Liebe türkische Mitbürger/innen, die Sie Erdogan gewählt haben …

… ich möchte hiermit Ihr demokratisches Recht, an einer Wahl teilzunehmen, und den Menschen bzw. die Partei Ihrer Wahl zu wählen, nicht kritisieren. Mir fällt es aber nach wie vor schwer, die Wahl von Herrn Erdogan zum türkischen Präsidenten nachzuvollziehen. Dabei habe ich mich stets um eine gelingende Integration von zugewanderten Menschen bemüht, zumal es auch keine sinnvolle Alternative gibt. Das soll auch so bleiben, gleichwohl habe ich Fragen, die noch ohne Antwort sind:

Erstens: Tauschen Sie Ihre Euro, die Sie in Deutschland verdienen bzw. auf der Bank haben, jetzt in türkische Lira um? Darum bittet Sie Ihr Präsident eindringlich. 2011 erhielt man zum Beispiel für einen US-Dollar 1,55 türkische Lira, heute um die sieben türkische Lira. Für einen Euro zahlt man gegenwärtig schon acht türkische Lira. Wenn Sie Ihre Euros nicht umtauschen, wofür ich großes Verständnis habe, so stellt sich mir die Frage nach dem wirtschaftlichen Sachverstand Ihres Präsidenten? Hätte er ihn, würden Sie seinen Vorschlägen und Bitten ja folgen. Aber warum haben Sie ihn dann gewählt?

Zweitens: Ausgangspunkt der gegenwärtigen Krise sind die Ankündigung und Realisierung von deutlich höheren Zöllen auf Stahleinfuhren aus den USA. Nur: das macht, glaubt man den Analysen, 0,7 Prozent der gesamten Exporte der Türkei aus. Trotzdem schlingert die türkische Wirtschaft in eine Schieflage, wofür das Ausland, insbesondere die USA, verantwortlich gemacht werden. Frage: Wie können 0,7 Prozent eine solche Herausforderung darstellen? Es sei denn, dies war ein Tropfen, der das brodelnde Wirtschaftsfass der Türkei zum Überlaufen brachte. Das wiederum würde belegen, dass nicht die ausländischen Kräfte schuld sind, sondern die Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, die Erdogan persönlich gestaltet hat, den Sie ja gewählt haben.

Drittens: In der Türkei wird unter anderem ein US-Bürger seit dem Putschversuch im Juli 2016 festgehalten, der zuvor als Pastor einer kleinen evangelikalen christlichen Gemeinde in Izmir 20 Jahre gelebt und gearbeitet hat. Dem wird vorgeworfen, an diesem Putschversuch verantwortlich beteiligt gewesen zu sein. Wenn dem so ist, warum gelang und gelingt es den türkischen Justizbehörden nicht, dies zu beweisen? Seit zwei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft, nun im Hausarrest. Sicher: es ist geltendes Recht in der Türkei, dass Menschen sieben Jahre in Untersuchungshaft bleiben dürfen, bevor sie einem Richter vorgeführt werden. (Man stelle sich das einmal vor!) Aber sie unterstützen einen Präsidenten, der Menschen ohne Beweise der Freiheit beraubt, die Sie wie selbstverständlich in Deutschland in Anspruch nehmen. Warum?

Viertens: Es hat wohl eine Vereinbarung zwischen dem türkischen und dem amerikanischen Präsidenten gegeben. Trump wollte dafür sorgen, dass eine türkische Aktivistin aus einem israelischen Gefängnis freikommt, wenn dafür der amerikanische Pastor aus der Haft entlassen wird. Trump hat seinen Teil der Vereinbarung eingehalten, Erdogan nicht. Dass Trump sauer ist, kann ich nachvollziehen. Was halten Sie von einem Präsidenten, der Vereinbarungen nicht einhält und so tut, als ob er damit nichts zu tun habe?

Fünftens: Diese Gedanken dürfte ich in der Türkei zurzeit weder sagen noch veröffentlichen. Denn gegen alle, die negativ über diese Wirtschaftskrise berichten, werden rechtliche Schritte eingeleitet. Jemand, der Erdogan kritisiert, wird schon öffentlich als „Freund der USA“ beschimpft. Ein Präsident, der keine Kritik zulässt, wird spätestens jetzt zu einem Despoten, der willkürlich entscheidet und handelt. Fortschritt und Innovation sind stets nur dann möglich, wenn Menschen frei reden und handeln dürfen, frei denken und urteilen können und auch Fehler machen dürfen, aus denen gelernt wird. In der Türkei wurden 2016 genau 1.764 Patente angemeldet. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 15.652, in Mexiko 8.652, in Polen 3.548 Patente. Was halten Sie von einem Präsidenten, der sein Land und dessen Wirtschaftskraft groß redet (auch weil Allah hinter ihm stünde), wo die Fakten aber das Gegenteil sagen. Nur darüber darf nicht offen debattiert werden. Wie sieht die Zukunft eines solchen Landes aus? Was kann sich tatsächlich verbessern, wenn sich Angst breit macht? Angst lähmt.

