauen überhaupt Mutter werden können. Wir sind heute mit den Geburtenzahlen etwa auf dem Niveau von 1990. In den nächsten Jahren werden diejenigen Mütter, die nach 1990 geboren wurden und da wird das Potenzial nachweislich weniger. Wer also jetzt Kindergärten baut, sollte sich klar werden, dass eine andere Nutzung in zehn Jahren möglich sein sollte.

Und neben dem ‚Älter‘ und dem ‚Weniger‘ wirkt auch das ‚Bunter‘ oder ‚Vielfältiger‘. Von den 792.131 Geburten hatten 2016 genau 607.500 die deutsche Staatsbürgerschaft (und etliche Kinder davon werden auch einen Migrationshintergrund haben), während 184.660 Kinder geboren wurden, die eine ausländische Staatsangehörigkeit haben. Das ist fast jedes vierte Kind!

Nur, und das wird meist übersehen: diese Geburtenzahlen verlangen nach Kinder- und Jugendärzten – und deren Durchschnittsalter ist besonders hoch. Sie verlangen nach Hebammen und Krankenschwestern auf den Geburtenstationen, aber auch auf den Intensivstationen, denn jede zehnte Geburt ist eine Frühgeburt. Und da schlägt der Fachkräftemangel nachhaltig zu. Sie verlangen nach Erzieherinnen und Erziehern – doch die sind kaum noch auf dem Markt zu finden. Dabei ist die Alterung in diesem Beruf genauso zu beachten wie die Tatsache, dass in diesem Beruf Menschen arbeiten, die selbst zeitweise ausscheiden, weil sie Eltern werden. Und es fehlen auch massiv Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen. Immer mehr Berufstätige scheiden in den nächsten Jahren altersbedingt aus dem Dienst – und wer wächst nach? Positiv betrachtet: Jede/r Referendar/in wird eingestellt. Aber ob das immer gut für die Kinder ist? Und die Herausforderungen von Inklusion und Integration werden weitere Fachkräfte fordern.

So paradox es klingen mag, die höheren Geburtenzahlen werden die Wirkungen des demografischen Wandels der letzten Jahrzehnte nun schneller spürbar machen. Dabei hatte die Zuwanderung der letzten Jahre diese noch herausgezögert.

Was bleibt zu tun? Wir müssen neue Konzepte entwickeln. Wir müssen bereit sein, uns zu verändern, auch Menschen als Arbeitskräfte zulassen, die zwar über Talent, aber nicht über das richtige Abschlusszeugnis verfügen. Wir brauchen Zuwanderung, die Heimatminister zu begrenzen versuchen. Wir brauchen neue gesellschaftliche Prioritätensetzungen. Wir brauchen ein neues Miteinander von Haupt- und Ehrenamt. Wir brauchen eine andere Bezahlung für Hebammen, Erzieherinnen und Grundschullehrende, aber auch für Krankenschwestern und Intensivpflegekräfte. …

Weiter so, das geht nicht mehr. Doch die Freude über die neuen Erdenbürger wird erst einmal dafür sorgen, dass sich wenig ändert. Doch wenn die Kindergartenplätze keine Erziehenden mehr finden, die den Eltern die berufliche Teilhabe ermöglichen, dann wird vielleicht nachgedacht. Wir könnten es jetzt schon, wenn wir wollten, denn die Auswirkungen sind absehbar. Demografie tickt wie ein Uhrwerk.