Kategorie-Archiv: Demografischer Wandel

Wenn wir einmal alt sind – Pflegerealität in Deutschland

Es ist erstaunlich, dass erst im Endspurt des Bundestagswahlkampfs ein Thema nach vorn gespült wird, dass alle direkt oder indirekt betrifft: die Pflege im Alter. Die Äußerungen von Frau Merkel und Herrn Schulz signalisieren, dass sie den demografischen Wandel nicht verstanden haben oder aber von der großen Herausforderung der Zukunft ablenken möchten. Einlullen könnte eine Devise lauten, denn auch viele weitere Zukunftsthemen schaffen es nicht auf die Wahlkampfagenda. Tenor: Weiter so!

Fakt ist, dass der Anteil der Haushalte mit Menschen über 60 Jahre bis 2020 um 14 Prozent und bis 2030 um 30 Prozent zunehmen wird. Daran kann sich nicht viel ändern, denn diese Menschen sind da, sie leben und werden älter. Das weiß man – übrigens schon seit über 50 Jahren!

Fakt ist zudem, dass Pflege ein Thema des Alterns ist. 73 Prozent der zu Pflegenden sind älter als 65 Jahre, 37 Prozent älter als 85 Jahre (2015). Da braucht es – das ist Logik – auch Menschen, die pflegen.

Die Politik verspricht, die notwendigen Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist löblich, nur: Woher sollen die Menschen kommen, die diese Plätze besetzen?

Denn Fakt ist auch: Wenn in Deutschland ein Arbeitsplatz frei wird, so braucht es 98 Tage im Durchschnitt über alle Berufe und frei gewordenen Stellen, bis sie wieder besetzt werden kann. (Diese Zahlen stammen von der Bundesagentur für Arbeit und sind im Januar 2017 gemessen worden.) Das war noch nie so hoch.

Im Pflegebereich braucht es schon heute 164 Tage – im Durchschnitt!

Ja, so argumentieren ganz findige Menschen, wir müssen den Beruf attraktiver machen, wir müssen ihn besser bezahlen, wir müssen für mehr Ausbildung sorgen. Das hätte man natürlich längst tun können! Aber nun gut: Blick nach vorn.

Fakt ist auch hier: Zum einen werden die Menschen, die in der Pflege arbeiten älter und müssen auch hier irgendwann durch Nachwuchskräfte ersetzt werden. Fakt ist auch, dass viel mehr Kräfte gebraucht werden. Schätzungen gehen von 350.000 zusätzlichen Kräften aus bis 2030.

Nur: der Nachwuchs ist gar nicht mehr in ausreichender Zahl da. Denn wenn 2031 der geburtenstärkste Jahrgang (1964: 1.357.304 Geburten) in Rente geht, dann stehen 682.069 18-Jährige zur Verfügung, die 2013 geboren wurden. Also die Hälfte. Und Nachwuchs brauchen alle. Erinnern Sie sich an das Wahlversprechen der Parteien: 15.000 zusätzliche Polizisten in der Bundespolizei! (Die altersbedingten Berufsausscheidungen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.)

Jetzt kommt die Frage der Zuwanderung ins Spiel. Ein Einwanderungsgesetzt ist seit Jahrzehnten abgelehnt worden. 1955 der erste Gastarbeitervertrag, 1964 das Ausländerrecht in der Rubrik „Gefahrenabwehrrecht“ und 2016 das Integrationsgesetz. In der Lebenslüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland, leben nach wie vor etliche Menschen – besonders ältere Menschen. Doch wer schiebt deren Rollstuhl?

Weiter so? Das mag bis zum 24. September 2017 noch funktionieren. Danach in keinem Fall. Nur: Wir brauchen Menschen, die Ideen entwickeln, wie eine Welt gestaltet werden kann, die wir in der Vergangenheit noch nicht hatten. Noch nie hatten wir so viele Menschen über 65 Jahre und so wenige Menschen unter 18 Jahre. Wann denken wir um und neu? Oder doch lieber satt und zufrieden Zukunft als Verlängerung der Vergangenheit? Lebenslügen kann man wählen, aber nicht gestalten.

„Kanzlerduell“ oder „Zukunft ist die Verlängerung der Vergangenheit“

Welche Vision habe ich von unserem Deutschland in Zukunft – für uns, unsere Kinder und Enkelkinder? Wie sollte die Bundesrepublik Deutschland in vier Jahren aussehen? Was wollen wir bis dahin gemeinsam wie geschafft haben? Welche Menschen, denen es heute nicht so gut geht in Deutschland, dürfen in vier Jahren spürbar welche Verbesserungen erfahren? Welche Herausforderungen werden die nächsten Jahre bestimmen? Welche Weichenstellungen gilt es für eine über die nächste Wahlperiode hinausgreifende Zukunft zu stellen? Können Sie diese Fragen nach dem „Kanzlerduell“ beantworten?

Wer Antworten auf diese oder ähnliche Fragen erwartet hat, der ist enttäuscht worden. Die Herausforderungen, die sich durch den demografischen Wandel in wenigen Jahren eklatant zeigen werden, sind gar nicht besprochen worden: Wie pflegen wir? Welche Ärzte stehen wo wie zu Verfügung? Wer serviert den Cappuccino? Wie gestalten wir Deutschland angesichts des sich dramatisch ankündigenden Fachbedarfs um? 15.000 Polizisten wollen beide Kandidaten neu auf Bundesebene einstellen. Schön. Nur: woher sollen sie kommen?

Ein Fakt für Sie: Wenn die 1964 Geborenen (das sind 1.357.304 Menschen) 2031 nach geltendem Rentenrecht in den Ruhestand gehen können, dann werden die von ihnen eingenommenen Arbeitsplätze nur noch zur Hälfte wieder besetzt werden können. Die andere Hälfte ist gar nicht mehr geboren. Denn 2015 erblickten in Deutschland 737.575 Kinder das Licht der Welt, davon 36 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund, 17 Prozent Kinder, die in Hartz-IV-Bedarfsfamilien hineingeboren wurden und rund zehn Prozent „Frühchen“. Wenn davon 15.000 Menschen Polizisten werden (und dann sind die altersbedingt ausgeschiedenen noch nicht einmal ersetzt!), dann fragt sich: Wer wird Erzieher, wer Lehrer, wer Richter, wer Altenpfleger, wer IT-Ingenieur, … ? Überall suchen wir.

Besonders herausfordernd wird es in der Ärzteversorgung sein, denn das Durchschnittsalter der Vertragsärzte in Deutschland betrug 2016 stolze 54,2 Jahre. Damit wird in zehn, elf Jahren jede zweite Praxis von heute geschlossen sein. Der medizinische Nachwuchs wird das nicht auffangen können. Und das auf dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft, die eine Dienstleistung besonders braucht: Gesundheit. Aber wen interessiert es: die beiden Kanzlerkandidaten nicht und die Moderatoren von ARD; ZDF, RTL und SAT 1 auch nicht. Wahrscheinlich alle privat versichert.

Wir müssen endlich begreifen, die Zukunft kann nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit sein. Ein „Weiter-So!“ funktioniert nicht mehr. Wir brauchen einen Umbau unserer Gesellschaft – in allen Bereichen und eine Neugestaltung der staatlichen Leistungen für die Bevölkerung. Wir brauchen Ideen. Wer hat die? Und darf man die äußern, ohne gleich niedergeschrien zu werden? Im Übrigen: das geschilderte Problem wartet dennoch auf eine Lösung! Egal, wer die Bundestagswahl gewinnt.

Übrigens: das Fachkräfteproblem hat diese Bundesregierung mit der „Rente mit 63“ vor vier Jahren mit verschärft. Jetzt hält sie die Beschäftigung älterer Menschen für eine wichtige Lösung des Fachkräftebedarfs!

Richtig ist, dass die Digitalisierung unsere Arbeits- und Alltagswelt ebenso nachhaltig und tiefgehend verändern wird. Das war den Kandidaten ein Nebensatz wert. Und diese Veränderungen treffen nicht nur auf eine älter werdende Gesellschaft, sondern auch auf eine älter werdende Belegschaft in den Betrieben. Wer sich hier nicht verändern will, wird untergehen. Weiterbildung in jedem Alter wird daher zu einer besonders wichtigen an der Lebenslinie ausgerichteten Herausforderung. Doch gerade Bildung ist 16mal in Deutschland aufgesplittert.

Doch auch hier stehen Änderungen an, da wir uns 16 Bundesländer auf Dauer nicht mehr leisten können. Warum? Ganz einfach. In allen deutschen Behörden und Verwaltungen sind 25 Prozent der Beschäftigten älter als 55 Jahre, aber nur 12 Prozent jünger als 30 Jahre. Wie sieht die Verwaltung der Zukunft aus angesichts dieses Aderlasses? Eine Lösung könnte sein, eine Vertrauenskultur statt eine Misstrauenskultur in den Behörden aufzubauen.

Wie auch immer: Die Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit. Am 24. September 2017 wählen wir aber ein „Weiter-So!“. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert, so dass künftig noch weniger wählen gehen werden.

