Kategorie-Archiv: Integration

Erdogan, seine „Nazikeule“ und das Miteinander in Deutschland

Ich mache mir Sorgen, große Sorgen. Denn egal, wie das Referendum in der Türkei zum Verfassungsentwurf ausgeht: Es gibt ein Danach. Erdogan scheint jedes Mittel, wirklich jedes Mittel Recht, um sein Ziel zu erreichen: der neue Atatürk, der „Vater“ aller Türken mit unbeschränkter Macht zu sein. Längst ist diese innertürkische Angelegenheit zu einer innerdeutschen Frage geworden.

Die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Muslimen und Alewiten, zwischen Kurden und Türken, zwischen links und rechts, zwischen Erdogan-Anhängern und Erdogan-Gegnern sind in jeder deutschen Stadt, in der Menschen mit türkischen Wurzeln leben, präsent. Sie werden von den Deutschen nur nicht wahrgenommen. Ist ja auch bequemer so.

Dabei sind nicht wenige mit Deutschen verheiratet oder befreundet, sind Arbeitskollegen von Deutschen oder sind selbständig, haben zum Beispiel Deutsche als Gäste in ihren Restaurants. Überall steht diese Frage im Raum. Was bedeutet es für das Miteinander von Türken und Deutschen in Deutschland in Zukunft, aber auch für das Miteinander der Menschen mit türkischen Wurzeln untereinander in Deutschland.

Denunziation, Misstrauen, Wut und Ärger gehen längst durch viele Moscheegemeinden und Familien.

Die Umfragen signalisieren ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen „Evet“ (= Ja) und „Hayir“ (= Nein).

Doch eine Verfassung ist selten gut, wenn sie nicht von einer großen Mehrheit getragen wird. Stellen Sie sich vor, das deutsche Grundgesetz würde nur von 51 oder 52 Prozent der Bevölkerung unterstützt, 48 oder gar 49 Prozent wären dagegen. Darauf kann keine funktionierende Gesellschaft mit Zukunft aufgebaut werden!

Das Klima ist nachhaltig vergiftet. Der erfolglose Putschversuch hat das sehr schnell an die Öffentlichkeit gezerrt. Viele Menschen sind seitdem entlassen, gedemütigt, öffentlich vorgeführt, ins Gefängnis gebracht worden. Wie werden diese Menschen das „Danach“ gestalten? Doch die Menschen müssen miteinander auskommen.

Wohlstand und Frieden brauchen Freiheit und Rechtssicherheit.

Seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 ist unglaublich viel Porzellan zerschlagen worden. Das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen war nicht einfach, ist es auch heute noch nicht. Es trennt noch zu viel, als das verbindet. Das hat Gründe, denn ein Miteinander hat es in den Jahrzehnten seit dem Gastarbeitervertrag 1963 nicht wirklich gegeben. Zwar waren beide Seiten anfangs davon ausgegangen, dass man nach wenigen Jahren der Arbeit in Deutschland wieder zurück in die Türkei ging. Doch auch als sich dies als gemeinsam begangener Irrtum herausstellte, wurde Integration klein geschrieben. Parallelgesellschaften entstanden, in denen so mancher Radikalismus unbeobachtet entstand.

Sicher: es ist viel Positives geschehen. Aber wohl nicht genug. Auch hier wird es ein Danach geben: Ob die Türkei nun ein Präsidialsystem haben wird oder nicht. Millionen türkisch-stämmige Menschen leben in Deutschland und wollen hier ihre Zukunft gestalten. Wenn wir ihnen keine Möglichkeit zur Identitätsfindung in Deutschland bieten, werden sie Identitätsfiguren aus der Türkei brauchen und bejubeln. Dass so viele Menschen mit türkischen Wurzeln „ihrem“ Präsidenten in Deutschland begeistert zujubeln, belegt, wie wenig Integration wirklich gelungen ist – in Köpfen und in Herzen.

Der Integrationspfad bleibt mühsam, aber unausweichlich – auch und gerade nach dem 16. April 2017. Daran sollten alle denken, die zurzeit markigen Sprüchen den Vorzug geben.

Trotz Merkels „Flüchtlingsbeichte“ – Drei Grundfragen muss jeder beantworten!

Es ist ruhig geworden an der deutschen Flüchtlingsdebattenfront. Hat Merkels „Flüchtlingsbeichte“, wonach sie Fehler gemacht habe und lernen musste, Wirkung gezeigt? Oder ist Seehofer anderweitig beschäftigt? Wie auch immer: Egal wer wie zu den Fragen rund um Zuwanderung und Flüchtlingen steht: Drei grundsätzliche Fragen sollte jeder für sich beantworten!

Erste Frage: Wollen wir in Deutschland Menschen, die in Not sind, aufnehmen? Dabei interessiert erst einmal nicht, woher der Mensch kommt, wichtig allein ist, dass er in Not ist, um Leib und Leben fürchten muss. Sind Kriege politische Fluchtgründe? Artikel 16 unseres Grundgesetzes sichert jedem Menschen ein individuelles Recht auf Asyl zu, der in eine entsprechende politische Notlage geraten ist. Wer das nicht will, muss dafür werben, Artikel 16 aus dem Grundgesetz zu streichen. Das wiederum geht nicht so einfach, da Artikel 19 Absatz 2 sagt, dass die grundlegenden Menschenrechte (auch Artikel 16) nicht abgeschafft werden können. Gleichwohl: auch das Grundgesetz insgesamt kann abgeschafft werden. Nur dann will dieser Mensch eine andere Republik. Das ist legitim, muss aber gesagt werden. Wer für die Aufnahme von Flüchtlingen nach Artikel 16 Grundgesetz ist, dem sei gesagt, dass ein individuelles Asylrecht keine Obergrenze kennen kann. Wer den Missbrauch des Asylrechts verhindern will, sollte schleunigst ein Einwanderungsgesetz fordern und die Fluchtursachen in den jeweiligen Ländern bekämpfen.

Zweite Frage: Brauchen wir eine Zuwanderung aus demografischen Gründen, um unseren sozialen Frieden und unseren Wohlstand zu erhalten? Fakt ist, dass jährlich in Deutschland weniger Kinder geboren als Menschen sterben. Die Lücke steigt unaufhörlich: 2015 waren es rund 190.000 mehr Sterbefälle. Fakt ist aber auch, dass die Alterung der arbeitenden Bevölkerung noch schneller verläuft, da die sogenannten geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge nun allmählich in den Ruhestand eintreten. Schon jetzt ist es immer schwieriger, Arbeitsplätze zu besetzen. Das Stichwort dazu lautet Fachkräftebedarf. Wer keine Zuwanderung will, der muss erklären, wie er diese älter werdende Gesellschaft versorgen will. Wie geht das, wenn niemand da ist, der pflegt, der den Rollstuhl schiebt? Von 2010 bis 2015 sind netto 2,94 Millionen Menschen mehr nach Deutschland ein- als ausgewandert. Der größte Anteil stammt aus EU-Ländern. Gleichzeitig sind die Hartz-IV-Leistungsempfänger um rund 780.000 und die Arbeitslosen um rund 440.000 Menschen zurückgegangen. Ohne die Zuwanderung wäre also der Fachkräftebedarf noch größer und wären unsere Sozialkassen (Rente, Gesundheit und Pflege) weniger gut gefüllt. Wer gegen Zuwanderung ist, sollte auch den Austritt aus der EU anstreben, aber bitte sagen, wie er diese älter werdende Gesellschaft organisieren, finanzieren und gestalten will?

Dritte Frage: Wollen wir eine ethnisch geschlossene oder eine weltoffene Gesellschaft sein? Jeder ist hier gefordert zu sagen, wie er sich unsere Gesellschaft vorstellt. Wollen wir Produkte aus der ganzen Welt genießen? Wollen wir die Talente der ganzen Welt für unseren gesellschaftlichen Erfolg nutzen? Soll die Welt bei uns zu Gast sein wollen? Oder wollen wir das alles nicht? Nur: was ist dann deutsch? Müssen jene 21 Prozent der heutigen Gesellschaft, die ausländische Wurzeln haben, Deutschland verlassen? (Wie könnte das organisiert werden?) Dann wäre übrigens kein Krankenhaus in Deutschland mehr arbeitsfähig! Rund zehn Prozent der in Deutschland berufstätigen Ärzte kommen aus dem Ausland. Wer keine Zuwanderung will, der soll erläutern, wie er / sie sich Deutschland dann vorstellt? Wer hingegen für eine weltoffene Gesellschaft ist, der sollte für eine gelingende Integration werben – und das ist immer ein beidseitiger Prozess.