Positiv ist allerdings, sollten Sie jetzt in die Türkei zurückziehen wollen, um Ihren Präsidenten vor Ort zu unterstützen, dass die Chance, Lira-Millionär zu werden, noch nie so groß war.

Neun Jahre, 58 mal sexuell missbraucht – und alle schauten weg!

Wenn ein 14jähriges Mädchen von einem nach Deutschland geflüchteten jungen Mann (mutmaßlich) vergewaltigt und anschließend ermordet wird, so schreit ganz Deutschland auf. Zurecht, denn eine Vergewaltigung (jede Vergewaltigung!) ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Die Bild-Zeitung thematisierte das immer wieder auf der Titelseite, Demonstrationen wurden abgehalten, die AfD hielt im Deutschen Bundestag eine Schweigeminute ab und der Bundesinnenminister bekannte öffentlich, dass ihn diese Straftat persönlich berührte.

Wenn ein inzwischen neun Jahre alter Junge nachweislich und gerichtlich belegt in den letzten drei Jahren mindestens 58mal sexuell missbraucht und zigfach brutal vergewaltigt wurde, darunter 19mal von der eigenen Mutter und 21mal von einem einschlägig vorbestraften pädophil veranlagten Mann (der zeitweise auch als Stiefvater fungierte), der im Internet wie ein Stück Fleisch zum sexuellen Missbrauch feilgeboten wurde, dem das örtliche Jugendamt trotz Hinweisen, zum Beispiel aus der Schule, nicht half und wo Familienrichter die Inobhutnahme des Jugendamtes torpedierten, dann hören und sehen wir keine Demonstrationen zur besten Sendezeit im Fernsehen, kein Kerzen- und Blumenmeer an einem dafür bereit gestellten Ort, keine Schweigeminute der AfD-Bundestagsfraktion, kein Bekenntnis des Bundesinnenministers, dass der Fall ihn persönlich berühre – und die BILD-Zeitung berichtet über das Urteil am 8. August 2018 nicht auf Seite 1, sondern auf Seite 8 (im Gegensatz zu vielen anderen Zeitungen, die auf Seite 1 berichten und diesen Sachverhalt auch kommentieren).

Und vor Ort: Tritt der für das Jugendamt zuständige Bürgermeister/Landrat zurück, dessen Behörde so kläglich versagte? Werden die Familienrichter suspendiert, die das Martyrium dieses Jungen verlängerten? (Laut Medienberichten haben die Richter den Jungen weder untersuchen noch anhören lassen!?)

Dabei werden mehrere Tabus gebrochen, die eine Gesellschaft aufhorchen lassen sollten. Der größte Tabubruch ist das Wissen, dass eine Mutter ihr eigenes Kind sexuell missbraucht und es Freiern im Internet anbietet und teilnahmslos im Nebenraum steht, wenn das Kind 30 Sekunden nach Hilfe schreit. Dafür hat der Freier schließlich bezahlt.

Dass Jugendamt und Familiengericht so eklatant versagten, wirft kein gutes Bild auf diese Behörden. Doch wer übernimmt hier eigentlich dafür die Verantwortung. Das ist der nächste Tabubruch: die Selbstverständlichkeit, dass im Grunde niemand so richtig verantwortlich ist bzw. war.

Und für mich wird auch deutlich: Hätten diese Verbrechen (sexueller Missbrauch, Zuhälterei von Kindern) geflüchtete Menschen durchgeführt, dann wäre in Deutschland ein kaum vorstellbarer Protest inszeniert worden. Aber es waren nur ganz normale Deutsche, die bisher unvorstellbare Verbrechen an einem Kind durchführten und durchführen ließen.

Mir tut dieses Kind unendlich leid. Ich danke der Pflegefamilie, die sich um dieses Kind nun bemüht. Und ich danke den Therapeuten, die sich jetzt kümmern. Das Thema spielt längst keine Rolle mehr in der medialen Aufmerksamkeit.

Dabei könnte es sich nachhaltig etablieren: Im Jugendamt Berlin sollen zum Beispiel rund 100 Stellen zurzeit nicht besetzt sein. Was heißt das, wenn ein Hinweis kommt, dass in einer Familie ein Kind missbraucht wird? Wer geht dem nach? Der Fachkräftebedarf wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken, wenn altersbedingt die Mitarbeitenden in den Jugendämtern aus den Babyboomer-Generationen in den Ruhestand gehen. Denn: Wer folgt diesen Menschen nach? Und was heißt das für die Kinder, die misshandelt und missbraucht werden? Keiner da, der ihnen hilft? Kollektives Wegschauen als Normalfall?

Und Berlin ist kein Einzelfall. Fragen Sie mal in Ihrem Jugendamt nach. Fragen Sie mal nach der Alterungssituation in Ihren kommunalen Verwaltungen. Und fragen Sie nach den Konzepten, wie man dem strategisch begegnet. Fragen Sie nach den Prioritäten.

Für alle Eltern ist es schlimm, wenn ihr (oft einziges) Kind vergewaltigt und ermordet wird. Dafür finden sich kaum Worte des Trostes.

Für alle Kinder ist es schlimm zu wissen, dass ihnen der Staat nicht beisteht, wenn Eltern versagen und ihnen schlimmstes Leid zugefügt wird. Dagegen kann jedoch etwas aktiv getan werden.

Lieber Mesut Özil,

um es vorweg zu sagen: Als ich Sie im Mai 2018 mit dem türkischen Präsidenten auf einem Foto sah, habe ich das als dumm empfunden. Ich habe den Kopf geschüttelt und es nicht verstanden. Ihre Einschätzung, von der ich heute im Juli 2018 erst las, dass Sie dem Präsidenten des Landes, aus dem Ihre Familie stammt, Respekt bezeugen wollten, ehrt sie. Ich kann das auch nachvollziehen, schließlich würde ich auch eine Terminanfrage eines Präsidenten, als Wertschätzung meiner Person ansehen und ihr mit Respekt begegnen.

Doch sie sind 29 Jahre alt. Ich hätte Ihnen zugetraut, dass Sie erkennen können, dass diese Terminanfrage und dieses Foto auch zu Wahlkampfzwecken in der Türkei, vor allem aber in Deutschland gebraucht wird. Schließlich leben viele Wähler/innen dieses türkischen Präsidenten in Deutschland. Er durfte selbst keine Wahlveranstaltung in Deutschland abhalten, fand aber andere Möglichkeiten, unter anderem Sie. Bestenfalls muss man Ihnen große Naivität vorwerfen, da Sie es – wie Sie sagen – nicht politisch sahen und meinten.

Es war zudem ein Fehler, solange mit dieser Erklärung zu warten. Bis dahin haben Sie allen Kritikern und Neidern, Besserwissern und Nörglern Gründe geliefert, Propaganda gegen Sie, gegen die Türkei und die Türken, gegen Zuwanderung und Migration in den asozialen Netzen zu verbreiten. Und Sie haben es anderen Menschen, die es wohlwollend mit Ihnen meinten und meinen, schwer(er) gemacht, für Sie zu sprechen.

Ihr Schicksal als Migrant, als Wanderer zwischen den Welten, teilen Sie in Deutschland mit rund 19 Millionen Menschen (rund 22 Prozent der Bevölkerung). Sie haben alle Wurzeln in den unterschiedlichsten Ländern. Und sie alle berichten, dass Sie zum Beispiel in Russland die Deutschen waren und hier die Russen bleiben. Sie alle teilen das Schicksal, dass Sie als Deutsche sich irgendwie nicht angenommen fühlen, aber auch in ihrem Herkunftsland nicht mehr daheim sind. In der Türkei nennt man sie ‚Almanci‘. Gleichwohl wäre jetzt Ihr Vorbild gefragt gewesen, denn Sie sind ein “Brückenbauer” zwischen diesen Welten.

Sicher: Politisch aktive Menschen verschärfen die Rhetorik auch noch unnötig gegenüber Menschen, die zuwandern bzw. zugewandert sind. Leider führt das auch dazu, dass ein gesellschaftliches Kommunikationsklima entsteht, indem Hetze, rassistische Äußerungen, Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber Menschen, die irgendwie „anders“ sind, zunehmen. Immer mehr Menschen glauben, dass ihr verwerfliches Gedankengut mehrheitsfähig ist, weil sie in ihren kommunikativen Blasen der asozialen Netzwerke Zuspruch erfahren. Eine Partei im Bundestag hetzt ebenfalls gegen Menschen, die anders sind und gibt dem einen “gewählten” Anstrich.

Und um das ebenso deutlich zu sagen: Ihr (aus meiner Sicht) „Fehler“ (Foto mit Erdogan vor den türkischen Wahlen und vor der WM) berechtigt niemanden zu rassistischer Hetze und zu menschenverachtenden Beleidigungen! Das ist und bleibt scharf zu verurteilen. Das lange Schweigen des DFB hierzu hat der Spekulation Nahrung gegeben, als ob er diese Art der Kritik unterstütze. