Notfall Kinderintensivpflege – demografischer Wandel pflügt Schneisen

Wann werden Kinder versterben, weil sie nicht rechtzeitig operiert werden können? Wann werden wir zugeben, dass der pflegerische Engpass auch in allen Kliniken zu enormen Problemen führt? Wann werden wir den Mut haben, umzusteuern und auch ethisch schwer zu treffende Prioritäten vereinbaren?

Im Rahmen des 25jährigen Jubiläums des ‚Bundesverbandes Herzkranke Kinder (BVHK)‘ am 17. März 2018 in Bonn diskutierten Kinderkardiologen, Eltern und Pflegefachkräfte über den pflegerischen Notfall, der sich mittlerweile auf den kardiologischen Kinderintensivstationen bundesweit abspielt. Die mediale Aufmerksamkeit beherrscht die Pflegesituation der älteren Menschen. Darüber reden alle, zumal bundesweit rund 35.000 Stellen, davon 12.000 im krankenpflegerischen Bereich, unbesetzt sein sollen.

Prof. Dr. Hans Heinrich Kramer, seit 1992 Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, hatte den Mut, es zu thematisieren. Er brachte es auf den Punkt: „Auf meiner kinderkardiologischen Intensivstation verfüge ich über zehn Betten. Doch nur sieben werden belegt. Denn für die anderen Betten fehlt mir das Personal.“ So berichtet er weiter, dass er zwar 43 Vollzeitstellen auf seiner kinderkardiologischen Station besetzen könnte, doch nur 34 Vollzeitstellen seien derzeit besetzt. Der Personalmarkt sei leer. „Und jeder krankheitsbedingte Ausfall führt uns stets an die Grenzen des pflegerisch Notwendigen bzw. Machbaren.“ Der Leiter der Kinderkardiologie in Kiel informiert darüber, dass Ende 2017 203 Kinder auf der Warteliste für Operationen gestanden haben. Diese Liste in absehbarer Zeit abarbeiten zu können, bleibe wohl eine Illusion. Für die betroffenen Kinder ein Drama.

Es fehlt nicht nur an Personal, es fehlt auch an den Kapazitäten, dieses Personal aus-, fort- und weiterbilden zu können, wenn es denn da wäre.

Auf die Idee, im EU-Ausland nach geeignetem Personal Ausschau zu halten, kam auch Professor Kramer. Er ist in Litauen fündig geworden. Hervorragende Fachkräfte, beste Zeugnisse. Das Sprachproblem schien regelbar. Doch: als diese litauischen Fachkräfte auf der High-Tech-Kinderintensivstation der Kinderkardiologie Kiel waren, kamen sie nicht zurecht, da sie die Technik und die Geräte nicht verstanden bzw. bedienen konnten.

Doch was hier für herzkranke Kinder (u. a. Kinder mit einem angeborenen Herzfehler) beschrieben wird, gilt auch für viele andere Kinder mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern.
Wann begreifen wir, dass hier keine individuellen Fehlentscheidungen getroffen worden sind, sondern dass aufgrund des demografischen Wandels der vorprogrammierte Fachkräftemangel endlich anerkannt und strategisch angegangen wird. Doch noch immer glauben Viele, hier müsse nur die Bezahlung anständig sein, das Stellenmarketing besser gemacht werden und die besondere sinnstiftende Tätigkeit des jeweiligen Berufes herausgearbeitet werden. Nein. Dem ist nicht so.

Wenn die Menschen, die 1964 geboren worden sind (das waren 1.357.304) 2031 ihren Ruhestand antreten (nach geltendem Rentenrecht), dann werden die 2013 Geborenen (682.069) 18 Jahre alt sein und in den Arbeitsmarkt eintreten. Doch sie werden nur die Hälfte der frei werdenden Arbeitsplätze einnehmen können. Die andere Hälfte ist nicht mehr da. Ohne fundamentale strukturelle Veränderungen und inhaltliche Kompromisse werden wir diese Situation nicht mehr gestalten. Doch dazu muss man bereit sein. Da scheint der Druck noch immer nicht hoch genug.

Mal sehen, wie viele Kinder Ende 2018 auf der Kieler Warteliste stehen. Hoffen wir, dass alle noch leben.