Angela Merkel hat in ihrer „Beichte“ gesagt, Deutschland sei kein „Weltmeister der Integration“. Nein, aber was noch nicht ist, muss endlich werden! Die hier aufgezeigten Alternativen sind für mich keine Alternativen. Ich bin für eine weltoffene Gesellschaft, die Zuwanderung als Chance begreift. Doch ebenso bin ich für ein Einwanderungsgesetz und für eine aktive Integrationspolitik.

Ich werde hierzu auf den Flüchtlingskonferenzen des Bistums Trier in Koblenz (12. November) und in Saarbrücken (26. November) vortragen.

Die Burka – ein Verbot, das unsere Probleme löst!?

Nach den verheerenden Anschlägen in Ansbach, Würzburg und vor allem München, gewinnt medial und politisch ein Thema besonders an Bedeutung: die Burka, also die totale Verschleierung einer menschlichen Person. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Frau handelt, wie behauptet wird, weiß niemand, denn das lässt sich – auch im Einzelfall – öffentlich schwer überprüfen. Aber man geht davon aus.

Gleich zu Beginn zwei persönliche Bekenntnisse: ich kann eine Religion nicht nachvollziehen, die von einem Geschöpf Gottes / Allahs / Jahwes verlangt, sich total zu verhüllen, damit andere Geschöpfe Gottes / Allahs / Jahwes diesen Menschen nicht sehen können. Eine solche Religion halte ich für menschenverachtend. Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass ich in meinem 55 Jahre währenden Leben einer Burka-tragenden Person begegnet bin (auch im rheinischen Karneval nicht!), geschweige Kontakt hatte.

Angesichts der öffentlichen Debatte scheinen die Burka-tragenden Personen ein Massenphänomen zu sein. Doch wo? In Mecklenburg-Vorpommern, dem dünn besiedelsten Bundesland Deutschlands? In Köln auf der Domplatte? In München am Hauptbahnhof? In den Flüchtlingsunterkünften quer durch Deutschland? In Berlin vor dem Kanzleramt?

Nun bin ich als Christ und Demokrat, als geschichtsbewusster Mensch mit liberaler Grundhaltung ein absoluter Anhänger der Religions-, Meinungs- und Kleidungsfreiheit. Viele Ältere in Deutschland können sich noch an Zeiten erinnern, wo zum Beispiel evangelische und katholische Kinder nicht miteinander spielen durften und die Heirat untereinander ebenfalls nicht erwünscht, ja: gesellschaftlich geächtet war. Gott sei es gedankt: Wir sind heute alle klüger geworden. Mit anderen Worten: Religiöse Bestimmungen und Verhaltensweisen können sich ändern. Modefragen sowieso.

Doch wenn die Vollverschleierung abgeschafft werden soll (ich wäre glücklich), dann sind die sie tragenden Personen die falschen Ansprechpartner/innen, sondern die dahinter stehenden männlich dominierten, muslimischen Verbände. Hier gilt es insbesondere jenen, die sich „modernisieren“ wollen, Mut und Unterstützung zukommen zu lassen und jenen, die das nicht wollen, in Deutschland die rote Karte zu zeigen. Diese Machtfragen zwischen den Geschlechtern und den Richtungen innerhalb einer Religion sind im Übrigen nicht nur bei muslimischen Glaubensdiskursen anzutreffen.

Aber machen wir es mal konkret: die Burka ist verboten. Und dann? Die Frauen werden von ihren frommen Männern angehalten, in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen oder eben zu Hause zu bleiben. Deutschland auf 40 Quadratmetern, in der jeweiligen Wohnung. Integration ist dann gelungen? Und andernfalls zerren Polizisten in den Fußgängerzonen die Burka von den sie tragenden Personen, werfen sie bei Widerstand ins Gefängnis? Wie soll das konkret gehen? Und wer hilft den Frauen, die Jahrzehnte unter einer Burka lebten, bei den ersten unverschleierten Schritten?

Neulich habe ich zum Beispiel eine Frau gesehen, die an allen zu sehenden Hautpartien tätowiert und gepierct war. Bitte verzeihen Sie: ich fand das hässlich und abstoßend. Doch nicht alles, was mir nicht gefällt, kann ich verbieten. (Auch wenn hier eine Burka eine erste Hilfe gewesen wäre.)

Anders ausgedrückt: Wenn die Burkas aus dem öffentlichen Stadtbild verschwunden sind, ist dann die Terrorgefahr gebannt und wird dann die Integration Zuwandernder problemlos gelingen? Wenn nicht: Gibt es noch andere Maßnahmen, die man diskutieren und ergreifen sollte? Ach ja: die doppelte Staatsbürgerschaft. Über die verfügen die Terroristen scheinbar auch. Und etwa 700.000 Polen bzw. 600.000 Russen, von denen die meisten CDU/CSU wählen – noch. Die Welt ist doch komplizierter als man denkt.

Merken Sie: die Politik ist hilflos (wie viele von uns auch) und verfällt in sinnlosen Aktionismus. Anstatt einfach mal zu sagen, wir müssen gemeinsam ernsthaft überlegen, wie wir mit diesen neuen Phänomenen umgehen. Und das braucht Zeit. Und Mut. Und Kreativität. Und die Bereitschaft zu Veränderungen im bisherigen Leben. Wir sind ein Einwanderungsland.

Deutsch-Türken der 3. Generation fordern Todesstrafe – Integration gelungen?

40.000 Menschen türkischer Herkunft bzw. Abstammung demonstrierten Ende Juli 2016 in Köln gegen den gescheiterten Militärputsch in der Türkei, für Präsident Recep Tayyip Erdogan und auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe – in der Türkei. Diese demonstrierenden Menschen leben zum großen Teil seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland, sind hier geboren, haben deutsche Schulabschlüsse erworben, sprechen meist gut Deutsch und: fühlen sich türkisch. Sie nutzen wie selbstverständlich demokratische, in Deutschland verbriefte Grundrechte, um einem Menschen zuzujubeln, der sie in der Türkei gerade drastisch einschränkt, teilweise sogar abschafft.

Was sagt uns das über die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte? Irgendetwas scheint völlig daneben gelaufen zu sein. Doch was?

Ein Pass allein macht noch keinen Deutschen. Heimat ist nicht nur ein Dokument, sondern ein Gefühl. Das Gefühl zu Hause zu sein, willkommen und anerkannt zu sein, sich wohl zu fühlen. Viele Menschen türkischer Herkunft sind deutsch und „ticken“ deutsch. In Istanbul zum Beispiel treffen sich Deutsch-Türken, die in Deutschland groß geworden sind, in Deutschlang (gut) ausgebildet worden sind, aber hier keine Arbeit fanden. Ihre Zweisprachigkeit erlaubt Ihnen, zum Beispiel in der Türkei zu leben und zu arbeiten. Doch auch dort sind sie nicht richtig zu Hause, da sie für viele Türken deutsch sind. Migranten – welcher Herkunft auch immer – sind oft Wanderer zwischen den Welten. Das sollten wir uns bewusstmachen.

Was ist deutsch? Was ist türkisch? Was ist russisch?

Erinnern Sie sich, dass das russische Fernsehen vor einigen Monaten berichtete, dass Männer fremdländischen Aussehens in Berlin ein 13jähriges russisches Mädchen vergewaltigt haben sollen? Daraufhin sind etliche russlanddeutsche Menschen auf die Straßen gegangen, um zu demonstrieren. Dass diese Nachricht nicht stimmte, auch wenn der russische Außenminister Lawrow das behauptete, drang erst einmal nicht durch. Ist das mal irgendwo aufgearbeitet worden?