Wie wir künftig wohnen: barrierefrei, rollatorgerecht und mobil erreichbar

In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 wurden so viele Wohnungen bundesweit genehmigt wie seit 1999 nicht mehr. Doch genehmigt ist noch nicht gebaut. Rund 300.000 Wohnungen sollten es Ende 2016 geworden sein, 350.000 bis 400.000 neue Wohnungen werden laut dem Deutschen Mieterbund jährlich gebraucht. Steht in den urbanen Gebieten der Neubau im Vordergrund, so kämpfen die ländlichen Regionen mit Leerständen.

Was oft übersehen wird – auch in den Städten – ist der rasant steigende Bedarf an barrierefreien Wohnungen für die älter werdende Gesellschaft. Waren nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung 2014 noch 21,3 % der Bevölkerung älter als 65 Jahre, so werden es 2030 wahrscheinlich 25,1 % sein. 2060 wird ein Drittel der Bevölkerung zu dieser Altersgruppe gehören. Allein der Anteil der Menschen über 80 Jahre wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln: von 4,4 Millionen 2013 auf rund neun Millionen Menschen 2060. Dafür brauchen wir händeringend Wohnungen, in denen die Menschen sich zum Beispiel mit dem Rollator bewegen können. Schätzungen zufolge erfüllen heute rund drei Prozent aller Wohnungen bundesweit diese Anforderungen.

Fazit: Der alter(n)sgerechte Umbau bestehender Wohnungen müsste auf der Agenda ganz oben stehen. Zudem fehlen Unterbringungen für Menschen, die nicht mehr eigenständig leben können (oder wollen), die es dann zu betreuen gilt.

Wer wissen will, wie es in wenigen Jahren aussehen wird, der sollte einmal nachzählen, wie viele Wohnungen von Menschen über 75 allein oder zu zweit bewohnt werden. Ein gigantisches Konjunkturprogramm für das Bauhandwerk liegt auf der Hand.

Nur – und das wird meist auch übersehen – das Bauhandwerk altert: waren die Belegschaften 2005 im Durchschnitt 40,1 Jahre alt, so lag dieses Alter 2014 bereits bei 43,0 Jahren. Tendenz steigend, denn das Handwerk ist nicht der Traumberuf bei jungen Männern und Frauen. Wurden 2003 noch 11.600 Ausbildungsverträge im Hochbau geschlossen, waren es 2013 nur noch 9.600. Tendenz fallend. Es bleibt die Frage, wer diese enorme Nachfrage nach Neu- und Umbau erfüllen wird?

Zumal auch in den Verwaltungen das Personal in den Baugenehmigungsbehörden immer knapper wird. Das Medianalter bei den baunahen Ingenieuren im öffentlichen Dienst liegt bei 49 Jahren (nur acht Prozent sind jünger als 34 Jahre).

Diese Herausforderungen können nur regional gemeinsam – mit Städten und ländlichen Regionen im Umland – gemeistert werden. Es braucht daher ein strategisches regionales Gesamtkonzept, das auch die infrastrukturellen Aspekte berücksichtigt. Es braucht Akteursbündnisse, die weit über Politik und Verwaltungen hinausgehen. Es braucht Gestaltung, nicht mehr nur Verwaltung.

Merkel IV: Sicherheit und Stillstand, Verlässlichkeit, aber vertagte Zukunft

Angela Merkel strebt eine weitere Kanzlerschaft an. Nach gegenwärtigen Prognosen dürfte sie ihr Ziel erreichen. Doch was wird das für Deutschland, für uns bringen?

Sie ist ohne Zweifel jemand, die international über hohe Autorität verfügt und diese auch stabilisierend in einer sich temporeich veränderten internationalen Gemengelage einzubringen versteht. Sie ist zudem jemand, die ein klares Wertekorsett hat, dass sie bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme beeindruckend zu Tage gefördert hat. Damit steht sie für Sicherheit und Verlässlichkeit – hohe Güter und Werte, gerade in einer älter werdenden Gesellschaft.

Gleichwohl stehen gewaltige gesellschaftliche Veränderungen an, die aktiv zu gestalten sind, wo ein „Weiter so!“ nicht mehr ausreichen wird. Die derzeitige Bundesregierung hat diesen Veränderungen nur bedingt Rechnung gezollt. Die Diskussionen in den Medien, auf den Parteitagen und in den Talkshows machen ebenfalls einen Bogen um diese Zukunftsfragen.

Beispiele?

2031 wird der geburtenstärkste Jahrgang Deutschlands in Rente gehen. Deren Arbeitsplätze werden dann nur noch zur Hälfte wieder besetzt werden können, da die andere Hälfte nicht mehr geboren ist. Wie gestalten wir das? Ideen, Diskussionen: Fehlanzeige.

Der Migrationsdruck wird weltweit noch zunehmen: die Klimaveränderungen werden zu neuen Fluchtbewegungen führen, ebenso die demografischen Entwicklungen in Afrika. Etliche hängen noch immer an der These, wir seien kein Einwanderungsland und meinen mit Burka-Verbot und Staatsangehörigkeitsformalia ließen sich diese Fragen regeln. Deutschland ist das älteste Land Europas: Jeder zweite Bürger ist älter oder jünger als 45. Das jüngste Land der Welt ist Niger mit einem Medianalter von 15 Jahren. Wenn diese Menschen auf Wanderschaft gehen, was dann? Ideen, Diskussionen: Fehlanzeige.

Die Digitalisierung wird unser Zusammenleben in allen Lebensbereichen nachhaltig verändern. Die Frage, ob der Computer den Menschen bestimmt, wird Realität, denn längst kommunizieren künstliche Intelligenzsysteme miteinander, ohne den Menschen zu beteiligen. Diese Herausforderung wird gerade in einer älter werdenden Gesellschaft mit einer enormen (Weiter-)Bildungsanstrengung gestaltet werden müssen. Doch die „Bildungsrepublik“, die Angela Merkel vor einigen Jahren als Vision beschrieb, dümpelt vor sich hin. Noch immer sind Bildungserfolge stark abhängig von Herkunft und sozialer Lebenssituation. Was sagt uns das, angesichts eines Migrationshintergrundes von 36 Prozent und einer Hartz-IV-Quote von 17 Prozent bei den Neugeborenen? Ebenso wird die Floskel vom lebenslangen Lernen noch zu wenig mit Inhalt gefüllt. Ideen, Diskussionen: Fehlanzeige.

Die Verwaltungen in Deutschland altern in einem Ausmaß, dass den Standort Deutschland in Frage stellt. 25 Prozent der Beschäftigten in den deutschen Behörden von Bund, Ländern und Kommunen sind älter als 55 Jahre. Nur 12 Prozent sind jünger als 30 Jahre. Wer verwaltet uns künftig in welcher Qualität? Die Verwaltungen von heute werden 2030 völlig anders aussehen müssen. Ideen, Diskussionen: Fehlanzeige.

Diese Zukunftsfragen drängen, sind absehbar zu beantworten. Doch wo werden sie diskutiert? Wetten, dass diese Fragen auch nicht die Wahlkämpfe in Bund und Ländern 2017 inhaltlich bestimmen werden? Dort wird Politik noch immer betrieben als Verlängerung der Vergangenheit – und immer mehr Wähler/innen wünschen sich das auch angesichts des Tempos der von ihnen immer weniger verstandenen Veränderungen und wählen möglichst einfache Losungen, Optionen und Ideen der Vergangenheit. Doch diese Fragen brauchen Antworten, die das Morgen und Übermorgen im Blick haben. Wer sie nicht gibt, vertagt erneut die Zukunft, egal welchen Alters.

Trotz Merkels „Flüchtlingsbeichte“ – Drei Grundfragen muss jeder beantworten!

Es ist ruhig geworden an der deutschen Flüchtlingsdebattenfront. Hat Merkels „Flüchtlingsbeichte“, wonach sie Fehler gemacht habe und lernen musste, Wirkung gezeigt? Oder ist Seehofer anderweitig beschäftigt? Wie auch immer: Egal wer wie zu den Fragen rund um Zuwanderung und Flüchtlingen steht: Drei grundsätzliche Fragen sollte jeder für sich beantworten!

Erste Frage: Wollen wir in Deutschland Menschen, die in Not sind, aufnehmen? Dabei interessiert erst einmal nicht, woher der Mensch kommt, wichtig allein ist, dass er in Not ist, um Leib und Leben fürchten muss. Sind Kriege politische Fluchtgründe? Artikel 16 unseres Grundgesetzes sichert jedem Menschen ein individuelles Recht auf Asyl zu, der in eine entsprechende politische Notlage geraten ist. Wer das nicht will, muss dafür werben, Artikel 16 aus dem Grundgesetz zu streichen. Das wiederum geht nicht so einfach, da Artikel 19 Absatz 2 sagt, dass die grundlegenden Menschenrechte (auch Artikel 16) nicht abgeschafft werden können. Gleichwohl: auch das Grundgesetz insgesamt kann abgeschafft werden. Nur dann will dieser Mensch eine andere Republik. Das ist legitim, muss aber gesagt werden. Wer für die Aufnahme von Flüchtlingen nach Artikel 16 Grundgesetz ist, dem sei gesagt, dass ein individuelles Asylrecht keine Obergrenze kennen kann. Wer den Missbrauch des Asylrechts verhindern will, sollte schleunigst ein Einwanderungsgesetz fordern und die Fluchtursachen in den jeweiligen Ländern bekämpfen.

