Wichtiger ist, was im Kopf ist, als was auf dem Kopf ist!

Die aktuelle Diskussion um Kopftuch tragende Lehrerinnen, ausgelöst von einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, reflektiert in der Tat Ängste vor dem Fremden und Unbekannten. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich unser Land nachhaltig verändert hat und weiter verändert. Wer die Religionsfreiheit will, der muss auch wollen, dass grundsätzlich gleiches Recht für alle Religionen gilt. Der Staat ist hier neutral. Wer das nicht will, der soll sagen, welche Religionen in Deutschland warum nichts zu suchen haben und das Grundgesetz ändern.

Wer in Städten lebt, in denen viele Menschen leben, die gebürtig aus Russland kommen, wird feststellen, dass gerade ältere Frauen ein Kopftuch tragen. Ich selbst habe meine Oma, die als Bäuerin beruflich unterwegs war, mit Kopftuch in Erinnerung. Wer wie ich eine christliche Bekenntnisschule besuchte, der lebte mit Lehrern und Lehrerinnen, die mit ihrer Berufskleidung (Pater bzw. Nonne) Werte weitertrugen. Und wie werten wir das Kopftuch der britischen Queen am Rande der Pferdebahn in Ascot? Und wenn unsere Bundeskanzlerin beim Papst ist, wird auch ihr Haupt bedeckt sein!

Wenn ein Sikh aus religiösen Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, aber auch nicht nachvollziehen muss, sagt, dass er seine Haare nicht schneiden dürfe und aus diesem Grunde als Kopfbedeckung, einen Turban, trage, hätte er es zuvor – analog zum Kopftuch – auch in der Schule nicht tun dürfen. War das auch verboten?

Das Kopftuch wird aus meiner Sicht überhöht, weil damit gleich gestellt wird, dass die das Kopftuch tragenden Frauen unterdrückt werden. Ich habe in verschiedenen Städten junge Frauen kennengelernt, die sich sehr klug an öffentlichen Debatten beteiligten, ein Kopftuch trugen und nicht den Eindruck hinterließen, unterdrückt zu sein. Ich habe Frauen kennen gelernt, die mir gesagt haben, dass sie das Kopftuch ablegen könnten, wenn sie wollten, es für sie aber ungewohnt sei, da sie es als Tradition begreifen und verstehen. Dass es unterdrückte Frauen gibt, wird nicht zu bestreiten sein, doch das trifft auf Frauen mit und ohne Kopftuch zu.

Die Debatte wird aber auch überhöht, weil manche islam-orientierten Verbände und Organisationen die muslimische (und vielleicht auch männliche) Identität gefährdet sehen. Ein strukturierter Dialog auf kommunaler Ebene könnte dazu beitragen, auch hier Ängste zu nehmen und religiöse Wertschätzung zu vermitteln. Die Kopftuchdebatte ist letztendlich das, was wir darin sehen (wollen).

Für mich sind zwei Fragen wesentlich: Trägt der Mensch das Kopftuch – ob aus religiöser Motivation oder auch nicht – freiwillig oder gezwungen? Wie gelingt es unserer Gesellschaft, zum Beispiel den Wert der Gleichberechtigung der Geschlechter mit den Kleidungsvorschriften von Religionen in Einklang zu bringen? Hierüber sollten wir – mit Blick in eine gemeinsame Zukunft – gesellschaftlich streiten.

Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, schreibt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“, dass es im Koran keine Vorschrift gebe, die das Kopftuch explizit benenne. Gleichwohl argumentiert er aus dem historischen Kontext heraus, warum sich eine solche Kleidungstradition entwickelt hat. Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, erzählt in seinem Buch „Grau ist bunt“ von seiner Oma, die vor fast 100 Jahren mit 28 Jahren zum zweiten Mal Witwe geworden sei. Seitdem sei sie nur in schwarzer (Trauer-) Kleidung und mit Dutt herumgelaufen. Das wäre heute undenkbar, auch bei einem solchen Schicksalsschlag.

Gott sei es gedankt: Kleidervorschriften bzw. zeitabhängige Kleidungsvorstellungen können sich ändern. Und die Einstellung dazu auch.  Denn wichtiger als das, was jemand auf dem Kopf hat, bleibt für uns alle das, was im Kopf des Menschen steckt.