Wir erleben: Migranten halten Verbindung zur Heimat über das Fernsehen. Wenn dann noch die Medien staatspolitisch gelenkt („gleichgeschaltet“) sind, gleichzeitig kein Abgleich mit anderen, zum Beispiel deutschen Medien, erfolgt, dann sind das schnell leicht lenkbare und emotionalisierbare Massen. Doch es braucht mehr als nur Fernsehen. Diese Menschen müssen das Gefühl haben, in der neuen Heimat nicht wirklich angenommen zu sein, damit nationalistische Emotionen, Vorurteile und falsche Behauptungen in der Wahrnehmung zu Fakten werden können.

Viele Migranten haben das Gefühl im Grunde nicht wirklich gewollt zu sein und von den Deutschen eher nur „geduldet“ zu werden. Unser Ausländerrecht ist nicht umsonst Polizei- und Gefahrabwehrrecht – bis heute! So erzählen mir zum Beispiel russlanddeutsche Menschen, die in ihrer Heimat als Arzt eine Klinik geleitet hatten, dass ihre Qualifikationen hier nicht anerkannt wurden. Sie hätten noch einmal studieren müssen! Sie hätten sich die Willkommenskultur, die manche Deutsche den Flüchtlingen heute (2015) entgegenbringen, für sich vor 25 Jahren auch gewünscht. Da schwingt nicht selten Neid und Wehmut mit.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich fordere jeden Erdogan-Anhänger auf, die türkische Gesellschaft in der Türkei aktiv mitzugestalten!

Doch mein Blick geht nach vorn. Wer Integration will, sollte ehrlich Fehler der Vergangenheit korrigieren. Integration erfolgt nicht nebenbei. Also: Unterhält ihre Kommune seit Jahr(zehnt)en eine regelmäßige Dialogstruktur mit Migrantenorganisationen? Welche/r Bürgermeister/in besucht neben Pfarrfesten auch Moscheeveranstaltungen? Wo werden Migrantenorganisationen selbstverständlich zu den Neujahrsempfängen oder anderen gesellschaftlichen Ereignissen eingeladen? Wo sind Migranten in den Stadträten auch repräsentiert? Verfügt Ihre Kommune über ein Integrationskonzept? Wird es auch umgesetzt?

Und weiter: Warum ist es seit Jahrzehnten so, dass mindestens doppelt so viele ausländische Menschen arbeitslos sind oder/und von Hartz IV (früher Sozialhilfe) leben? Warum ist es seit Jahrzehnten so, dass ausländische Kinder überrepräsentativ häufig die Hauptschulen besuchen und keinen Schulabschluss machen? Warum fangen doppelt so viele deutsche Jugendliche nach der Schulzeit eine Ausbildung an als ausländische Jugendliche? Intelligenz wird weder von Gott, noch von Allah nach ethnischen Aspekten verteilt. Das Gehirn als Hardware ist bei der Geburt in der Regel gleich, egal wo ein Mensch geboren wird. Es kann also stets lernen!

Fakt ist: Ohne Zuwanderung wird Deutschland seine enormen demografischen Herausforderungen der Zukunft nicht meistern können. Das setzt aber eine gute, gelingende Integration voraus. Die Demonstration der Türken für Präsident Erdogan und die damit einhergehende spaltende Diskussion in den türkischen Gemeinden (Pro und Contra Erdogan) belegt, dass die Integrationspolitik der letzten Jahre und Jahrzehnte genug Anlässe bietet, es künftig besser zu machen. Denn die Integrationspolitik wird eine Schlüsselherausforderung unserer nahen Zukunft sein. Der Blick geht nach vorn: Wir können aus Fehlern lernen, um unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten. Wir müssen es nur wollen. Auf Erdogan schimpfen reicht nicht.

Meine Fragen an Erdogan-Anhänger in Deutschland – mit Bitte um Antwort

Bevor ich meine Fragen stelle, weil ich so manches Verhalten nicht verstehe, möchte ich zwei Dinge vorab bestärken.

Erstens: Recep Tayyip Erdogan ist der demokratisch gewählte Präsident der Türkischen Republik. Das Parlament in der Türkei kann seine Entscheidungen nach Recht und Gesetz selbstbestimmt treffen. Das muss mir nicht gefallen. (Gleichwohl habe ich das Recht, dies zu kritisieren.)
Zweitens: Die Türkei hat mehrfach militärischen Putsch in ihrer Geschichte erlebt, zuletzt „erfolgreich“ 1980. Niemand außerhalb der Türkei vermag nachzuvollziehen, welche Traumata damit verbunden sind, zumal die Gewalt der Militärs in den Gefängnissen gegenüber Andersdenkenden brutal war, Narben hinterlassen hat.

Gleichwohl wundere ich mich über manche türkischstämmigen Menschen in Deutschland, die nun öffentlich auftreten und für ihre Auffassungen, für „ihren“ Präsidenten, öffentlich (zu Recht!) demonstrieren können.

Frage: Wer in Deutschland das Recht auf Demonstration (Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit) in Anspruch nimmt und damit als gesellschaftliche Minderheit auf sich aufmerksam macht, der möchte mir bitte sagen, warum dies in der Türkei für Minderheiten (z. B. Erdogan-Kritiker, Kurden, Alewiten) nicht möglich ist?

Frage: Wer in Deutschland lebt (und das meist schon sehr lange) und sich gleichwohl mit der Türkei identifiziert, der ist in diesem Land noch immer nicht angekommen. Gestalten Sie in der Türkei den Staat mit, den Sie für sich und Ihre Kinder wollen. Warum gehen Sie nicht zurück in das Land, das Sie emotional so sehr bewegt, zumal doch Ihr Idol dort regiert?

Frage: Wer muslimischen Glaubens ist und das auch öffentlich bekennt, der bekräftigt stets, dass der Koran das Töten von Menschen verbiete. Barmherzigkeit sei das Wort, das am häufigsten im Koran vorkomme. Warum drohen türkisch-stämmige Menschen anders denkenden türkisch-stämmigen Menschen zum Beispiel via Facebook den Tod an? Warum distanzieren sich unsere Moscheegemeinden nicht von diesen Auswüchsen und sagen deutlich, dass dieses aggressive Verhalten gegenüber Andersdenkenden (z. B. Erdogan-Kritiker, Kurden, Alewiten etc.) nicht mit dem Koran übereinstimmt?

Frage: Wer es schätzt, dass man in Deutschland seine Meinung frei äußern kann, der sollte mir beantworten, warum dies in der Türkei nicht mehr möglich scheint. Bitte erklären Sie mir, warum so viele Journalisten und Wissenschaftler, Rechtsanwälte und Lehrer (Männer wie Frauen) so plötzlich und so schnell ihrer Ämter enthoben werden? Warum zum Beispiel wurde vor wenigen Tagen eine Professorin für Geschichte, die in einer türkischen Fernseh-Talkshow Erdogan öffentlich kritisierte, aus der Sendung geschmissen und anschließend von der Universität suspendiert? Was hat das mit einem Rechtsstaat, mit Meinungsfreiheit zu tun, die Sie hier in Deutschland genießen und nutzen?

Frage: Wer beklagt, dass die Türken in Deutschland nicht gewollt sind, und dass eine Integration nicht nachhaltig gelingt, der mag sogar individuell Recht haben. Die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte war wenig hilfreich. Gleichwohl: Wer bleiben will, wird Wege finden, sich zu integrieren. Wer nicht bleiben will, kann gehen. Es wird niemand gegen den eigenen Willen festgehalten. Wo sehen Sie Ihre Zukunft und die Ihrer Kinder: In Deutschland oder in der Türkei?

Frage: Warum soll ich als Tourist die Türkei besuchen, wo ich doch damit rechnen muss, wenn ich frei meine Meinung, zum Beispiel über Präsident Erdogan, sage, wegen Beleidigung des Staatsoberhauptes vor Gericht gestellt zu werden?

Sie nutzen mit Ihrer Demonstration für den türkischen Präsidenten jene, von mir akzeptierten Rechte, die dieser Präsident rechtswidrig gerade in der Türkei vielen Andersdenkenden verweigert. Das verstehe ich nicht. Bitte erklären Sie es mir. Danke

Boateng als Nachbar und die drei T’s der Zukunft

Folgende drei große T’s werden unsere Zukunft maßgeblich mitgestalten: Technik, Talent und Toleranz.

Können Sie sich ein Etikett vorstellen, das auf dem Jogurtbecher angebracht ist und Ihnen durch eine Verfärbung mitteilt, dass der Inhalt nicht mehr genießbar ist? Ein Pflaster, das mitteilt, ob die Wunde verheilt? Können Sie sich eine Wohnung vorstellen, die mit Sensoren ausgestattet ist und einem Rettungswagen signalisiert, dass Sie lebensgefährlich gestürzt sind? Können Sie sich einen Roboter vorstellen, der mit einem Polizisten auf Streife geht? Die Frage wird sein, wie wir damit umgehen, wenn die Technik intelligenter ist als das menschliche Hirn und technische Systeme miteinander kommunizieren, ohne dass Menschen wissend daran beteiligt sind?

Das bedeutet, dass wir die Talente, die sich zur Verfügung stellen, so miteinander arbeiten lassen, damit sie gemeinsam zielorientiert das Beste für unsere Zukunft gestalten. Jeder Mensch hat mindestens ein Talent und ist somit talentiert. Die Vielseitigkeit der Talente zu erkennen und zu moderieren wird die Herausforderung sein. Wer blind ist, ist nicht blöd. Jede Gesellschaft, jede Kultur, jede Religion, jede Ethnie verfügt über talentierte Menschen. Die Frage lautet, wie wir es schaffen, dass die Menschen ihre unterschiedlichen Talente erkennen, dass sie von der jeweiligen Gesellschaft wertgeschätzt und zum Wohle aller ihre Talente frei entfalten können?

Wir werden nicht nur immer älter, sondern auch immer vielfältiger: Fünf Generationen in einem Jahrhundert haben unterschiedliche Werte und Lebenserfahrungen, verfügen über unterschiedliche erlernte und erlebte Kompetenzen, greifen auf vielfältige kulturelle, religiöse und regionale Spiritualitäten zurück. Doch diese ungeheure Vielfalt, die sich in Lebensstilen, Lebensentwürfen, und Lebenswelten ausdrückt, kann sich nur talentreich entfalten, wenn sie einander mit Respekt und Toleranz begegnen. Die Geschichte der Menschheit ist eine einzige Wanderungsgeschichte. Ohne Zuwanderung hat keine Gesellschaft je Zukunft gehabt. Die Frage ist zu beantworten, wie tolerant unser Land und unsere Gesellschaft für Talente sind?

Ein erfolgreiches Unternehmen sucht die Talente, die es braucht, damit sie die Technik erfinden, konstruieren und produzieren, die wir zum Beispiel in einer älter werdenden Gesellschaft benötigen.  Dabei auf Talente zu verzichten, bloß weil sie als Mensch „anders“ als unsere Vätergenerationen sind, wäre nicht nur dumm, sondern gefährdet die Gestaltung einer guten Zukunft. Bayern München ist auch deshalb erfolgreich, weil sie die Talente aus vielen Ländern zielführend in ein respektvolles Miteinander komponiert haben. Menschen wir Jérôme Boateng als Nachbarn zu haben signalisiert, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Wege sind. Denn wichtiger als die unterschiedliche Herkunft bleibt stets die gemeinsame Zukunft. Sie in Abschottung zu anderen zu gestalten, die anders sind, wird nicht gelingen. Das hat auch die deutsche Geschichte belegt.

Sorgen wir für die Toleranz zum Nachbarn, die ermöglicht, in ihm auch jenes Talent wertzuschätzen, dass mit den gemeinsam entwickelten vielfältigen Techniken kreativ und innovativ Zukunft für alle auf weltmeisterlichem Niveau gestaltet. Dann werden wir auch so manchen GAUland überstehen.

Erzwingt Terror Modernisierungsschub im Islam?

99 Prozent der Muslime weltweit wollen ein Leben in Frieden und dies gewaltlos. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Doch wahr ist auch: 99 Prozent aller weltweit aktiven Terroristen sind Muslime und meinen im Namen ihrer Religion morden zu dürfen. Wer glaubt, dies habe nichts mit der Weltreligion Islam zu tun, da auch diese Religion das Töten von Menschen ablehne, und der daher meint, er könne zur Tagesordnung übergehen, der irrt. Nach Brüssel müssen wir umdenken.

Zum einen identifizieren immer mehr Menschen den Islam als Quelle des Terrors. Sie werden immer weniger bereit sein zu unterscheiden zwischen denen, die zu Recht sagen, dass das Wort „Barmherzigkeit“ das Wort im Koran sei, das am häufigsten vorkomme und den gewaltverherrlichenden Kriegern des sogenannten Islamischen Staates, die sich ebenfalls auf den Propheten Mohammed berufen. Sie belegen das mit den Suren des Koran, der sich aus den Erfahrungen der rund 80 Kriege speist, die Mohammed in den letzten acht Jahren seines Lebens führte.

Wer wie ich davon überzeugt ist, dass die Religionsfreiheit ein hohes Gut einer demokratischen Gesellschaft ist, der darf aber auch nicht übersehen, dass zurzeit Menschen im Namen einer Religion genau diese Demokratie und ihre Werte massiv versuchen, aus den Angeln zu nehmen. Und genau das untergräbt das friedliche Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Religionen, insbesondere von Muslimen, nachhaltig. Es sät Angst und Misstrauen. Die Islamfeindlichkeit wird deutlich zunehmen, wenn der Islam sich nicht glaubwürdig verändert. Das liegt in unser aller Interesse.

Der Islam muss endlich im Wertesystem des 21. Jahrhunderts ankommen. Das, was der 632 gestorbene Mohammed zeit seines Lebens als Glaubenssätze (6.236 Verse und mehrere tausend unverschriftlichte Hadithe) geäußert hat, muss für das 21. Jahrhundert „übersetzt“ werden. Die Welt hat sich verändert seit 632! Verteidigen diejenigen, die sagen, dass das nicht sein dürfe, nicht eher ihre Machtinteressen? Sind die jungen Männer, die sich im Namen Allahs in die Luft sprengen, letztlich gescheitert, weil ihr Leben zwischen den traditionellen religiösen Werten und den modernen gesellschaftlichen Ansprüchen zerrieben wurde?

Der Islam hat als Religion daher auch etwas mit dem zu tun, was den Terror ausmacht: (1) er gibt den Menschen, die den Terror predigen, einen religiösen Unterbau, der sich aus dem Koran und aus dem Leben Mohammeds speist; (2) die Islamgelehrten und die politischen Wächter des Islam schaffen es nicht, gemeinsam eine weltweit glaubwürdige Front gegen diesen Terror zu bilden (was ja einfach wäre, wenn es nichts mit der Religion als solche zu tun hätte); (3) politische Persönlichkeiten, zum Beispiel der türkische Staatspräsident, bekämpfen die Kurden weitaus stärker und intensiver als die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats, was wenig einleuchtet, wenn es sich bei allen um Terroristen handeln würde; (4) die meisten jungen Männer müssen in ihren Moscheegemeinden aufgefallen seien, als sie sich radikalisierten; (5) der meist gesuchte Terrorist bewegte sich im belgischen Molenbek tagelang unbehelligt, ohne das andere Bürger es für nötig befanden, einen Massenmörder der Polizei zu melden, was auf große Sympathien im überwiegend muslimischen Bevölkerungsteil schließen lässt.

Wenn der Islam es daher nicht schafft, sich in relativ kurzer Zeit von den Glaubensbegriffen Mohammeds aus dem 7. Jahrhundert zu lösen, wenn er es nicht schafft, die Werte des 21. Jahrhunderts glaubwürdig anzuerkennen (zum Beispiel die Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der Religionen, zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau, zum Beispiel die Meinungsfreiheit, zum Beispiel die Anerkennung der jeweiligen Rechts- und Justizsysteme), dann wird diese Religion massiv an gesellschaftlicher Akzeptanz verlieren – und damit auch die Angehörigen dieser Religion. 3,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind Muslime. Die meisten von ihnen sind rechtschaffene Bürger/innen. Dennoch braucht die Religion einen Modernisierungsschub, damit den Terroristen, aber auch den Ängsten eines wachsenden Teils der Bevölkerung der Nährboden entzogen werden kann. Appelle und Solidaritätsadressen der muslimischen Verbände allein reichen jetzt nicht mehr.

Allerdings gehört es auch zur Wahrheit, dass es in der Vergangenheit keine hinreichenden Erfolge der Integration muslimischer Mitbürger/innen gegeben hat. Ganz im Gegenteil: Es konnten Parallelgesellschaften entstehen. Wir brauchen Dialogstrukturen auf allen politischen Ebenen, damit die Menschen einander unterstützen und ermutigen, eine gemeinsame wertbasierte Zukunft zu gestalten. Die Islamkonferenz braucht kommunalpolitische Ableger!

Und es gehört auch zur Wahrheit, dass Hunderte deutsche junge Männer in Syrien für den sogenannten Islamischen Staat kämpfen. Darunter sind auch ehemalige Christen, die zum Islam konvertierten. Es liegt nicht nur am Islam, dass dieser Terror geschieht. Auch das gehört zur (bitteren!) Wahrheit.  Das heißt aber auch, dass die Wurzeln des Terrors gesellschaftspolitisch bekämpft werden können.

Flucht und Flüchtling – vier Buchtipps für Weihnachtsgeschenke

2015 stand und steht noch im Zeichen von Flucht und Flüchtlingen. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, eine Million davon ist in Deutschland angekommen: auf 80 Deutsche kommt somit ein Flüchtling. (Zum Vergleich: In Jordanien kommt auf 10 Jordanier ein Flüchtling.) Manchen Menschen macht das Angst.

Die berühmteste Flüchtlingsfamilie sind Maria, Josef und Christus. Wer erinnert sich nicht an das Lukasevangelium, an die Weihnachtsgeschichte, die in diesem Jahr millionenfach aktualisiert wird? Damals blieb als Herberge nur der zugige Stall. Ich bin stolz, in einem Land zu leben, dass aus dieser Geschichte gelernt hat, auch wenn nicht wenige das gern ändern würden.

Wer sich mit den Themenfeldern Flucht, Fluchtursachen, Fluchtwege, Flüchtling auseinandersetzen möchte, dem seien vier Bücher empfohlen, die sich allesamt als ideale Weihnachtsgeschenke eignen.

Tipp 1: Rafik Schami: Eine Hand voll Sterne.

Das „Buch für die Stadt“ des Kölner Stadt-Anzeiger 2015 trifft voll den Geist der Zeit. Es erzählt die Geschichte eines syrischen Jugendlichen, der in seiner Heimat gern lebt, nicht zuletzt, weil er sich dort verliebt und weil er es auch gar nicht anders kennt. Dabei werden Willkür, Unrecht, Angst und politische Unfreiheit thematisiert. Aber die schöne, lesenswerte Geschichte macht deutlich, dass es sehr viel mehr braucht, um einen Menschen zu bewegen, seine Heimat zu verlassen. Das macht keiner gern – auch nicht in Syrien.

Tipp 2: Christoph Reuter: Die Schwarze Macht.

Der Untertitel des Buches des Spiegel-Nahostkorrespondenten „Der Islamische Staat und die Strategen des Terrors“ verdeutlicht, worum es geht. Flucht wird verursacht, wird gemacht. Nicht selten von anderen, die von außen vorgeben, etwas Gutes zu tun. Der Autor beschreibt sehr sachkundig, warum es den Islamischen Staat überhaupt gibt, wer ihn groß gemacht hat, wie er wirkt und was ihn hält. Wer verstehen will, was da in Syrien und im Irak zur Zeit geschieht, der sollte dieses Buch lesen. Es ist gleichzeitig eine Beschreibung der politischen Situation im Nahen Osten. Es wird deutlich, dass ein Krieg keine Lösung bringen wird.

Tipp 3: Eric-Emmanuel Schmitt: Odysseus aus Bagdad.

Warum macht sich ein junger Mann auf den Weg von Bagdad über Kairo, Libyen, Malta, Frankreich nach Großbritannien? Was erlebt er auf diesem Weg? Was motiviert ihn? Wie überlebt er? Gut recherchiert, sehr lebendig, berührend, zeitweise atemberaubend und brutal, aber stets humorvoll und schmunzelnd. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nachvollziehen können, was die meisten Menschen auf ihrer Flucht bewegt und gemeistert haben. Er wird aber auch begreifen, dass längst nicht jeder diesen Weg erfolgreich abschließt.

Tipp 4: Roland E. Koch: Unter fremdem Himmel.

Sie sind in Deutschland. Illegal. Sie verstecken sich, sind angewiesen auf Hilfe. Und sie finden jemanden, der in einem kleinen Dorf allein ist, alt ist, wenig Sinn in seiner Zukunft sieht. Dann treffen sich diese Welten und geben einander das, was die jeweils andere Welt nicht hat und bietet. Es ist eine wunderschöne Geschichte, welche Möglichkeiten Flüchtlinge in einer älter werdenden ländlichen Gegend haben könnten. Wir brauchen diese Geschichten, da sie die Chancen vermitteln, die Zuwanderung auch hat.

Gelingende Integration: Aus Flüchtlingen Bürger machen

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sagte einmal, dass wir Arbeiter riefen, jedoch Menschen gekommen seien. Damit spielte er darauf an, dass die Integration zugewanderter Menschen jahrzehntelang arg vernachlässigt worden sei. 1955 schlossen Deutschland und Italien den ersten Gastarbeitervertrag, dem weitere folgten, so 1963 mit der Türkei, Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts kamen Zigtausende Aussiedler, aber 2006 wurde erstmals ein „Nationaler Integrationsgipfel“ durchgeführt – 51 Jahre nach dem ersten Gastarbeiterzuzug.

Aus den seither gesammelten vielfältigen Erfahrungen sollten wir lernen. Eine gelingende Integration ist kein Selbstläufer. Dafür muss eine Gesellschaft etwas tun. Doch kein Thema ist emotionaler in der politischen Diskussion, mit Vorurteilen und Ängsten behafteter, als die Diskussion um die Integration zugewanderter Menschen vor Ort. Dabei ist sie eine Schlüsselherausforderung für unsere gemeinsame Zukunft – und wichtiger als unsere unterschiedliche Herkunft. Wer will, dass sie wirklich gelingt, sollte folgende Punkte beherzigen:

Erstens: Wir brauchen eine Haltung, die Menschen willkommen heißt, auch wenn sie anders sind, sich anders kleiden und anders aussehen. Für dieses inklusive Klima muss man werben, dafür muss man Flagge zeigen. Zuvorderst unsere Bürgermeister/innen sowie unsere Landräte/innen. (Frage: In welchem aktuellen Wahlkampf spielt die Frage der gelingenden Integration (nicht die der akuten Unterbringung von Flüchtlingen) eine Rolle?) Aber nicht nur sie: jeder Einzelne bleibt gefragt.

Zweitens: Integration ist kein einseitiger Prozess. Es ist ein gegenseitiges Aufeinander Zugehen, sowohl der zuwandernden Gesellschaft als auch der aufnehmenden Gesellschaft.  Dafür muss stets geworben werden, auch wenn die Grundlagen – Wertefundamente des Grundgesetzes und die deutsche Sprache – nicht verhandelbar sind. Das wird auch nicht ohne (emotionale) Rückschläge funktionieren.

Drittens: Eine gelingende Integration basiert auf einem Konzept, also einem planvollen zielorientierten strategischen Vorgehen. Wer eine gelingende Integration will, der sollte vorab seine integrationspolitischen Ziele kennen. Wohin wollen wir gemeinsam? Weniger das „Wie“ ist entscheidend, sondern das „Wohin“.

Viertens: Eine gelingende Integration braucht ein Netzwerk der Akteure. Menschen aus der Politik, der Verwaltung, der Bürgergesellschaft, aus der Wirtschaft, aus den Verbänden, die an diesem Thema interessiert sind – ob hauptamtlich oder freiwillig engagiert – gilt es zusammen zu bringen. Dabei ist elementar wichtig, dass nicht Menschen ohne Migrationshintergrund über Menschen mit Migrationshintergrund reden, sondern mit ihnen ins Gespräch kommen.  Sie sollten gemeinsam Ziele und Maßnahmen formulieren, denn nur dann findet Identifikation und Umsetzung statt.