Zweite Frage: Brauchen wir eine Zuwanderung aus demografischen Gründen, um unseren sozialen Frieden und unseren Wohlstand zu erhalten? Fakt ist, dass jährlich in Deutschland weniger Kinder geboren als Menschen sterben. Die Lücke steigt unaufhörlich: 2015 waren es rund 190.000 mehr Sterbefälle. Fakt ist aber auch, dass die Alterung der arbeitenden Bevölkerung noch schneller verläuft, da die sogenannten geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge nun allmählich in den Ruhestand eintreten. Schon jetzt ist es immer schwieriger, Arbeitsplätze zu besetzen. Das Stichwort dazu lautet Fachkräftebedarf. Wer keine Zuwanderung will, der muss erklären, wie er diese älter werdende Gesellschaft versorgen will. Wie geht das, wenn niemand da ist, der pflegt, der den Rollstuhl schiebt? Von 2010 bis 2015 sind netto 2,94 Millionen Menschen mehr nach Deutschland ein- als ausgewandert. Der größte Anteil stammt aus EU-Ländern. Gleichzeitig sind die Hartz-IV-Leistungsempfänger um rund 780.000 und die Arbeitslosen um rund 440.000 Menschen zurückgegangen. Ohne die Zuwanderung wäre also der Fachkräftebedarf noch größer und wären unsere Sozialkassen (Rente, Gesundheit und Pflege) weniger gut gefüllt. Wer gegen Zuwanderung ist, sollte auch den Austritt aus der EU anstreben, aber bitte sagen, wie er diese älter werdende Gesellschaft organisieren, finanzieren und gestalten will?

Dritte Frage: Wollen wir eine ethnisch geschlossene oder eine weltoffene Gesellschaft sein? Jeder ist hier gefordert zu sagen, wie er sich unsere Gesellschaft vorstellt. Wollen wir Produkte aus der ganzen Welt genießen? Wollen wir die Talente der ganzen Welt für unseren gesellschaftlichen Erfolg nutzen? Soll die Welt bei uns zu Gast sein wollen? Oder wollen wir das alles nicht? Nur: was ist dann deutsch? Müssen jene 21 Prozent der heutigen Gesellschaft, die ausländische Wurzeln haben, Deutschland verlassen? (Wie könnte das organisiert werden?) Dann wäre übrigens kein Krankenhaus in Deutschland mehr arbeitsfähig! Rund zehn Prozent der in Deutschland berufstätigen Ärzte kommen aus dem Ausland. Wer keine Zuwanderung will, der soll erläutern, wie er / sie sich Deutschland dann vorstellt? Wer hingegen für eine weltoffene Gesellschaft ist, der sollte für eine gelingende Integration werben – und das ist immer ein beidseitiger Prozess.

Angela Merkel hat in ihrer „Beichte“ gesagt, Deutschland sei kein „Weltmeister der Integration“. Nein, aber was noch nicht ist, muss endlich werden! Die hier aufgezeigten Alternativen sind für mich keine Alternativen. Ich bin für eine weltoffene Gesellschaft, die Zuwanderung als Chance begreift. Doch ebenso bin ich für ein Einwanderungsgesetz und für eine aktive Integrationspolitik.

Ich werde hierzu auf den Flüchtlingskonferenzen des Bistums Trier in Koblenz (12. November) und in Saarbrücken (26. November) vortragen.

Rente mit 69 oder: Mathematik lässt sich nicht abwählen

Die Diskussion um das Renteneintrittsalter (63, 65, 67 oder gar 69) nimmt dank der Deutschen Bundesbank wieder Fahrt auf. Und wundern sollte es niemanden, denn diese Diskussion ist unausweichlich.

Die Fakten sind klar: das Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist 1913 in das Reichsversicherungsgesetz geschrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Menschen weder sehr alt noch lebten sie lange von der Rente. Heute hingegen

• leben wir immer länger – auch gesünder länger.
• zählen wir schon mehr Rentner als Menschen unter 20 Jahren und in den nächsten Jahrzehnten wird dieser Unterschied noch deutlich anwachsen.
• beziehen die Menschen ihre Rente immer länger, im Durchschnitt zurzeit rund 20 Jahre,.
• stehen in den nächsten Jahrzehnten immer weniger Menschen als erwerbsfähige Menschen zur Verfügung und zahlen in die Sozialversicherungssysteme ein.
• zahlt der Steuerzahler die Rekordsumme von 85 Milliarden Euro jährlich in die Rentenkasse als Zuschuss, damit das System überhaupt funktioniert.

Die Frage, wie dieses Rentensystem, das als Generationenvertrag konzipiert ist und im Grunde schon seit Jahr(zehnt)en nicht mehr als solches funktioniert, zukunftsfähig gehalten werden kann, kennt theoretisch vier Lösungen:

• den Beitrag erhöhen (er liegt zurzeit bei 18,7 Prozent),
• die Lebensarbeitszeit erhöhen (wir erleben gerade die Ausweitung auf 67 Jahre, wobei besonders gut situierte Menschen zulasten unserer Enkelkinder gerade noch einmal bevorzugt wurden durch die Rente mit 63)
• das Rentenniveau sinkt, also der Betrag, der nachher als Rente tatsächlich gezahlt wird (das ist die bisherige Politik, da sie sich am besten verstecken ließ und erst später bemerkt wird)
• eine Kombination der ersten drei Lösungsmöglichkeiten.

Viele Menschen sagen, dass schon heute die 60- oder 65-Jährigen nicht mehr arbeiten könnten, wie soll das erst mit 67 oder gar 69 Jahren gehen. Diese Argumentation geht von folgenden Irrtümern aus:

• Niemand wird in dem Beruf bleiben, in dem er seine berufliche Laufbahn begann. Die Währung der Zukunft heißt Talent nicht Ausbildungszeugnis.
• Niemand wird künftig ohne alternsgerechte Arbeitsbedingungen seiner Arbeit nachgehen.
• Niemand wird auch im höheren Alter 40 Stunden kloppen müssen.
• Niemand sollte einen 65-Jährigen von heute mit einem 65-Jährigen 2030 oder gar 2060 vergleichen. Da liegen Welten dazwischen, so wie ein 65-Jähriger von heute auch nicht mit einem 65-Jährigen von 1960 verglichen werden kann.

In einer Diskussionsrunde mit der Bundeskanzlerin habe ich ihr 2012 in Mannheim gesagt, dass ich 1961 bei meiner Geburt eine statistische Lebenserwartung von 75 Jahren hatte, heute hätte ich hingegen eine statistische Lebenserwartung von 83 Lebensjahren. Von den acht gewonnenen Lebensjahren darf ich zwei länger arbeiten. Wo liege das Problem? Die politische Antwort der gegenwärtigen Bundesregierung war die Rente mit 63. Doch: Mathematik lässt sich nicht abwählen. Fakten bleiben Fakten. Die Rente mit 69 kommt – wenn auch erst 2060. Oder wie wollen Sie das Problem lösen? Den Kopf in den Sand stecken?

Paradigmenwechsel in Behörden? Vertrauen statt Misstrauen!

In Deutschland zählt eine gute, funktionierende, dem Bürger zugewandte Verwaltung in Städten und Gemeinden, auf Kreis-, Landes- und Bundesebene als wirtschaftlicher Standortfaktor. Wer andere Länder kennen gelernt hat, weiß die deutsche Verwaltung zu schätzen. Doch auch sie hängt entscheidend vom Personal ab.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung macht jetzt das schon lang Absehbare deutlich: die Mitarbeiter/innen in den Behörden werden auch älter. In den kommenden acht Jahren (bis 2024) wird im Durchschnitt jede/r vierte Beschäftigte die Pensionsaltersgrenze erreichen, in manchen Gemeinden sogar fast jede/r zweite. Dann verlässt nicht nur viel Wissen und Erfahrung die Behörde, es stellt sich zudem die Frage, wer sie ganz konkret ersetzt. Denn der Nachwuchs ist ja nicht mehr unbegrenzt da.

Vergegenwärtigen wir uns: 1964 kamen 1.357.304 Menschen zur Welt , 2015 waren es nur noch 737.630. Wenn also die 1964 Geborenen in 15 Jahren ihren Ruhestand antreten (mit 67 Jahren!), dann kann nur noch jeder zweite von ihnen eingenommene Arbeitsplatz wieder besetzt werden. Die andere Hälfte ist nicht mehr da! Wer macht also die Arbeit? In Köln zum Beispiel sind schon heute 1.000 Stellen unbesetzt, bis 2022 gehen mindestens 1.350 Menschen in Pension. So attraktiv scheint der Verwaltungsjob für qualifizierte Fachkräfte gar nicht zu sein, das zig Menschen Schlange stehen. Was heißt das für unsere zukünftige(n) Verwaltung(en)?

Sicher: das Problem ist nicht neu. Die Alterspyramide war schon lange ersichtlich und schon vor zehn Jahren hätte man Personalentwicklungspläne auflegen können. Klar ist: Etliche Bundesländer werden nicht mehr das Personal haben, um ihre Dienstleistungen wie gehabt zu erbringen. Doch: Hätte, hätte, Fahrradkette. Blick nach vorn: Lösungen müssen her.

Aus meiner Sicht steht ein Paradigmenwechsel an: Behörden sollten lernen, ihren Bürgern/innen zu vertrauen, ihnen nicht mehr grundsätzlich zu misstrauen. Finanzämter zum Beispiel halten jeden Bürger/in für einen notorischen Steuersünder. Warum? Vereinfachen wir das Steuerrecht, gäbe es nicht mehr so viel zu prüfen. Wir sollten aber überall weniger prüfen müssen, ob sich die Bürger/innen auch regelkonform verhalten, sondern die Anreize so (hoch) setzen, dass sie motiviert sind, es gleich richtig zu machen. Wir sollten nicht mehr prüfen und messen, ob zum Beispiel am Ende einer Leitung in die Abwasserkläranlage zu viel Dreck entsteht, sondern von Beginn an die Anreize so setzen, dass kein Dreck mehr in die Leitungen gelangt. Wir müssen lernen, dass 16 Bundesländer, 295 Landkreise, über 14.000 Kommunen sowie viele weitere Behörden nicht unbedingt sein müssen, um ein Land zu verwalten. Allein das „bedingungslose Grundeinkommen“ könnte viele Behörden und viel Prüfungsarbeit von Anträgen schlichtweg überflüssig machen.

Gerade die Flüchtlingsbewegungen 2015 haben doch eindrucksvoll belegt, dass unsere Zivilgesellschaft bereit und fähig ist, die Aufgaben im Rahmen eines neuen Gesellschaftsvertrages neu auszutarieren. Diese Diskussion gilt es jetzt zu führen. Offensiv, aktiv, innovativ.

Wer auch in Zukunft eine gut funktionierende Verwaltung haben möchte, der muss lernen, dass die Zukunft nicht die Verlängerung der Vergangenheit ist. Es braucht allerdings Mut, denn ohne Veränderung wird das nicht möglich sein.  Und es drängt, denn je älter die Wahlbevölkerung wird (2017 wird jede/r zweite Wähler/in, nicht Wahlberechtigte, bereits älter als 55 Jahre sein!), umso weniger werden Veränderungen gewollt sein (siehe Brexit!). Leider! Und da nur wenige Politik(er) kommunikativ und mutig sind, kommt es auf mutige und innovative Akteure der Zivilgesellschaft an. Auf uns alle also!

BREXIT belegt: Herausforderung der Zukunft ist Miteinander der Generationen

Die älteren Menschen in Großbritannien haben sich zu zwei Drittel für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden. Die jüngeren Menschen stimmten zu zwei Drittel für einen Verbleib in der EU. Allerdings haben sie sich nur zu 36 Prozent an der Abstimmung beteiligt. Die älteren Menschen werden die Konsequenz ihrer Entscheidung in der Regel noch bis zu 20 Jahre erleben, die jüngeren hingegen werden in der Regel bis zu 70 Jahre spüren, was diese Weichenstellung bedeutet. Die älteren Menschen werden die wirtschaftlichen Auswirkungen wohl auch deutlich weniger bemerken, denn ihre Renten und Pensionen werden weiterhin gezahlt.

Auch in Deutschland – und in vielen weiteren europäischen Ländern – bestimmen zunehmend die älteren Menschen, wohin die Demokratien gelenkt werden. Die Altersgruppe 65+ ist nicht nur eine der größten (21 Prozent der Deutschen gehören dazu), sondern sie beteiligen sich auch noch zu 80 Prozent an einer Wahl. Da das Durchschnittsalter der Parteimitglieder der CDU und der SPD mittlerweile bei 60 Jahren liegt, wundert auch niemanden, dass die Themen der Älteren dominieren: Rente, Pflege, Sicherheit. Ihre Stimmen können auch leichter durch Ängste mobilisiert werden: Angst vor Neuem, Ungewissem, Fremdem. Zum Vergleich: nur noch 19 Prozent der deutschen Bevölkerung ist unter 18 Jahren. Von den unter 30jährigen beteiligen sich nur 60 Prozent an einer Wahl.

Dabei stehen gewaltige Veränderungen an: demografischer Wandel, Klimawandel, Digitalisierung, Wertewandel, Zuwanderung. Doch eine aktive Zukunftsgestaltung fordert Mut und Bereitschaft zur Veränderung. Es werden zudem innovative, kreative Lösungen gebraucht, denn die Handlungsoptionen der Vergangenheit haben ja diese Probleme erst entstehen lassen. Der BREXIT belegt: Zukunft wird als Hinwendung und damit Verlängerung der Vergangenheit betrachtet. Das wird aber keine zukunftstaugliche Option sein.

Ein wesentlicher Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft wird das Miteinander der Generationen sein. Auch wenn die älteren Menschen über 50 ab 2020 in Deutschland bei jeder Wahl die strukturelle Mehrheit darstellen: Umsetzen müssen es die jüngeren. Und wer sagt, dass sie das bereitwillig tun? Werden sie den Rollstuhl schieben? Und wenn ja: in welchem Klima? Das legen wir heute fest.

Was wir in Deutschland dringend brauchen, ist ein strukturierter Dialog der Generationen und Kulturen. Seniorenrat, Jugendparlament, Integrationsausschuss – das ist gestern. Die Zukunft braucht das Miteinander. Wer nun behauptet, dass unsere Stadt- und Gemeinderäte sowie unsere Kreistage doch dafür da seien, der sagt formal die Wahrheit, lügt sich aber praktisch in die Tasche. Denn diese Gremien sind in der Realität längst Seniorenräte.  Die Sichtweisen jüngerer Menschen (aber auch von zugewanderten Menschen, von sozial benachteiligten Menschen, von behinderten Menschen) fehlen. Sie werden schon lange nicht mehr repräsentiert.

Und wer in Generationen denkt, sollte lernen in fünf Generationen zu denken: Das geborene Kind hat eine 25jährige Mama, eine 48jährige Oma, eine 72jährige Ur-Oma und eine 93jährige Ur-Ur-Oma. Selbst die Bibel kennt nur drei Generationen: Kinder, Erwachsene, Alte. Da sage noch einer: Es war immer so, es bleibt so und es wird immer so sein!

Wer das kulturübergreifende Miteinander der Generationen will, sollte auch deren Begegnung, Austausch und Ringen strukturell ermöglichen. Die politischen Parteien schaffen dies schon lange nicht mehr. Leider. Die Handlungsfelder sind dabei längst generationenübergreifend zu sehen: Betreuung, Bildung (lebenslanges Lernen), Engagement, Wohnen, Inklusion. Das Politikfeld der Zukunft lautet daher: Generationenpolitik. Diese Lehre für die Zukunft der Demokratie sollten wir auch aus dem Brexit ziehen.  Nur: Wir müssen uns auch ändern – wollen.

Was ist, wenn wir 85 sind und die Natur verrückt spielt?

Die verheerenden Verwüstungen, die Tornados, Starkregen und Überschwemmungen in verschiedenen Teilen Deutschlands im Juni 2016 angerichtet haben, und die wir jeden Tag in den Medien bildlich nachvollziehen können, machen betroffen. Für die direkt Betroffenen sind es Schicksalsmomente, für die vorläufig nicht direkt Betroffenen Momente des Nachdenkens und Innehaltens. Denn dies hätte theoretisch jeden betreffen können.

Sicher: Naturkatastrophen gab es schon immer. Sie wird es auch zukünftig geben. Und wenn auch das einzelne Naturereignis nicht mit dem Klimawandel erklärt werden kann, so ist der Klimawandel nachweislich dafür verantwortlich, dass solche Ereignisse heftiger denn je zuschlagen werden. Waren es bisher sechs bis neun Tage im Jahr, so werden es künftig bis zu 17 Tage im Jahr sein, wo Deutschland das Phänomen Starkniederschlag spüren wird, sagen Klimaexperten. Erinnern Sie sich: 2002 sprachen die Medien vom „Jahrhunderthochwasser“. 2013 erlebten wir es erneut. So schnell vergehen Jahrhunderte – für Journalisten.

Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Deutschland altert. Das durchschnittliche Alter, dass Menschen heutzutage erreichen, steigt statistisch von Jahr zu Jahr. 80 wird die Regel. Wie werden Menschen gerettet, die alt und gebrechlich sind, die dement sind, auf Rollatoren oder Rollstühle angewiesen sind? (Japan hat das im Rahmen der Reaktor-Katastrophe um Fukushima bereits 2011 erlebt.)  Auch 2016 sind die Menschen, die im Zuge der Unwetter tödlich verunglückten, bereits mehrheitlich älter.

Und wer rettet? Wenn die Geburtenzahlen sich seit 1964 halbiert haben, stehen künftig gar nicht mehr so viele junge, kräftige Menschen zur Verfügung, die mit Rettungs- und Feuerwehrfahrzeugen zu den zu rettenden Menschen gelangen. Und wenn ein Drittel der neugeborenen Menschen einen Migrationshintergrund hat, die Freiwillige Feuerwehr in Deutschland noch immer weitgehend eine migrantenfreie Zone ist, wie sieht hier die Nachwuchssicherung aus?

Gleichwohl: eine Naturkatastrophe kommt – und geht. Wie sieht es dann mit der Beseitigung der Schäden aus? Auch hier macht sich bemerkbar, was demografischer Wandel heißt. Denn die Handwerker können auch nicht mehr so üppig auf Nachwuchs bei den Fachkräften zurückgreifen, denn – wie gesagt – die Geburtenzahlen haben sich halbiert. Von den neugeborenen Kindern wuchsen 2015 bereits 16,5 Prozent in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften auf. Was tun wir, damit auch diese gut gebildet werden und als Fachkräfte zur Verfügung stehen? Schließlich bestimmen in Deutschland noch immer eher Herkunft und Elternhaus, was aus einem Menschen wird. Dabei werden in jeder Familie Talente geboren.

Und noch etwas ist heute klar: Die Bauindustrie-Belegschaften altern schon jetzt. Das Durchschnittsalter in der Bauwirtschaft betrug 2014 bereits 43,0 Jahre (2005 waren es noch 40,1 Jahre). Befanden sich 2003 noch 37.900 Menschen in der Ausbildung in einem Bauberuf, so waren es 2013 nur noch 29.400. Wer also kommt, wenn das Haus vom Schlamm überrollt wurde? Wer baut neu, renoviert, legt die Leitungen, verlegt die Fliesen, klebt die Tapeten, klemmt den Strom an?

Mit anderen Worten: Klimaschutzpolitik wird zur präventiven Demografiepolitik. Doch wer sieht das Vorhersehbare? Wer steuert um? Spätestens wenn der letzte Keller wieder ausgepumpt und trocken ist, kehren wir zum „War schon immer so!“ zurück und vertagen wieder einmal die aktive Zukunftsgestaltung. Oder wird es dieses Mal anders sein?

Boateng als Nachbar und die drei T’s der Zukunft

Folgende drei große T’s werden unsere Zukunft maßgeblich mitgestalten: Technik, Talent und Toleranz.

Können Sie sich ein Etikett vorstellen, das auf dem Jogurtbecher angebracht ist und Ihnen durch eine Verfärbung mitteilt, dass der Inhalt nicht mehr genießbar ist? Ein Pflaster, das mitteilt, ob die Wunde verheilt? Können Sie sich eine Wohnung vorstellen, die mit Sensoren ausgestattet ist und einem Rettungswagen signalisiert, dass Sie lebensgefährlich gestürzt sind? Können Sie sich einen Roboter vorstellen, der mit einem Polizisten auf Streife geht? Die Frage wird sein, wie wir damit umgehen, wenn die Technik intelligenter ist als das menschliche Hirn und technische Systeme miteinander kommunizieren, ohne dass Menschen wissend daran beteiligt sind?

Das bedeutet, dass wir die Talente, die sich zur Verfügung stellen, so miteinander arbeiten lassen, damit sie gemeinsam zielorientiert das Beste für unsere Zukunft gestalten. Jeder Mensch hat mindestens ein Talent und ist somit talentiert. Die Vielseitigkeit der Talente zu erkennen und zu moderieren wird die Herausforderung sein. Wer blind ist, ist nicht blöd. Jede Gesellschaft, jede Kultur, jede Religion, jede Ethnie verfügt über talentierte Menschen. Die Frage lautet, wie wir es schaffen, dass die Menschen ihre unterschiedlichen Talente erkennen, dass sie von der jeweiligen Gesellschaft wertgeschätzt und zum Wohle aller ihre Talente frei entfalten können?

Wir werden nicht nur immer älter, sondern auch immer vielfältiger: Fünf Generationen in einem Jahrhundert haben unterschiedliche Werte und Lebenserfahrungen, verfügen über unterschiedliche erlernte und erlebte Kompetenzen, greifen auf vielfältige kulturelle, religiöse und regionale Spiritualitäten zurück. Doch diese ungeheure Vielfalt, die sich in Lebensstilen, Lebensentwürfen, und Lebenswelten ausdrückt, kann sich nur talentreich entfalten, wenn sie einander mit Respekt und Toleranz begegnen. Die Geschichte der Menschheit ist eine einzige Wanderungsgeschichte. Ohne Zuwanderung hat keine Gesellschaft je Zukunft gehabt. Die Frage ist zu beantworten, wie tolerant unser Land und unsere Gesellschaft für Talente sind?

Ein erfolgreiches Unternehmen sucht die Talente, die es braucht, damit sie die Technik erfinden, konstruieren und produzieren, die wir zum Beispiel in einer älter werdenden Gesellschaft benötigen.  Dabei auf Talente zu verzichten, bloß weil sie als Mensch „anders“ als unsere Vätergenerationen sind, wäre nicht nur dumm, sondern gefährdet die Gestaltung einer guten Zukunft. Bayern München ist auch deshalb erfolgreich, weil sie die Talente aus vielen Ländern zielführend in ein respektvolles Miteinander komponiert haben. Menschen wir Jérôme Boateng als Nachbarn zu haben signalisiert, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Wege sind. Denn wichtiger als die unterschiedliche Herkunft bleibt stets die gemeinsame Zukunft. Sie in Abschottung zu anderen zu gestalten, die anders sind, wird nicht gelingen. Das hat auch die deutsche Geschichte belegt.

Sorgen wir für die Toleranz zum Nachbarn, die ermöglicht, in ihm auch jenes Talent wertzuschätzen, dass mit den gemeinsam entwickelten vielfältigen Techniken kreativ und innovativ Zukunft für alle auf weltmeisterlichem Niveau gestaltet. Dann werden wir auch so manchen GAUland überstehen.

Mehr Polizisten braucht das Land – doch wo kommen sie her?

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schlägt Alarm: es fehlen Polizisten. Rund 1.900 zusätzliche Stellen sollten allein in Nordrhein-Westfalen geschaffen werden. Ähnliche Forderungen liegen in allen Bundesländern vor. Insbesondere in den ländlichen Räumen fehle es an Sicherheit vermittelnden Polizeibeamten. Wer  sich den Altersdurchschnitt der Polizei anschaut, der wird dann noch feststellen, dass bundesweit der Schnitt bei rund 50 Jahren liegt.

Wenn dann zum Beispiel der Landrat im Rhein-Erft-Kreis feststellt, dass in den nächsten Jahren viele Polizeibeamte in den Ruhestand gehen und daher rechtzeitig durch gut ausgebildete Nachwuchskräfte ersetzt werden sollten, so ist das schön. Nur: Woher sollen sie kommen?

Zum einen sind zum Beispiel 2014 nur noch halb so viele Kinder geboren wie 1964. Wenn also die 1964-Geborenen in 15 Jahren ihren Ruhestand antreten, kann nur noch jede zweite Stelle wiederbesetzt werden. Die andere Hälfte ist nicht mehr da!

Zum zweiten konkurrieren alle Bereiche um das qualifizierte Personal: zurzeit werden rund 4.000 Menschen für den Bundesgrenzschutz gesucht, rund 3.600 Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit, rund 2.500 Menschen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es fehlen Pflegekräfte, Lehrer, Gerichtsvollzieher, Kommunalbeamte, Sozialarbeiter … . Also: Warum soll die Polizei hier besonderen Erfolg haben, zumal die Einstellungsvoraussetzungen auch nicht niedrig sind. (Bei der Bundeswehr, so heißt es, nehme man inzwischen fast jeden!)

Zum dritten zeigt sich, dass die Entscheidungskräfte in Politik und Verwaltung noch immer nicht den demografischen Wandel begriffen haben. Sie denken zum Beispiel noch in der alten Währung Stellen. Dabei heißt die Währung der Zukunft: Fachkräfte.

Zum vierten wird sich das subjektive Sicherheitsbedürfnis in einer älter werdenden Gesellschaft verändern – und das gerade auch auf dem Land. Und das auch auf dem Hintergrund der Vorurteile gegenüber Fremden (= Zuwanderung). Dabei werden die Polizisten der Zukunft auch Migrationshintergrund haben!

Zum fünften gilt es zu beachten, dass von den 2014 geborenen 714.966 Kindern rund ein Drittel einen Migrationshintergrund hat und rund 15 Prozent in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften aufwachsen. Deren strukturelle Benachteiligung im Laufe einer Bildungskarriere können wir uns eigentlich nicht mehr leisten. Doch was geschieht hier, damit aus ihnen zum Beispiel gute Polizisten werden können?

Um diese Herausforderungen meistern zu können, brauchen wir unter anderem ein gemeinsames Verständnis darüber, was zukünftig die Aufgaben der Polizei sein sollen. Ich zum Beispiel plädiere dafür, den Drogenkonsum nicht mehr strafbar zu machen. Schließlich regen wir uns über 40.000 durch Alkoholmissbrauch verstorbene Menschen im Jahr überhaupt nicht so auf wie über 1.500 durch den Konsum harter Drogen verstorbener Menschen. Und die Strafverfolgung der Dealer sowie die Beschaffungskriminalität der Konsumenten beschäftigen unsere Polizei enorm. Und nebenbei: die Drogenmafia wäre von heute auf morgen arbeitslos.

Erinnern wir uns: Al Capone war nur eine „Größe“ in der Zeit, wo in den USA der Alkohol verboten war (1918 – 1933). Und während dieser Zeit gab es mehr Alkoholtote als je zuvor und je danach!

Fazit: Mehr Polizisten werden wir auf Dauer nicht haben, da sie nicht mehr da sein werden. Das subjektive Sicherheitsbedürfnis der älter werdenden Gesellschaft wird allerdings höher sein. Die Aufgaben der Polizei müssten überdacht werden. Die Gesellschaft wird hier neue Vereinbarungen treffen müssen. Das geht nicht ohne Veränderungen und Veränderungsbereitschaft! Die müssen wir allerdings erst noch erzielen!

Wenn Jugendliche flüchten – ein Projekt der Albert-Einstein-Schule Schwalbach

Sind jugendliche Flüchtlinge ein „Profit für den deutschen Arbeitsmarkt“? Diese Ausgangsfrage beschreibt ein Projekt der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach (Hessen). Acht Fragen haben Schüler/innen formuliert und mich als Demografieexperten um Antwort gebeten. Ich finde das Projekt bemerkenswert und möchte Fragen und Antworten gern öffentlich machen.

Erstens: Am deutschen Arbeitsmarkt gab es 2015 einen Beschäftigungsrekord nach dem anderen, eine niedrige Arbeitslosenquote und eine niedrige Erwerbslosenquote. Trotz alledem scheint ein Fachkräftemangel zu herrschen. Können Sie dem zustimmen? Inwieweit hängt der Fachkräftemangel mit dem demographischen Wandel zusammen?

Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland erwerbstätig wie zurzeit und seit vielen Jahrzehnten waren nicht mehr so wenig Menschen arbeitslos wir zurzeit. Gleichzeit erleben wir einen Stellenboom, das heißt: sehr viele Institutionen suchen händeringend qualifizierte Menschen. „Der Markt ist leergefegt.“, heißt es nicht selten. Das hat mit zwei Faktoren zu tun: mit der Dynamik der deutschen Wirtschaft sowie mit dem demografischen Wandel. Deutschland, so lasen wir jüngst, sei Exportweltmeister. Deutsche Waren werden nachgefragt. Sie müssen produziert werden. Dazu braucht es neben Maschinen auch (qualifizierte) Menschen. Parallel dazu steckt Deutschland in einem nachhaltigen, irreversiblen Wandel: es werden immer weniger Kinder geboren, so dass altersbedingt ausscheidende Mitarbeiter nicht mehr ersetzt werden können, gleichzeitig altern die Belegschaften (im Übrigen schneller als die Gesamtbevölkerung). Erblickten 1964 noch 1.357.304 Menschen das Licht der Welt, so waren es 2014 nur noch 714.966. Anders formuliert: Wenn die 1964 Geborenen in 15 Jahren in ihren Ruhestand eintreten, können die von ihnen eingenommenen Arbeitsplätze nur noch zur Hälfte wiederbesetzt werden. Die andere Hälfte ist nicht mehr da. Und noch eine beeindruckende Zahl illustriert die Nachhaltigkeit des Fachkräftebedarfs: Von 2010 bis 2014 wanderten netto 1.755.024 Millionen Menschen mehr nach Deutschland ein als auswanderten. Davon kamen rund drei Viertel aus EU-Mitgliedsstaaten, die meisten aus Polen. (Von Flüchtlingen bzw. Asylbewerbern ist hier nicht die Sprache!). Gleichzeitig sank die Zahl der Hartz-IV-Bedarfsempfänger um rund 615.304 und die Zahl der Arbeitslosten um 340.577. Es fand also keine Wanderung in die Sozialkassen statt, wie manche Menschen stets behaupten, sondern diese Menschen, die der Arbeitsmarkt aufnahm, verdeutlichen, dass die Fachkräftelücke noch spürbarer wäre, hätte diese Zuwanderung (die nicht wenige in Deutschland beschränken wollen!) nicht stattgefunden hätte. Selbst wenn die Wirtschaft in Deutschland nicht mehr so robust und dynamisch wachsen wird, der Fachkräftemangel wird sich nicht aushebeln lassen.

Zweitens: Woran liegt es, dass der demographische Wandel in Deutschland so schnell voranschreitet?

Der demografische Wandel schreitet nicht schnell voran. Ganz im Gegenteil: die Demografie ist etwas sehr zähes und langsames. Ein Kind wird geboren. Drei Jahre später wird ein Kindergartenplatz benötigt, sechs Jahre später eine Grundschule, zehn Jahre später eine weiterführende Schule. Frühestens nach 16 Jahren stünde dieser Mensch als Auszubildender zur Verfügung. Das ist alles planbar. Nur: Niemand wollte wahrhaben, dass sich etwas ändert, insbesondere, wenn keine Kinder mehr geboren werden bzw. die Menschen immer älter werden. Die jahrzehntelange Realitätsverweigerung lässt sich nicht mehr aufrechterhalten, so dass für viele „ganz plötzlich“ so wenig Kinder und so viele ältere Menschen und so viele zugewanderte Menschen da sind. Unsere Gesellschaft hat sich hier mehrere Lebenslügen geleistet, die sich nun rächen. Am besten lässt sich das an der Rente verdeutlichen: das System wird jährlich mit 85 Milliarden Euro aus dem Bundesetat am Leben gehalten. Der Generationenvertrag funktioniert schon Jahre nicht mehr, aber Weggucken war bequemer!

Drittens: Welche weiterreichenden Auswirkungen kann der demographische Wandel auf Deutschland haben?

Deutschland wird in 20 Jahren nicht mehr das bevölkerungsreichste Land Europas sein. Die Gewichte (macht- und wirtschaftspolitisch) verschieben sich. Deutschland wird mit immer weniger jungen Menschen immer mehr ältere Menschen finanzieren. 2060 kommt auf einen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein Rentner! Deutschland wird Regionen kennen, die eine geringe Wohndichte haben und Ballungszentren haben, die stark bevölkert sind. Das macht sich auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar, aber auch in der Versorgung älterer Menschen auf dem Lande. Darauf gilt es Antworten zu finden. Im Übrigen: Deutschland hat einen Wohnungsleerstand von bundesweit geschätzt einer runden Million Wohnungen. Schon heute!

Viertens: Im letzten Jahr sind ca. 1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Was für Auswirkungen hat das auf Deutschland?

Das kommt darauf an, wie die deutsche Bevölkerung grundsätzlich zu dieser Zuwanderung steht. Wenn der Grundsatz, dass Menschen in Not hier Schutz finden und genießen, mehrheitsfähig bleibt, ist das für ein älter und leerer werdendes Deutschland eine große Chance. Das setzt aber eine nachhaltige und gelingende Integrationspolitik voraus, die in Deutschland keine Tradition hat. (Hier macht sich die Lebenslüge, wonach Deutschland kein Einwanderungsland sei, nachhaltig bemerkbar.) Wenn es zudem gelingt, dass Menschen, die das Asylrecht missbrauchen, abgeschoben werden, so dass man sich auf die Integration der wirklich Schutzbedürftigen konzentrieren kann und wenn es mittelfristig eine Regelung gibt, die klärt, wie Menschen aus dem Ausland nach Deutschland einwandern können (Einwanderungsgesetz), so dass sie das Asylrecht nicht mehr missbrauchen müssen, dann sehe ich grundsätzlich eher positive Auswirkungen. Und schließlich muss es gelingen, kriminelle Menschen (die es in jeder Gesellschaft gibt) unter den Flüchtlingen konsequent rechtsstaatlich zu verfolgen.
Langfristig ist Migration immer eher bereichernd für eine Gesellschaft – und das aus mehreren Gründen. Für Deutschland in seiner besonderen demografischen Situation (insbesondere in ländlichen Regionen) wäre es zudem eine willkommene Auffrischung. Das Durchschnittsalter sinkt sogleich, die Wirkungen des demografischen Wandels, auch der Fachkräftebedarf der Zukunft, könnte abgemildert, nicht abgewandt, werden.
Konkretes Beispiel: Kein Krankenhaus in Deutschland würde heute funktionieren, wenn die Menschen mit ausländischen Wurzeln dort nicht tätig wären. Vom Chefarzt bis zur Reinigungskraft – das Gesundheitssystem funktioniert nur mit ihnen, nicht ohne sie.
Konkretes Beispiel: der Vorsitzende der Jungen Union und der Vorsitzende des Ringes Christlich-demokratischer Studenten sind Flüchtlingskinder!

Fünftens: Inwieweit können die Flüchtlinge eine Bereicherung oder einen Verlust für den deutschen Arbeitsmarkt darstellen?