Frauenquote ist überflüssig – die Elite der Zukunft ist eh‘ weiblich

Ab dem 1. Januar 2016 müssen Aufsichtsratspositionen von börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen zu 30 Prozent mit Frauen besetzt werden. Etwa 100 Unternehmen sind davon betroffen. Weitere rund 3.500 größere Unternehmen müssen sich verbindliche Ziele setzen, den Frauenanteil in Aufsichtsräten, Vorständen und weiteren Führungspositionen zu erhöhen. Ähnliches gilt für den öffentlichen Dienst.  Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ordnet dies Gesetz gleich historisch ein. Es sei der „größte Beitrag zur Gleichberechtigung seit der Einführung des Frauenwahlrechts“ von 1918.

Doch wer einen nüchternen Blick an die Schulen und Universitäten sowie auf die demografische Entwicklung in Deutschland wirft, der wird ohnehin feststellen: Die Elite der Zukunft ist weiblich. Eine Quote ist hier überflüssig. Das heißt: Wir werden wahrscheinlich künftig über Quoten für Männer streiten. Warum?

Die Mehrheit derjenigen, die heute eine allgemeine Hochschulberechtigung (= Abitur) erhalten, sind Mädchen (56 %; Schuljahr 2011/12). Die Mehrheit derjenigen, die Förderschulen besuchen, sind Jungen (63 %). Die Mehrheit derjenigen, die keinen Schulabschluss erreichen, sind ebenfalls Jungen (61 %). Die Frauen stellen, mit Ausnahme in den MINT-Studiengängen und im Maschinenbau, die Mehrheit in allen Studiengängen. Beispiele: Tiermedizin studieren zu 86 % Frauen, Humanmedizin zu 65 %. Was heißt das zum Beispiel für die Landwirtschaft, wenn diese Tierärztinnen eine Kleintierpraxis in der Stadt anstreben? Ein Kalb im Mutterleib einer Kuh kurz vor der Geburt umzudrehen, wird kaum eine Frau schaffen. Und für Männer ist halt  die Urologin die Zukunft. Doch was ist, wenn sie auf dem Hintergrund der älter werdenden Gesellschaft gerade ihre Elternzeit nimmt?

Fazit: Die Elite der Zukunft wird weiblich sein. Diese Elite von den Führungspositionen in Unternehmen und Behörden, Verbänden und Institutionen fern zu halten, wird nicht gelingen, denn dafür sorgt der demografische Wandel.

Laut Bundesagentur für Arbeit standen 2010 rund 44,6 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter grundsätzlich zur Verfügung. Laut Statistischem Bundesamt lebten zu der Zeit rund 53,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren in Deutschland. Wenn man davon Schüler/innen, Student/innen, Menschen in Familienphasen, Menschen mit Behinderungen etc. abzieht, so bleibt ein Erwerbspersonenpotenzial von 44,6 Millionen Menschen übrig. Diese Zahl – so die Bundesagentur für Arbeit – wird bis 2025 um 6,5 Millionen Menschen sinken. Für 2050 gelten von den prognostizierten 38,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahre noch 27 Millionen Menschen als potenziell Erwerbsfähige. Doch hier bleibt abzuwarten, wie sich die Zuwanderungsdiskussion und -ströme in den nächsten Jahren weiter entwickeln.

Um die Lücke von 6,5 Millionen Menschen zu füllen, werden wir auf die Frauen nicht verzichten können (neben mehr Zuwanderung aus dem Ausland, einer längeren Beschäftigung von Älteren, eine Neu-Entdeckung der Menschen ohne Schul- bzw. Berufsabschluss sowie der Menschen mit Behinderungen). Also alle, die meinen, die Gesellschaft wäre am besten bedient, wenn Frauen sich um Küche, Kinder und Kirche kümmern, die leben in einer Zeit, die nicht die Zukunft sein kann und sein wird. Alle, die meinen, dass Frauen auch weiterhin in großer Zahl in Teilzeitberufen tätig sein werden, irren auch. Und alle, die meinen, dass Kinder eine Privatsache und keine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellen, irren ebenso.

Fazit: Frauen werden im Erwerbsleben mehr denn je gebraucht. Frauen werden mehrheitlich eine höhere Qualifikation haben als Männer. Frauen beherrschen mittlerweile die Machtrituale und das Seilschaftsdenken genauso wie Männer. Daher bleibt die These: Die Elite der Zukunft ist weiblich. Die Quote ist überflüssig.

Übrigens: Etwa 95 Prozent der rund 75.000 Gefängnisinsassen in Deutschland sind männlich. An diesem Beispiel ließe sich eine Quotendiskussion ad absurdum geführt. Doch die Frage nach dem Warum bleibt. Als Mitglied des Beirates „Jungenpolitik“ der Bundesregierung (2010 – 2013) habe ich dringend für die Weiterentwicklung des Männerbildes plädiert. Daran arbeite ich auch ehrenamtlich in meiner Heimatstadt, wenn ich parallel zum „Girls Day“ einen „Zukunftstag für Jungs“ durchführe. Statt in Instrumenten von gestern zu denken, sollten wir uns für die Zukunft rüsten und die ist eben nicht die Verlängerung der Vergangenheit.

Kommunale Dialogstrukturen mit Muslimen schaffen und pflegen

98 Prozent aller Muslime sind friedliebende Menschen, die für ihre Kinder nur das Beste wollen, was im Übrigen alle Mütter und Väter unabhängig von Religion, Herkunft und sozialer Lebenswirklichkeit für ihre Kinder wollen. Doch wir können nicht umhin festzustellen, dass 98 Prozent aller Terroristen sich auf den muslimischen Glauben beziehen oder sogar davon überzeugt scheinen, im Namen einer Religion töten zu dürfen. Dabei verbietet jede Religion das Töten von Menschen – grundsätzlich. Das Wort „Barmherzigkeit“ ist zum Beispiel das Wort, das im Koran am häufigsten vorkommt.

Die Attentäter von Paris sind in Frankreich geboren, dort zur Schule gegangen und zum Teil auch in französischen Kinderheimen erzogen worden. Sie haben in französischen Fußballteams mit anderen Jugendlichen gespielt. Dennoch diese Radikalisierung. In meiner Heimatstadt Bergheim zum Beispiel ist ein junger Mann aus einer polnisch-stämmigen, christlichen Familie zum Islam konvertiert, hat Arabisch gelernt und war regelmäßiger Besucher einer Moschee. Wo und warum hat er sich radikalisiert, bevor er nach Syrien in den Kampf zog? Auf You-tube sind Videos von ihm einsehbar. Zwischenzeitlich ist er verstorben – wahrscheinlich in Syrien, vielleicht auch im Irak.

Solche Menschen gibt es überall in Deutschland. Doch kann sich eine Radikalisierung dieser jungen Menschen unbemerkt von allen anderen gesellschaftlichen Akteuren – Familie, Moschee, Freundeskreis, Schule, Arbeitskollegen etc. – entwickeln? Oder stehen alle hilflos daneben, nehmen diese Entwicklungen nicht ernst, schauen weg? Ziel muss es sein, verstärkt miteinander zu reden und frühzeitig einander zu stützen, wenn wir solchen Jugendlichen begegnen. Auch die Moscheegemeinden brauchen hier professionelle Unterstützung. Doch wie kommt die dahin? Wir brauchen in jeder Kommune belastbare Dialogstrukturen, um einander zu verstehen und einander zu helfen.

Wenn die Polizei die 260 „Gefährder“, also jene jungen, gewaltbereiten Menschen, die aus Syrien bzw. dem Irak zurückkehren, beobachten sollen, so würden rund 1.000 weitere Polizisten benötigt, teilte die Polizeigewerkschaft mit. Doch woher sollen diese Menschen kommen, denn die Geburtenraten haben sich halbiert und die nachwachsenden jungen Menschen werden von allen Berufen umworben: Sie sollen Lehrer werden, Pfleger, Polizisten, Erzieher, Handwerker. Daher reichen polizeiliche Maßnahmen allein nicht, wir müssen uns frühzeitiger gemeinsam darum kümmern. Ohne muslimische Polizisten wird es im Übrigen auch nicht gehen! Das wiederum verlangt nach einer sensiblen Kommunikation, besonders vor Ort.

Das ist klar: Deutschland braucht Zuwanderung!

Deutschland altert und Kinder sind nicht ausreichend geboren worden. Wenn die Babyboomer (1955 bis 1969 geborene Menschen) in die Rente gehen, dann werden ihre Arbeitsplätze nur zur Hälfte wieder besetzt werden können. Die andere Hälfte ist nicht mehr da, weil nicht geboren. Nur, dass auch die Rentner noch aktiv etwas vom Leben erwarten: Kultur, Freizeit, Gesundheit, Pflege. Wer macht die Arbeit und wie organisieren wir sie? Der Umbau der Gesellschaft steht an, aber noch immer nicht auf der politischen Tagesordnung.

Sollte alles so weitergehen, wie wir es kennen, dann – so der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, – wären in den nächsten 20 Jahren 32 Millionen Migranten nötig, junge, gut gebildete Migranten wohl gemerkt. Doch was wird dann wohl los sein, wenn bereits bei 0,2 Prozent Anteil Muslime in Dresden Menschen „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ auf den Straßen protestieren?  Die gleichen Menschen denken nicht darüber nach, wer einst ihren Rollstuhl schieben wird. Und die Politikelite versagt in der politischen Kommunikation, nicht zuletzt, weil das „Weiter so!“ als Garant der Wiederwahl gilt.

Doch machen wir uns nichts vor: Ängste sind da, weil die Integration der letzten Jahrzehnte große Defizite aufwies. Lange sind wir in Deutschland mit geschlossenen Augen, Ohren und Mündern durch die Straßen gelaufen und haben die Parole ausgegeben, das Deutschland kein Einwanderungsland sei. Eine Konsequenz: Stadtviertel in Deutschland, in denen kein Wort Deutsch gesprochen werden muss. Bildungskarrieren von Migrantenkindern, die noch immer nicht nach ihren Talenten gefördert, sondern aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Hier muss sich etwas nachhaltig ändern. Wir brauchen zudem Regeln, die es Menschen ermöglichen, nach Deutschland einzuwandern. Und wir brauchen eine kommunale Integrationspolitik sowie ein Leitbild, dass Deutschland als ein Land der inklusiven Vielfalt beschreibt und gestaltet.

Wer auf die Straßen geht, weil er sich fürchtet, sollte gleichzeitig sagen, wie er oder sie Deutschland haben wollen, damit sie sich nicht fürchten! Das sagen Pegida etc. nicht. Sie sagen nur, was sie nicht wollen. Doch das hilft nicht, weil es nicht Zukunft gestaltet!

Ich möchte in einem Land leben, das die Religionsfreiheit nicht nur lebt, sondern das auch von jeder Religion Toleranz erwarten darf. Ich möchte in einem Land leben, wo jede/r sich so kleiden darf, wie es seinen/ihren frei und selbst bestimmten Vorstellungen entspricht. Ich möchte in einem Land leben, wo niemand Angst haben muss, wenn er/sie ein bestimmtes Stadtviertel betritt. Ich möchte in einem Land leben, dass die Zukunft auf den Talenten der Menschen (unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Lebenssituation und individuellen Fähigkeiten)  und ihre Bereitschaft, diese zum Wohle aller einzubringen, aufbaut.

Inklusion – auf die eigene Haltung kommt es an!

Wer das Wort „Inklusion“ in den Mund nimmt oder davon spricht, versteht in der Regel das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern an Regeleinrichtungen der Schulen in Deutschland. Die Konvention der Menschen mit Behinderungen benennt als Ziel der Inklusion in Artikel 6 die „gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen“ und zwar von Beginn an unabhängig von individuellen Fähigkeiten (darunter werden die Behinderungen eingeordnet), sozialen Lebenswirklichkeiten, ethnischer Herkunft, Alter und Geschlecht.

Inklusion als Leitidee einer Gesellschaft – sozusagen die Stadt für Alle! – hängt in erster Linie von der eigenen inneren Haltung ab. Denn natürlich wird jeder sagen, er sei dafür, um dann ein kleinlautes oder bisweilen auch sehr deutliches „Aber“ hinzuzufügen, so zum Beispiel bei den Demonstrationen gegen die Islamierung des Abendlandes oder bei ganz banalen Entscheidungen vor Ort.

Nehmen wir als Beispiel meine Heimatkommune Bergheim. Dort verwies eine Selbsthilfegruppe von Menschen mit Behinderungen seit Jahren auf die Notwendigkeit einer öffentlichen Toilette, die auch für Rollstuhlfahrer/innen geeignet ist. Vor der Kommunalwahl im Mai 2014 wurde dann eine Lösung öffentlichkeitswirksam gefunden, die vor wenigen Wochen aber wieder gekippt worden ist.  Zu teuer. Außerdem hätten während der siebenmonatigen Versuchsphase nur vier Menschen die Toilette benutzt.

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage eines Rollstuhlfahrers, der am gesellschaftlichen Leben seiner Stadt teilhaben möchte. Und wie das so ist: er muss mal. Doch das geht nicht, weil keine öffentlich zugängliche Toilette für ihn da ist. Welche Möglichkeiten bleiben: eine Windel tragen oder aber am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Der Stadtrat entschied genau so, womit Bergheims Innenstadt nun zur rollstuhlfreien Zone erklärt worden ist. Natürlich nicht offiziell, denn für Inklusion sei man selbstverständlich.

Anlässlich des Aktionstages Inklusion am 9. Dezember 2014 im Kreishaus des Rhein-Erft-Kreises erklärte der zuständige Sozialdezernent Anton-Josef Cremer, dass es Aufgabe der Inklusion sei, „behinderte Menschen in die Mitte“ der Gesellschaft zu holen. Doch ohne öffentlich zugängliche Toiletten bleibt das wohl nur eine hohle Phrase und Bergheim eine rollstuhlfreie Zone.

Inklusion fängt mit einer inneren Haltung bei jedem selbst an, die den behinderten Menschen, den Hartz-IV-Empfänger, den Flüchtling, den Greis, aber auch jeden Mann und jede Frau grundsätzlich willkommen heißt. An dieser Haltung mangelt es noch, wie man nicht nur montags in Dresden, sondern im banalen Alltag in vielen Kommunen und Lebensmomenten erkennen kann. Und die Entwicklung einer solchen Haltung wird auch aktiv dazu beitragen, den demografischen Wandel zukunftsorientiert zu gestalten.

Botschaft des Friedensnobelpreises: Jedes Kind ist wichtig!

Der Friedensnobelpreis 2014 geht an die 17-jährige Malala Yousafzai  aus Pakistan, die von blindwütigen Taliban niedergeschossen worden ist, jedoch überlebte und sich dennoch nicht hat einschüchtern lassen und den 60-jährigen Inder Kailash Satyarthi, der rund 80.000 Kinder aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit hat. Die Muslimin und der Hindu werden für ihr Engagement für die unveräußerlichen Rechte der Kinder, insbesondere auch dem Bildungsrecht der Mädchen und sozial Benachteiligten, ausgezeichnet.

Die Botschaft, die von ihnen ausgeht, lautet: Jedes Kind ist wichtig. Jedes Kind ist ein Talent für die Zukunft. Und genau das ist auch die wichtigste Botschaft, die der demografische Wandel in Deutschland mit sich bringt.

Wer sich bewusst macht, dass 2012 in Deutschland nur noch 673.570 Kinder geboren worden sind, von denen rund ein Drittel (etwa 225.000) eine Zuwanderungsgeschichte erzählen kann, von denen rund 15 Prozent in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften aufwachsen (rund 100.000) und von denen rund 10 Prozent zu früh auf diese Welt gekommen sind, die Medizin es aber schafft, sie – teils mit entsprechenden Behinderungen oder Beeinträchtigungen – am Leben zu erhalten, dem wird klar, was diese Botschaft in unserer Gesellschaft bedeutet.

Denn wer wahrnimmt, dass nach wie vor der Bildungserfolg von der ethnischen Herkunft und sozialen Lebenssituation der Eltern abhängt, und dass inklusive Gedanken, die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, nicht von einer inneren Haltung vieler gesellschaftlich relevanter Akteure gelebt werden, dann wird deutlich, dass die Botschaft des Friedensnobelpreises auch bei uns in Deutschland noch einer nachhaltigen Überzeugung bedarf. Bildung ist ein unveräußerliches Recht, auf dass alle Kinder einen Anspruch haben – egal welches Geschlecht, egal welcher Herkunft, egal welcher Lebenswirklichkeit. Wer den demografischen Wandel in Deutschland gestalten will, sollte diese nobelpreiswürdigen Gedanken in seinem alltäglichen Handeln – an welcher Stelle auch immer – aktiv beherzigen. Er gestaltet damit seine Zukunft.

Warum der Schützenverein keinen Nachwuchs findet!

In vielen Städten wiederholt sich einmal jährlich das Bild: der Bürgermeister empfängt die Majestäten der verschiedenen Schützenbruderschaften in der Kommune. Und von Jahr zu Jahr wiederholt sich die Klage, dass immer weniger jüngere Menschen für „Glaube, Sitte, Heimat“ im Schützenverein Verantwortung übernehmen möchten. Man sei froh, wenn sich überhaupt noch jemand finde, der Schützenkönig werden möchte. Man beklagt, aber man tut nichts. Man hat in der Regel ja auch so schon genug zu tun!

Doch ehrlich: mich wundert das nicht. Zum einen hat sich der potenzielle Nachwuchs halbiert. Kamen bundesweit 1964 noch 1.357.304 Kinder zur Welt, waren es 2012 nur noch 673.570 Kinder. Damit können auch nur immer weniger Menschen den Weg in die Vereine finden. Und die Vereine konkurrieren auch noch um den halbierten Nachwuchs. So hat zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr das Alter für Kinder von zehn Jahren auf sechs Jahre herabgesetzt, da man die Kinder für sich gewinnen möchte, bevor sie beim Sport (oder anderswo) landen. Was tut hier der Schützenverein?

Zum zweiten fühlen sich immer weniger Menschen, insbesondere jüngere Menschen, mit der Kirche und ihren Traditionen verbunden. Die zahlreichen Kirchenaustritte sind nur ein Beleg für diese These. Erste Kirchengemeinden finden schon keine jungen Sternsinger mehr. Das wird dann gern aufgefüllt von älteren Menschen. Doch auch bei den Schützen sind Ehrungen für 60-, 65- oder gar 70-jährige Mitgliedschaft keine Seltenheit mehr. Sie überwiegen die für 10- oder 15-jährige Mitgliedschaft.

Zum dritten fehlt es an einer gesellschaftlichen Aktualisierung und Modernisierung der Motivstränge Glaube, Sitte und Heimat. Wenn zum Beispiel 20 % der Bundesbürger Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind und rund 34 Prozent der neu geborenen Kinder ebenfalls Eltern mit Wurzeln aus dem Ausland haben, dann gewinnt die Vokabel „Heimat“ eine neue Bedeutung. Schützenvereine tun sich aber schwer, wenn zum Beispiel ein türkischstämmiges Mitglied Schützenkönig wird. Er ist ja muslimischen Glaubens. Doch der Glaube ist etwas anderes als die Religion. Und jede Religion vertritt in der Regel die gleichen Werte, so zum Beispiel: Du sollst nicht töten! Kann Glaube nicht als Wertegemeinschaft interpretiert werden?

Zum vierten mangelt es nicht selten an einer Bereitschaft zur Veränderung. Die Gesellschaft hat sich zum Teil massiv verändert, doch nicht wenige Menschen suchen ihre Nischen, wo sie „früher“ frönen können, wo sie Entschleunigung erleben, Traditionen pflegen und die Sicherheit des Bekannten und Unveränderten erleben. Doch manchmal kommt man einfach zu spät. Dabei könnten Schützenvereine eine Renaissance erleben, wenn es ihnen glaubhaft gelänge, die Begriffe Glaube, Sitte und Heimat zu aktualisieren. Dazu braucht es Mut, Mut etwas anders zu machen.

Sicherheitsarchitektur in einer älter werdenden Gesellschaft

„Personalmangel bei der Polizei.“ So lauten bundesweit Überschriften einschlägiger Medienbeiträge. Die Forderungen, die dann sofort laut werden, laufen alle auf „mehr Personal“ hinaus. Das jeweilige Bundesland müsse halt mehr Geld für mehr Personal bereit stellen. Doch auch hier wirkt der demografische Wandel. Zum einen wird ungefähr zur Mitte dieses Jahrzehnts das Durchschnittsalter des bundesdeutschen Polizeibeamten bei 50 Jahre liegen, zum zweiten wird die Halbierung der Geburten auch bei der Polizei spürbar werden. Der Nachwuchs ist einfach nicht mehr in ausreichender Zahl da, um den altersbedingten Weggang ersetzen zu können und zum dritten bleibt die Herausforderung, den Polizeidienst auch für Migranten attraktiver zu gestalten. Eine älter werdende Gesellschaft wird zum vierten ein anderes (subjektives) Sicherheitsbedürfnis haben. Da stellt sich dann – auch in Wahlkämpfen der Zukunft – die Frage, welche Sicherheit wir wie für wen gewährleisten wollen. Es kann sein, dass der Polizeieinsatz in Fußballstadien sich dann eh‘ nicht mehr stellt. Fazit: Mehr Personal ist die am wenigsten zukunftsorientierte Lösungsstrategie. Wir müssen gesellschaftlich aushandeln, was künftig Sicherheit ist und wer sie wie gewährleistet.

Die Frage lautet weniger, ob wir sterben, sondern wie wir sterben wollen!

In diesen Tagen wird wieder einmal vermehrt über die ärztliche Assistenz bei der Sterbehilfe in Deutschland gesprochen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, lehnt dies ab, denn Ärzte seien keine „Techniker des Todes, sondern Helfer zum Leben“. Ralf Jox, Facharzt für Neurologie und Palliativmediziner am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität München verweist auf „Extremfälle, die wir uns teilweise gar nicht vorstellen können“, wo es straflose Auswege geben müsse und wo auch die Palliativmedizin keine Antworten geben könne.

Die Realität kennt längst Wege, die dieser Diskussion weit voraus sind. So gibt es Nachbarländer von Deutschland, in denen die Assistenz durch Ärzte bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern und Jugendlichen gesetzlich geregelt ist (zum Beispiel Belgien). Prominente scheiden freiwillig aus dem Leben, weil sie Ängste vor einer Erkrankung haben, die subjektiv, aber auch objektiv kein selbst bestimmtes Leben mehr ermöglicht. Der Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses, Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin und Autor des Buches „Wie wollen wir sterben?“, Michael di Ridder, kämpft für „eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochmedizin“.

Welche Fakten sprechen nun für eine Regelung:

Erstens: Wir werden alle deutlich länger leben, älter und viele von uns werden in den letzten Lebensjahren pflegebedürftig und dement. Schon heute ist jeder zweite Mensch über 90 Jahre stationär pflegebedürftig.

Zweitens: Der Anteil der Menschen, die schwer erkranken und ihren Lebensalltag mit den Folgen dieser Erkrankung – auch mit Schmerzen – bewältigen müssen, wird ansteigen, so wie der Anteil der Menschen über 65 Jahre deutlich ansteigen wird.

Drittens: Der Fortschritt der Medizin wird stetig anwachsen und immer mehr Möglichkeiten haben, uns am Leben zu erhalten – ohne die Frage immer zufrieden zu beantworten, ob das ein würdiges sowie selbst bestimmtes Leben sein wird.

Viertens: Dieser Fortschritt betrifft nicht nur Menschen am Ende des Lebens, sondern auch zu Beginn des Lebens. Denn immer mehr Kinder werden leben, trotz erheblicher organischer und körperlicher sowie geistiger Defizite. Schon heute kommen rund zehn Prozent der rund 670.000 jährlichen Geburten zu früh zur Welt. Studien zufolge, werden rund 40 Prozent der Frühgeburten ihr Leben mit erheblichen Folgen zu bewältigen haben.

Fünftens: Das durchschnittliche Erstgebärendenalter wird weiter ansteigen. Heute liegt es bei etwa 30 Jahren. Experten gehen davon aus, dass das Alter einer Mutter bei ihrer ersten Niederkunft in den nächsten 15 Jahren auf 35 Jahre durchschnittlich ansteigen wird. Damit verbunden sind auch höhere Risiken für Schwangerschaft und Geburt, damit für die Gesundheit des Kindes.

Sechstens: Die Finanzierung des Gesundheitswesens wird nicht nur auf dem Hintergrund des medizinischen Fortschritts neu zu gestalten sein. Denn immer weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte werden immer mehr ältere Menschen, aber auch Kinder und Jugendliche gesundheitlich mitversorgen müssen.  Das funktioniert nur, wenn die Krankenkassenbeiträge steigen oder Leistungen, die von den Kassen getragen werden, verringert werden oder ein Mix aus beiden Aspekten gefunden wird.

Siebtens: Immer mehr Menschen können im Alter auf keine familiären Beziehungen zurückgreifen, da sie kinderlos sind und auch keine Geschwister oder Angehörige haben, die sich kümmern könnten.

Fazit: Wir werden ethische Grundsatzfragen auf dem Hintergrund des längeren Lebens und der Verschiebung der Bevölkerungsarchitektur diskutieren müssen. Die Frage der Sterbehilfe gehört dazu. Die Menschen werden ansonsten ihre eigenen Antworten finden, jedenfalls die, die es sich leisten können.

 

Kommunale Neuordnung rechtzeitig andenken

Eine kommunale Neuordnung wird kommen, ob wir das wollen oder nicht. In allen Bundesländern. Denn wenn in 17 Jahren die 1964 Geborenen (1.357.304) in ihren Ruhestand gehen, dann können deren Arbeitsplätze von den Nachgeborenen nur noch zur Hälfte besetzt werden. Schließlich sind nur noch halb so viele Menschen 2012 geboren worden (673.570). Die anderen sind gar nicht mehr da. Und: Nachgebären können weder die von Ihnen zitierten Politiker noch die von Ihnen zitierten Bürger. Das bedeutet: Arbeit wird anders zu organisieren sein, strukturell wie inhaltlich. Auch in den kommunalen Verwaltungen der Region.

Darüber sich rechtzeitig Gedanken zu machen, wäre ein kluger und weitblickender Schachzug, zumal im Wettbewerb um die Fachkräfte die Verwaltungen nicht automatisch die Sieger sein werden. Dabei die Identität der Ortschaften mit den Identitäten der großen Gebietskörperschaften (Stadt / Landkreis) in Einklang zu bringen, lautet eine Herausforderung, diese klaren unabwendbaren Rahmenbedingungen endlich zur Kenntnis zu nehmen, lautet die andere Herausforderung. Für beide Herausforderungen sind weder Politik noch Bürgerschaft bereit, weil für sie ist es noch zu  bequem, die Zukunft allein als Verlängerung der Vergangenheit zu betrachten.

Würde man im Übrigen die fehlenden Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren, kämen der kommunalen Integrationspolitik und der interkulturellen Öffnung der Verwaltungen ein großer Stellenwert zu. Doch auch das sind für viele noch zu vernachlässigende Themenbereiche. Es wäre zudem mit Veränderungen verbunden. Wer will die schon? Die Politiker und Bürger der meisten Regionen in Deutschland jedenfalls nicht. So wird Zukunft verspielt. Es wird Zeit, diese Themen aktiver und nachhaltiger zu kommunizieren.

Generationenübergreifende Rentenpolitik

Was die Große Koalition gerade rentenpolitisch beschlossen hat, zeugt vom Egoismus der Rentner/innen heute. Die Zeche zahlen deren Enkelkinder, wenn sie überhaupt welche haben. Machen wir uns doch nichts vor: Die Realität kennt nur noch die Hälfte der Geburten 2012 (673.570 Kinder) wie noch 1964 (1.357.304 Kinder). Wenn also die 1964 Geborenen in 17 Jahren spätestens in Rente gehen, dann werden ihre Arbeitsplätze nur noch zur Hälfte von Nachgeborenen ersetzt werden können. Die anderen sind nicht mehr da. Entsprechend sind auch die Beitragszahler in Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherung nicht mehr da. Das wissen wir. Und dass die Menschen immer länger ihre Rente beziehen: statistischer Durchschnitt heute sind 18 Jahre. Wir wissen also, dass immer weniger Menschen immer mehr Rentner immer länger finanzieren müssen. Doch die Berliner Koalitionäre schließen vor dieser Realität nur die Augen, weil ihre Wähler/innen zu einem großen Teil davon heute profitieren. Die Wahrheit, dass Mütterrente und Rente mit 63 nicht bezahlbar sein werden (bis 2030 bis zu 200 Milliarden mehr Rentenleistungen), zumal schon heute der Bundeshaushalt 85 Milliarden Euro in die Rentenkasse zuschießt, will niemand sagen. Augen zu und durch. Denn eines ist ja gut: die Kinder und Jugendlichen von heute sind nicht nur zahlenmäßig halbiert, sie können sich ja auch nicht an der Wahlurne wehren. Wissen wir doch auch aus der Wahlforschung, dass 80 Prozent der 20 Millionen Wähler über 65 Jahre wählen gehen, während nur 60 Prozent der 10 Millionen Wahlberechtigten unter 30 Jahre von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Eine „Rentnerdemokratie“, die sich ungeniert auf Kosten der nächsten Generationen bedient? Wie weit sind die Interessen der Kinder und Jugendlichen von den Parteimitgliedern weg? Jedes zweite CDU- bzw. SPD-Mitglied ist über 60. Doch es sei schon heute gesagt: Wer keine Rücksicht auf sie nimmt, darf später keine Nachsicht erwarten. Und die meisten Rentner werden so alt, dass sie jemanden brauchen, der ihren Rollstuhl schiebt.