Fünftens: Wir brauchen nicht nur eine gemeinsam entwickelte Konzeption für eine gelingende Integration, sondern auch eine gemeinsam abgestimmte priorisierte Vorgehensweise in der Umsetzungsphase. Oberste Priorität hat in der Regel die qualitativ messbare Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse.

Sechstens: Eine gelingende Integration braucht eine regelmäßige Plattform, die dem Treffen der Akteure, ihrem Austausch, der Bilanz des Prozesses und dessen Weiterentwicklung dient.  Transparenz und Kontinuität sind zwei wichtige Funktionsbedingungen für den Prozess.

Siebtens: Eine gelingende Integration braucht eine Prozesssteuerungsgruppe, die den Prozess voranbringt und dafür Sorge trägt, dass die gemeinsam definierten Ziele erreicht werden. Dieser Gruppe sollten Menschen aus der Verwaltung, der Politik, der Bürgergesellschaft und den Migrantenselbstorganisationen angehören.  Integration ist nichts, dass man beschließt und vorfindet, Integration ist ein dynamischer Prozess.

Achtens: Eine gelingende Integration braucht Kümmerer. Motoren, die dafür sorgen, dass dieses Thema auf die politisch-gesellschaftliche Tagesordnung kommt und auch dort verbleibt. Menschen, die auch für eine mediale Präsenz mitverantwortlich sind.  Wichtig sind vor allem die „Brückenbauer“, also zugewanderte Menschen, die sich erfolgreich integrierten, die ermutigende Vorbilder sind. Das beschränkt sich keinesfalls nur auf die deutsche Fußballnationalmannschaft!

Ich habe in mehreren Städten und Landkreisen Integrationsprozesse gestaltet, moderiert und begleitet, die das Ziel einer gelingenden Integration verfolgten. Ob Solingen, Wiesbaden, Landau in der Pfalz oder Landkreis Germersheim: die oben genannten acht Punkte sind überall wichtige Eckpfeiler.

Integration kann gelingen, wenn wir es wollen und wenn wir die notwendigen gesellschaftlichen Prozesse aktiv gestalten. Dabei können wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit und den Erfahrungen vieler Kommunen lernen.  In der Tat: Wir können es schaffen. Wir müssen es allerdings wollen!

Deutschland und seine Flüchtlinge – 10 (unbequeme?) Wahrheiten

Nur ein Thema beschäftigt die Deutschen mehr als das Thema „Flüchtlinge“: das Wetter. Und dennoch habe ich den Eindruck, als ob so manche Gesinnungsethik den Blick für die Realitäten verschleiert.

Erstens: Die Flüchtlinge sind Menschen. Kein „Pack“, kein „Dreck“, keine „Sozialschmarotzer“ und auch keine „Armutsmigranten“. Es kommen Menschen. Wer das Grundgesetz und die in Artikel 1 festgelegte Menschenwürde ernst nimmt, daran glaubt, sollte dies auch hochhalten. Das betrifft aber auch umgekehrt jene, die am Straßenrand stehen, demonstrieren, andere (nicht meine) Meinungen lautstark äußern. Auch diese Menschen sind kein „Pack“, kein „Mob“, keine „Asozialen“. Nur der Dialog von Mensch zu Mensch kann helfen. Wer Gewalt anwendet, hat allerdings konsequent den Rechtsstaat zu spüren.

Zweitens: Es gilt der kategorische Imperativ: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Jeder mag sich vorstellen, als Flüchtling in anderes Land zu kommen. Wie möchtest du aufgenommen und behandelt werden? Das ist der Maßstab!

Drittens: Keiner verlässt gern seine Heimat. Jeder fühlt sich dem verbunden, wo er groß geworden ist, wo die Eltern und Großeltern leben, wo die erste Liebe erlebt worden ist. Keiner verlässt gern ein Land, in dem man die gleiche Sprache spricht und verstanden wird.

Viertens: Es war US-Präsident Bush, der den Irak mit einem elenden Krieg überzog, der in einer Lüge seine Berechtigung suchte. Es war die westliche Wertegemeinschaft, die Libyen dem Erdboden gleichmachte, so dass heute die Menschenschmuggler und die IS-Terroristen das Chaos beherrschen. Es war auch die deutsche Regierung, die den syrischen Diktator stabilisierte, mit Waffen belieferte. Diese Flüchtlinge sind auch Reaktionen einer verfehlten internationalen (deutschen) Politik.

Fünftens: Nüchtern betrachtet überleben vor allem jene Menschen die Tortur der Flucht, die stark und ausdauernd sind, die Solidarität mit ihren Familienangehörigen empfinden, die über Bildung verfügen und die aufgrund einer soliden Berufsausbildung zuhause das Geld erwirtschaftet haben, das ihnen nun die Schlepper finanzieren hilft. Es sind kaum Menschen, die Zuflucht in einer sozialen Hängematte suchen. Sie wollen ihr Leben aktiv gestalten.

Sechstens: Wir ernten in Deutschland nun die Folgen einer Lebenslüge, die Jahrzehnte davon erzählt hat, dass unser Land kein Einwanderungsland sei. Ganze Wahlkämpfe wurden mit grenzwürdigen Parolen gegen doppelte Staatsbürgerschaften oder für eine Ausländermaut geführt. Das hat einerseits ein Klima erzeugt, in dem der Stammtisch genährt wurde und andererseits für ein Gefühl gesorgt, dass es einer flächendeckenden, mit den Zuwanderern gemeinsam gestalteten kommunalen Integrationspolitik nicht bedarf.

Siebtens: Unser 1965 verabschiedetes Ausländerrecht ist in der Rubrik Polizei- und Ordnungsrecht eingeordnet. Es ist ein Gefahrenabwehrrecht. So denken auch viele Menschen in den Ausländerbehörden. Plötzlich ist Willkommenskultur angesagt. Der Spagat ist sportlich – auch mental.

Achtens: Deutschland profitierte lange von der demografischen Dividende der Babyboomer. Viele Menschen = viele Talente. Diese Talente werden in wenigen Jahren alt und müde sein. Nachwuchs ist nicht mehr ausreichend da. Nun kommen diese meist jungen Menschen als Flüchtlinge. Das ist unsere Chance auf eine demografische Dividende für morgen.

Neuntens: Deutschland hat Platz, insbesondere im ländlichen Raum. Die Stichworte lauten: alt, arm und leer. Gegen alt und leer könnte sofort etwas getan werden, wenn man wollte.

Zehntens: Der vorprogrammierte Fachkräftemangel erhält mit den Flüchtlingen eine Entspannung, wenn wir es wollen. Denn es kommen viele beruflich gebildete Menschen. Rasch für Spracherwerb sorgen, rasch die Integration vor Ort gestalten, müsste das Credo lauten, statt zaghaft nach Zuständigkeiten und Finanzierungen suchen. Wir Steuerzahler sorgen für sprudelnde Steuerquellen. Also: Das Geld ist da!

Diese zehn Punkte werde ich anführen, wenn ich am kommenden Sonntag im Hessischen Rundfunk als Experte zur Flüchtlingsfrage in Deutschland Stellung beziehen soll. Schreiben Sie mir, wenn Sie diese Gedanken anreichern wollen.

Flüchtlinge – Jahrhundertchance oder „Dreck“?

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Gründe sind vielfältig: Umweltkatastrophen, Hunger, Bürgerkriege, wirtschaftliche Not.  Rund 75 Prozent der Flüchtenden verbleiben im eigenen Land bzw. in der jeweiligen Region. 25 Prozent der Flüchtlinge nehmen zum Teil  weite Wege und enorme Strapazen auf sich. Nicht selten verdienen skrupellose Menschen mit der Flucht viel Geld, nicht wenige der Fliehenden verlieren ihr Leben.

In den ersten fünf Monaten kamen allein rund 125.000 Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland. Doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Es sind zumeist junge Menschen, darunter auch Jugendliche, Minderjährige. Aber auch ganze Familien. Grundsätzlich kann gesagt werden: Niemand verlässt gern seine Heimat, vor allen Dingen nicht Minderjährige oder Familien. Nicht wenige sind traumatisiert, wenn sie irgendwo ankommen. Das einzige, was sie treibt: die Hoffnung auf ein „normales“ Leben: arbeiten, wohnen, Familie gründen, lachen, leben.

Dass die Flüchtlinge die Deutschen beschäftigen, belegen Umfragen. Allensbach hat ausgemacht, dass 65 Prozent sich in der Woche vor der Befragung über das Wetter unterhalten haben (Top-Thema!), 62 Prozent aber auch über die Flüchtlingssituation sprachen. Das ist mithin das zweitwichtigste Gesprächsthema. Doch welcher Tenor steht dabei im Vordergrund? Flüchtlinge als Chance für Deutschland?

In Deutschland, wie auch in vielen anderen Teilen Europas, treffen sie auf eine relativ alte Bevölkerung. Im Vergleich: In Deutschland ist zurzeit jeder zweite Bürger älter oder jünger als 45 Jahre (Medianalter). In nicht wenigen Ländern Afrikas liegt das Medianalter bei 15 Jahren! Die Frage lautet in 20 Jahren bei uns, insbesondere im länglichen Raum: Wer schiebt den Rollstuhl? Wer repariert den Wasserrohrbruch? Wer bringt die Lebensmittel? Wer fährt Taxi oder Bus? Wer bringt die Post? In Deutschland fehlen junge Menschen überall. Wir spüren es längst am Ausbildungsmarkt, sind aber immer noch erstaunt, wenn es heißt, dass Stellen nicht besetzt werden können.

Wer es nüchtern betrachtet, muss erkennen: die jungen Menschen, die aus der ganzen Welt bei uns stranden, sind eine große Chance in einer älter werdenden Gesellschaft. Doch wir sehen diese Chance nicht. Im sächsischen Freital formieren sich Menschen, die Flüchtlinge vor laufenden Kameras als „Dreck“ beschimpfen, den man dort nicht will. Dabei kann auch deren Blut Leben retten!

Wer die Chance ergreifen will, sollte diese Menschen willkommen heißen, sie dezentral unterbringen, ihnen freiwillige Paten zur Seite stellen, professionelle Sprachkurse anbieten, Berufs- und Ausbildungsabschlüsse schnellstens anerkennen. Das ist keine alleinige kommunale Aufgabe, sondern eine Aufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden. Jeder investierte Euro kann hier nachhaltig Zukunft gestalten. Die Rendite könnte gigantisch sein.  Doch wir müssen umdenken. Das wäre aktive Willkommenskultur auf dem Hintergrund des demografischen Wandels. Redet darüber.

Wichtiger ist, was im Kopf ist, als was auf dem Kopf ist!

Die aktuelle Diskussion um Kopftuch tragende Lehrerinnen, ausgelöst von einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, reflektiert in der Tat Ängste vor dem Fremden und Unbekannten. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich unser Land nachhaltig verändert hat und weiter verändert. Wer die Religionsfreiheit will, der muss auch wollen, dass grundsätzlich gleiches Recht für alle Religionen gilt. Der Staat ist hier neutral. Wer das nicht will, der soll sagen, welche Religionen in Deutschland warum nichts zu suchen haben und das Grundgesetz ändern.

Wer in Städten lebt, in denen viele Menschen leben, die gebürtig aus Russland kommen, wird feststellen, dass gerade ältere Frauen ein Kopftuch tragen. Ich selbst habe meine Oma, die als Bäuerin beruflich unterwegs war, mit Kopftuch in Erinnerung. Wer wie ich eine christliche Bekenntnisschule besuchte, der lebte mit Lehrern und Lehrerinnen, die mit ihrer Berufskleidung (Pater bzw. Nonne) Werte weitertrugen. Und wie werten wir das Kopftuch der britischen Queen am Rande der Pferdebahn in Ascot? Und wenn unsere Bundeskanzlerin beim Papst ist, wird auch ihr Haupt bedeckt sein!

Wenn ein Sikh aus religiösen Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, aber auch nicht nachvollziehen muss, sagt, dass er seine Haare nicht schneiden dürfe und aus diesem Grunde als Kopfbedeckung, einen Turban, trage, hätte er es zuvor – analog zum Kopftuch – auch in der Schule nicht tun dürfen. War das auch verboten?

Das Kopftuch wird aus meiner Sicht überhöht, weil damit gleich gestellt wird, dass die das Kopftuch tragenden Frauen unterdrückt werden. Ich habe in verschiedenen Städten junge Frauen kennengelernt, die sich sehr klug an öffentlichen Debatten beteiligten, ein Kopftuch trugen und nicht den Eindruck hinterließen, unterdrückt zu sein. Ich habe Frauen kennen gelernt, die mir gesagt haben, dass sie das Kopftuch ablegen könnten, wenn sie wollten, es für sie aber ungewohnt sei, da sie es als Tradition begreifen und verstehen. Dass es unterdrückte Frauen gibt, wird nicht zu bestreiten sein, doch das trifft auf Frauen mit und ohne Kopftuch zu.

Die Debatte wird aber auch überhöht, weil manche islam-orientierten Verbände und Organisationen die muslimische (und vielleicht auch männliche) Identität gefährdet sehen. Ein strukturierter Dialog auf kommunaler Ebene könnte dazu beitragen, auch hier Ängste zu nehmen und religiöse Wertschätzung zu vermitteln. Die Kopftuchdebatte ist letztendlich das, was wir darin sehen (wollen).

Für mich sind zwei Fragen wesentlich: Trägt der Mensch das Kopftuch – ob aus religiöser Motivation oder auch nicht – freiwillig oder gezwungen? Wie gelingt es unserer Gesellschaft, zum Beispiel den Wert der Gleichberechtigung der Geschlechter mit den Kleidungsvorschriften von Religionen in Einklang zu bringen? Hierüber sollten wir – mit Blick in eine gemeinsame Zukunft – gesellschaftlich streiten.

Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, schreibt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“, dass es im Koran keine Vorschrift gebe, die das Kopftuch explizit benenne. Gleichwohl argumentiert er aus dem historischen Kontext heraus, warum sich eine solche Kleidungstradition entwickelt hat. Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, erzählt in seinem Buch „Grau ist bunt“ von seiner Oma, die vor fast 100 Jahren mit 28 Jahren zum zweiten Mal Witwe geworden sei. Seitdem sei sie nur in schwarzer (Trauer-) Kleidung und mit Dutt herumgelaufen. Das wäre heute undenkbar, auch bei einem solchen Schicksalsschlag.

Gott sei es gedankt: Kleidervorschriften bzw. zeitabhängige Kleidungsvorstellungen können sich ändern. Und die Einstellung dazu auch.  Denn wichtiger als das, was jemand auf dem Kopf hat, bleibt für uns alle das, was im Kopf des Menschen steckt.

Kommunale Dialogstrukturen mit Muslimen schaffen und pflegen

98 Prozent aller Muslime sind friedliebende Menschen, die für ihre Kinder nur das Beste wollen, was im Übrigen alle Mütter und Väter unabhängig von Religion, Herkunft und sozialer Lebenswirklichkeit für ihre Kinder wollen. Doch wir können nicht umhin festzustellen, dass 98 Prozent aller Terroristen sich auf den muslimischen Glauben beziehen oder sogar davon überzeugt scheinen, im Namen einer Religion töten zu dürfen. Dabei verbietet jede Religion das Töten von Menschen – grundsätzlich. Das Wort „Barmherzigkeit“ ist zum Beispiel das Wort, das im Koran am häufigsten vorkommt.

Die Attentäter von Paris sind in Frankreich geboren, dort zur Schule gegangen und zum Teil auch in französischen Kinderheimen erzogen worden. Sie haben in französischen Fußballteams mit anderen Jugendlichen gespielt. Dennoch diese Radikalisierung. In meiner Heimatstadt Bergheim zum Beispiel ist ein junger Mann aus einer polnisch-stämmigen, christlichen Familie zum Islam konvertiert, hat Arabisch gelernt und war regelmäßiger Besucher einer Moschee. Wo und warum hat er sich radikalisiert, bevor er nach Syrien in den Kampf zog? Auf You-tube sind Videos von ihm einsehbar. Zwischenzeitlich ist er verstorben – wahrscheinlich in Syrien, vielleicht auch im Irak.

Solche Menschen gibt es überall in Deutschland. Doch kann sich eine Radikalisierung dieser jungen Menschen unbemerkt von allen anderen gesellschaftlichen Akteuren – Familie, Moschee, Freundeskreis, Schule, Arbeitskollegen etc. – entwickeln? Oder stehen alle hilflos daneben, nehmen diese Entwicklungen nicht ernst, schauen weg? Ziel muss es sein, verstärkt miteinander zu reden und frühzeitig einander zu stützen, wenn wir solchen Jugendlichen begegnen. Auch die Moscheegemeinden brauchen hier professionelle Unterstützung. Doch wie kommt die dahin? Wir brauchen in jeder Kommune belastbare Dialogstrukturen, um einander zu verstehen und einander zu helfen.

Wenn die Polizei die 260 „Gefährder“, also jene jungen, gewaltbereiten Menschen, die aus Syrien bzw. dem Irak zurückkehren, beobachten sollen, so würden rund 1.000 weitere Polizisten benötigt, teilte die Polizeigewerkschaft mit. Doch woher sollen diese Menschen kommen, denn die Geburtenraten haben sich halbiert und die nachwachsenden jungen Menschen werden von allen Berufen umworben: Sie sollen Lehrer werden, Pfleger, Polizisten, Erzieher, Handwerker. Daher reichen polizeiliche Maßnahmen allein nicht, wir müssen uns frühzeitiger gemeinsam darum kümmern. Ohne muslimische Polizisten wird es im Übrigen auch nicht gehen! Das wiederum verlangt nach einer sensiblen Kommunikation, besonders vor Ort.

Das ist klar: Deutschland braucht Zuwanderung!

Deutschland altert und Kinder sind nicht ausreichend geboren worden. Wenn die Babyboomer (1955 bis 1969 geborene Menschen) in die Rente gehen, dann werden ihre Arbeitsplätze nur zur Hälfte wieder besetzt werden können. Die andere Hälfte ist nicht mehr da, weil nicht geboren. Nur, dass auch die Rentner noch aktiv etwas vom Leben erwarten: Kultur, Freizeit, Gesundheit, Pflege. Wer macht die Arbeit und wie organisieren wir sie? Der Umbau der Gesellschaft steht an, aber noch immer nicht auf der politischen Tagesordnung.

Sollte alles so weitergehen, wie wir es kennen, dann – so der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, – wären in den nächsten 20 Jahren 32 Millionen Migranten nötig, junge, gut gebildete Migranten wohl gemerkt. Doch was wird dann wohl los sein, wenn bereits bei 0,2 Prozent Anteil Muslime in Dresden Menschen „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ auf den Straßen protestieren?  Die gleichen Menschen denken nicht darüber nach, wer einst ihren Rollstuhl schieben wird. Und die Politikelite versagt in der politischen Kommunikation, nicht zuletzt, weil das „Weiter so!“ als Garant der Wiederwahl gilt.

Doch machen wir uns nichts vor: Ängste sind da, weil die Integration der letzten Jahrzehnte große Defizite aufwies. Lange sind wir in Deutschland mit geschlossenen Augen, Ohren und Mündern durch die Straßen gelaufen und haben die Parole ausgegeben, das Deutschland kein Einwanderungsland sei. Eine Konsequenz: Stadtviertel in Deutschland, in denen kein Wort Deutsch gesprochen werden muss. Bildungskarrieren von Migrantenkindern, die noch immer nicht nach ihren Talenten gefördert, sondern aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Hier muss sich etwas nachhaltig ändern. Wir brauchen zudem Regeln, die es Menschen ermöglichen, nach Deutschland einzuwandern. Und wir brauchen eine kommunale Integrationspolitik sowie ein Leitbild, dass Deutschland als ein Land der inklusiven Vielfalt beschreibt und gestaltet.

Wer auf die Straßen geht, weil er sich fürchtet, sollte gleichzeitig sagen, wie er oder sie Deutschland haben wollen, damit sie sich nicht fürchten! Das sagen Pegida etc. nicht. Sie sagen nur, was sie nicht wollen. Doch das hilft nicht, weil es nicht Zukunft gestaltet!

Ich möchte in einem Land leben, das die Religionsfreiheit nicht nur lebt, sondern das auch von jeder Religion Toleranz erwarten darf. Ich möchte in einem Land leben, wo jede/r sich so kleiden darf, wie es seinen/ihren frei und selbst bestimmten Vorstellungen entspricht. Ich möchte in einem Land leben, wo niemand Angst haben muss, wenn er/sie ein bestimmtes Stadtviertel betritt. Ich möchte in einem Land leben, dass die Zukunft auf den Talenten der Menschen (unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Lebenssituation und individuellen Fähigkeiten)  und ihre Bereitschaft, diese zum Wohle aller einzubringen, aufbaut.

Inklusion – auf die eigene Haltung kommt es an!

Wer das Wort „Inklusion“ in den Mund nimmt oder davon spricht, versteht in der Regel das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern an Regeleinrichtungen der Schulen in Deutschland. Die Konvention der Menschen mit Behinderungen benennt als Ziel der Inklusion in Artikel 6 die „gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen“ und zwar von Beginn an unabhängig von individuellen Fähigkeiten (darunter werden die Behinderungen eingeordnet), sozialen Lebenswirklichkeiten, ethnischer Herkunft, Alter und Geschlecht.

Inklusion als Leitidee einer Gesellschaft – sozusagen die Stadt für Alle! – hängt in erster Linie von der eigenen inneren Haltung ab. Denn natürlich wird jeder sagen, er sei dafür, um dann ein kleinlautes oder bisweilen auch sehr deutliches „Aber“ hinzuzufügen, so zum Beispiel bei den Demonstrationen gegen die Islamierung des Abendlandes oder bei ganz banalen Entscheidungen vor Ort.

Nehmen wir als Beispiel meine Heimatkommune Bergheim. Dort verwies eine Selbsthilfegruppe von Menschen mit Behinderungen seit Jahren auf die Notwendigkeit einer öffentlichen Toilette, die auch für Rollstuhlfahrer/innen geeignet ist. Vor der Kommunalwahl im Mai 2014 wurde dann eine Lösung öffentlichkeitswirksam gefunden, die vor wenigen Wochen aber wieder gekippt worden ist.  Zu teuer. Außerdem hätten während der siebenmonatigen Versuchsphase nur vier Menschen die Toilette benutzt.

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage eines Rollstuhlfahrers, der am gesellschaftlichen Leben seiner Stadt teilhaben möchte. Und wie das so ist: er muss mal. Doch das geht nicht, weil keine öffentlich zugängliche Toilette für ihn da ist. Welche Möglichkeiten bleiben: eine Windel tragen oder aber am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Der Stadtrat entschied genau so, womit Bergheims Innenstadt nun zur rollstuhlfreien Zone erklärt worden ist. Natürlich nicht offiziell, denn für Inklusion sei man selbstverständlich.

Anlässlich des Aktionstages Inklusion am 9. Dezember 2014 im Kreishaus des Rhein-Erft-Kreises erklärte der zuständige Sozialdezernent Anton-Josef Cremer, dass es Aufgabe der Inklusion sei, „behinderte Menschen in die Mitte“ der Gesellschaft zu holen. Doch ohne öffentlich zugängliche Toiletten bleibt das wohl nur eine hohle Phrase und Bergheim eine rollstuhlfreie Zone.

Inklusion fängt mit einer inneren Haltung bei jedem selbst an, die den behinderten Menschen, den Hartz-IV-Empfänger, den Flüchtling, den Greis, aber auch jeden Mann und jede Frau grundsätzlich willkommen heißt. An dieser Haltung mangelt es noch, wie man nicht nur montags in Dresden, sondern im banalen Alltag in vielen Kommunen und Lebensmomenten erkennen kann. Und die Entwicklung einer solchen Haltung wird auch aktiv dazu beitragen, den demografischen Wandel zukunftsorientiert zu gestalten.