Ich sehe keinen Verlust, immer nur Bereicherung. Den Grad der Bereicherung bestimmen wir durch die Investitionen in eine nachhaltige Integration dieser Menschen.

Sechstens: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Flüchtlingen und dem demographischen Wandel?

Der demografische Wandel basiert auf drei Eckpfeilern: weniger, bunter und älter. Die Facette „Bunter“ reflektiert bereits die Wanderungen, von denen Deutschland seit 1955 immer stärker betroffen ist. Die Flüchtlingswelle 2015 reflektiert die weltweiten Wanderungen insgesamt: weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht und weltweit – so schätzen die Vereinten Nationen – haben 225 Millionen Menschen ihre Heimat (aus unterschiedlichsten Gründen) verlassen und leben nun in anderen Ländern. In Deutschland leben ca. 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (ohne Asylbewerber). Diese Menschen sind in der Regel deutlich jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt und sind meist noch in der Lage Kinder in die Welt zu setzen. Von dieser demografischen Rendite könnte Deutschland profitieren. In Brandenburg sind zum Beispiel durch die Flüchtlinge Schulen nicht geschlossen worden, obwohl dies bereits beschlossene Sache war. Doch kann die Alterung der Gesellschaft langfristig nicht mehr aufgehalten, aber immerhin abgemildert werden. Das wiederum setzt voraus, dass die Flüchtlinge auf Dauer bleiben und sie auch gelingend integriert werden.

Siebtens: Sehen Sie Deutschland in der aktuellen Lage vor einer großen Herausforderung? Was könnte man Ihrer Meinung nach tun?

Deutschland steht in der Tat vor einer großen Herausforderung. Die meisten Lösungsvorschläge rufen mehrheitlich nach Instrumenten von gestern, die wir eigentlich überwunden glaubten: Grenzen, Zäune, Polizei, Abschottung. Wichtig ist, die gesamte Herausforderung zu sehen. Was heißt das, wenn die zehn geburtenstärksten Länder alle in Afrika liegen, während in Europa die meisten Länder älter und leerer werden? Wie stellen wir uns das Miteinander der Generationen und Kulturen 2030 vor? Wer schiebt in welchem gesellschaftlichen Klima den Rollstuhl? Wir müssen diese Fragen endlich stellen und diskutieren. Dabei gilt nicht, was wir nicht wollen, sondern wie wir etwas gestalten wollen? Deutschland hat sich satt und zufrieden auf Stillstand eingerichtet: Weiter so! Doch die Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit. Eine Lösung liegt nicht als Patentrezept vor. Erfahrungswissen von gestern hilft nur bedingt. Daher – und das ist, ich wiederhole es, das Wichtigste – endlich miteinander ins Gespräch zu kommen, um die gemeinsame Zukunft zu gestalten, die doch wichtiger ist als die unterschiedliche Herkunft.

Achtens: Können die Flüchtlinge einen Profit für den deutschen Arbeitsmarkt darstellen?

Das sind sie in bestimmten Betrieben heute schon, da die jeweiligen Arbeitgeber niemanden mehr finden, den sie sonst einstellen könnten. Aber auch hier gilt es, langen Atem zu bewahren. Eine erste (nicht repräsentative) Erhebung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge besagt, dass 14 Prozent der Flüchtlinge (hoch-) qualifiziert seien, also recht schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können, 14 Prozent aber auch Analphabeten seien. Hier ist erst einmal Hartz-IV angesagt. Der Rest in der Mitte bedarf einer intensiven Unterstützung. Es kann gelingen, wenn wir es wollen.

 

2016: Stellenboom in Deutschland – Doch wo sind die Menschen?

Der Paradigmenwechsel wird 2016 endgültig spürbar: Die Währung der Zukunft sind nicht mehr Arbeitsplätze (und Stellen), sondern Fachkräfte. Damit verbunden bestimmt künftig weniger der Arbeitgebende, wen er als Arbeitnehmenden auswählt, sondern der Arbeitnehmende, wen er sich als Arbeitgebenden auswählt. Doch der Reihe nach.

Der Bundesinnenminister sucht 4.000 Menschen für die Bundespolizei und den Bundesgrenzschutz. Die Bundesagentur für Arbeit will 3.600 zusätzliche Stellen besetzen, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (seit Mai 2015!) ca. 2.500. Jedes Bundesland sucht händeringend Lehrer/innen, in NRW sollen 2016 rund 2.200 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Von 2016 bis 2018 werden rund 660 Millionen Euro für zusätzliche Pflegekräfte in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen. Ach ja: auch die Bundeswehr sucht Leute. Gerichtsvollzieher haben Nachwuchsprobleme und sehr, sehr viele Handwerker suchen Nachfolger für ihre Betriebe. Diese Liste kann beliebig ergänzt werden.

Die Politik und viele Personalverantwortliche in den Unternehmen glauben noch immer, sie müssten nur Stellen schaffen, dann füllten sie sich schon automatisch mit qualifizierten (!) Menschen. Nur: Noch nie so viele Menschen waren (sozialversicherungspflichtig) beschäftigt wie in 2015, schon lange nicht mehr waren so wenige Menschen arbeitslos.  Woher sollen also die Menschen kommen, um die Stellen zu besetzen?

Wer heute bemängelt, dass der Nachwuchs fehle, dem sei gesagt: Das wissen wir seit über 16 Jahren, denn so lange ist klar, dass der Nachwuchs, den wir heute brauchen, gar nicht mehr geboren ist. Oder anders ausgedrückt: so lange haben die Verantwortlichen geschlafen und sich geweigert, zukunftsorientiert zu denken. (Und diese Politiker zum Beispiel sind gewählt worden von Menschen, die ebenfalls satt und zufrieden keine Veränderung wollen!) Und zur Erinnerung: die Geburtenzahlen haben sich seit 1964 nahezu halbiert! Das wird sich also nicht mehr kurzfristig ändern!

Woher sollen also die Menschen kommen, die diese Stellen besetzen sollen? Eigentlich müssten wir alle länger arbeiten, doch die Bundesregierung hat gerade mit der ‚Rente mit 63‘ die völlig falschen Weichen gestellt! Also Rettung aus dem Ausland?

Wer heute (noch immer!) behauptet, die aus dem Ausland zuwandernden Menschen, wandern in die deutschen Sozialkassen ein, dem sei gesagt: Von 2010 bis 2014 wanderten 1.755.024 Menschen aus dem Ausland mehr nach Deutschland ein als aus. Darunter sind keine Flüchtlinge bzw. Asylbewerber! Gleichzeitig sank die Zahl der Hartz-IV-/Sozialhilfebezieher um 615.304 und die Zahl der Arbeitslosen um 340.577. Eine Zuwanderung in die Sozialkassen ist also schlichtweg nicht gegeben. Wer etwas Anderes behauptet, der beherrscht entweder nicht die Mathematik oder lügt. Anders ausgedrückt: Wären die 1,75 Millionen Menschen (drei Viertel aus EU-Staaten, der größte Teil aus Polen) nicht zugewandert, der Fachkräftemangel wäre noch extremer spürbar, zum Beispiel in der Gastronomie.

Wer auf die eine Million Flüchtlinge hofft, die 2015 den Weg nach Deutschland gefunden haben, dem sei gesagt, dass diese Hoffnung dann zukunftsträchtig wird, wenn 2016 gewaltige Integrationsleistungen gestemmt werden. Doch welche Stadt bzw. Gemeinde, welcher Kreis, welches Bundesland verfügt hier über Konzepte! (Kommunale) Integrationspolitik gehörte nicht zu den prioritären Handlungsfeldern unserer politischen Parteien, das Personal in den Ausländerämtern nicht zur Visitenkarte einer Stadt.

Diese Situation ist im Übrigen auch eine Chance: für Jugendliche ohne Schulabschluss, für junge Erwachsene ohne Berufsabschluss, für Menschen mit Behinderungen oder für Langzeitarbeitslose.

Der Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, steht an, der Umbau unserer Gesellschaft auf dem Programm: Immer weniger Menschen werden arbeiten (können) und immer mehr Menschen müssen von diesen weniger werdenden Menschen mitfinanziert werden (weil sie Kind und Jugendlicher sind, weil sie Rentner sind oder weil sie zum Beispiel krank sind). Dafür haben wir keine Konzepte, weil wir immer noch hartnäckig glauben wollen, dass die Zukunft die Verlängerung der Vergangenheit ist.

2016 könnte dann ein gutes Jahr werden, wenn wir begreifen, dass die Zukunft nicht als „Weiter so!“ zu gestalten ist. Und wenn wir begreifen, dass Veränderung bei jedem selbst anfängt und jeder Einzelne seine Veränderung nicht mehr ausschließt!

Schrumpft Deutschland oder irren die Demografieexperten?

„Deutschland will einfach nicht veröden“ – unter dieser Überschrift rechnete Christian Schwägerl am 23. September in der FAZ mit der Zunft der Demografen ab. Sie hätten den Bevölkerungsrückgang in Deutschland als eherne Gewissheit verkündet und damit den Aufbau einer regelrechten „Schrumpfungsindustrie“ begründet. Nun komme alles ganz anders. Deutschland wachse. Dr. Winfried Kösters, Autor des Grundlagenwerks „Weniger, bunter, älter“ und schon mehrfach Redner auf Kongressen des Demografienetzwerks FrankfurtRheinMain, ist ein führender Vertreter dieser Industrie. Er antwortet auf die Vorwürfe des FAZ-Redakteurs (www.demografienetzwerk-frm.de).

Frage: Herr Kösters, der Autor Christian Schwägerl hält den Demografie-Experten in Deutschland vor, sie hätten ihre Prognosen als Gewissheiten ausgegeben und Nebenbedingungen unterschlagen. Fühlen Sie sich getroffen?

Kösters: Überhaupt nicht. Der zentrale Gedanke, der diesem Artikel zugrunde liegt, spiegelt sich in dem Satz wieder: ‚Aber was, wenn Zustrom und Geburtenboom anhalten?‘ Dies gedanklich durchzuspielen, ist nicht neu, aber sicherlich richtig. Ich persönlich habe stets auf die Wirkung von mehr Kindern hingewiesen, es aber immer als wenig wahrscheinlich bezeichnet. Ebenfalls habe ich auf die möglichen Wanderungen (weniger durch Kriege, als mehr durch den Klimawandel bedingt) als Unbekannte hingewiesen.

Frage: Aber nun nimmt die „Unbekannte“ Gestalt an und füllt Deutschland. Hat Schwägerl mit den Fakten nicht recht?

Kösters: Dass der demografische Wandel gestaltbar ist, ist unbestritten. Die Grundlagen (Geburten, Zuwanderung, Alterung) bleiben dabei immer relevant. Doch wer konnte oder wollte an dieses „Geschenk“ der Flüchtlinge denken, das im Übrigen erst ein wirkliches Geschenk wird, wenn es gelingt, sie nachhaltig in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Allein das ist eine Mammutaufgabe, die sich auch in der Facette „bunter“ des demografischen Wandels ausdrückt. Und die Facette „weniger“? Von einem derzeitigen Geburtenboom zu sprechen, halte ich doch für übertrieben. Die Quote liegt nach wie vor bei 1,41. Wenn es gelänge, dass die potenziellen Mütter und Väter (Menschen zwischen 23 und 35) deutlich mehr Familien mit deutlich mehr Kindern gründen würden, wäre das sicherlich sehr schön, doch bevor sich das auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht, werden Jahrzehnte vergehen. Bis dahin wirkt der demografische Wandel, der sich darin äußert, dass wir deutlich mehr Menschen über 60 als unter 20 oder unter 30 haben werden. Und selbst wenn es gelänge und wenn die deutsche Gesellschaft das akzeptiert, dass in den nächsten Jahren jährlich (!) rund 500.000 Menschen (und noch mehr) aus dem Ausland mehr ein- als auswandern, dann bleibt die Herausforderung, sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Und das wiederum muss mit Menschen geschehen, die sie fit machen. Und genau diese Menschen stehen dann für andere Tätigkeiten in der Wirtschaft nicht zur Verfügung. Und die Wirtschaft wird in den nächsten Jahren rund 200.000 Menschen altersbedingt mehr verlieren als gewinnen, wohlgemerkt: pro Jahr. Ob dieses Defizit durch die Digitalisierung und die Zuwanderung (in der gewünschten Qualität) ausgebügelt werden kann, bleibt eher fraglich. Und die Facette „älter“ bleibt auch zu gestalten. Denken wir allein an die Themen „Demenz“ und „Pflege“, aber auch „alter(n)sgerechtes Wohnen“ und „Mobilität“.

Frage: Also, es bleibt dabei, die Gesellschaft wird älter. Aber wie steht es mit der Schrumpfung. Muss sie abgesagt werden?

Kösters: Wir sehen ja heute bereits Landstriche in Deutschland, die manche als „verödet“ bezeichnen. Interessant ist, dass dort, wo am meisten räumlich Platz für Flüchtlinge wäre (auch vom baulichen Leerstand betrachtet) der gesellschaftlich größte Widerspruch zur Zuwanderung zu vernehmen ist. Doch selbst wenn es durch eine massive Zuwanderung gelänge, die Bevölkerung insgesamt stabil zu halten (oder gar wachsen zu lassen), bliebe der Dreiklang weniger (Kinder), bunter (mehr Kulturen) und älter (im Durchschnitt 20 Jahre Rente!) zu gestalten. Fazit: der demografische Wandel bleibt. Allerdings ergeben sich neue Chancen, ihn zu gestalten. Und das drückt sich in einer Abmilderung der Auswirkungen und einer zeitlichen Streckung der Wirkungen aus. Wer meint, diesen Wandel nicht gestalten zu müssen, handelt sträflich. Allein die (kommunale) Integration wird die größte Herausforderung sein. Grundlagen dafür sind höchstens in den Großstädten gelegt. Nicht öde oder verödet sein, wird nicht genügen. Da muss unser Land einen größeren Anspruch an sich haben.

Wohnungsnot der Zukunft hat zwei Gesichter: Neubau in den Städten und alter(n)sgerechter Umbau im ganzen Land

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (Köln) beschreibt die Schieflage in der Wohnungssituation in Deutschland. So finden wir in ländlichen Räumen immer mehr leer stehenden, nicht verkauf- oder vermietbaren Wohnraum, während in den urbanen Zentren (bezahlbare) Wohnungen fehlen. Dafür verantwortlich sind Gründe einer fehlgeleiteten Wohnungspolitik, die die Wirkungen des demografischen Wandels nicht wahrhaben wollten.

Dabei ist dieses beschriebene Phänomen der Wohnungsschieflage schon sehr lange (vor allem in Ostdeutschland) zu beobachten gewesen. Auch das Saarland hatte vor über zehn Jahren die Devise ausgegeben, keinen Wohnungsneubau mehr kommunal zu beschließen, doch niemand wollte die Wirkungen des demografischen Wandels wahrhaben und die Kommunen hielten sich nicht an diese Empfehlung. Ganz im Gegenteil, man glaubte sogar, den demografischen Wandel mit weiteren Neubaugebieten austricksen zu können. So haben Kommunen im ländlichen Raum die bisherigen, scheinbar bewährten Strategien immer wieder neu aufgelegt, um junge Familien anzuziehen: sie haben Neubaugebiete ausgewiesen. Man wollte zudem der Nachbarkommune ein Schnippchen schlagen und den Wettbewerb um die potenziellen Zuzügler gewinnen. Regionale Gesamtkonzepte? Fehlanzeige! Das konnte flächendeckend nicht gut gehen, weil das Potenzial der jungen Familien gar nicht mehr geboren war, das hätte zuziehen können. Schließlich sind die Menschen, die geboren wurden, immer weniger geworden. Und nur sie können irgendwann eine junge Familie werden, die ein Haus bauen möchte. Doch diese Zusammenhänge interessierten niemanden. Weiter so, lautete die Devise.

Die urbanen Herausforderungen waren diametral anders. Der Trend vom Land in die Stadt wird noch durch die Zuwanderer verstärkt. Auch nicht neu, aber das Prinzip ist das gleiche: kollektives Vertagen einer aktiven Zukunftsgestaltung. Und die Wähler haben das meist auch gewollt, weil ihnen das Heute wichtiger ist als das Morgen.

Was aber immer noch sträflich vernachlässigt wird: auch die Bauindustrie altert. Die Belegschaften werden nicht jünger. Denn auch die Bauindustrie hat Schwierigkeiten, junge Menschen als Nachwuchskräfte zu gewinnen. In den letzten 15 Jahren sind die Zahlen der Auszubildenden um bis zu zwei Drittel zurückgegangen. Und: das Bauhandwerk ist noch eine körperliche Arbeit, die im Alter eher schlecht als recht durchgeführt werden kann.

Und neben dem Wohnungsneubau in den Städten wartet noch eine gigantische flächendeckende Aufgabe: der alter(n)sgerechte Umbau. Nur drei Prozent der Wohnungen sind so, dass man als 85jähriger oder 90jähriger dort barrierearm wohnen kann. Aber die meisten älteren Menschen wünschen, in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Wir haben auch gar nicht vorgesorgt und den Wohnraum in entsprechenden Einrichtungen geschaffen. Wie sieht die Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe im Alter aus, wenn ich meine Wohnung gar nicht mehr verlassen kann? Das Zeitfenster, das rechtzeitig zu gestalten, wird immer kleiner.

Wohnungsnot wird daher zwei Gesichter haben: Menschen, die keine (bezahlbare) Wohnung in den Städten finden und Menschen, die keine alter(n)sgerechte Wohnung im ganzen Land haben. Darüber müssen wir endlich sprechen, strategisch uns auf den Weg machen, diese Herausforderung gemeinsam zu meistern. Ob das Themen der Bürgermeisterwahlkämpfe im Lande sind? Wahrscheinlich nicht. Aber: wen interessierts? Wer geht denn noch wählen? Und welcher Kandidat weiß, dass die Zukunft nicht die Verlängerung der Vergangenheit ist? Weiter so!?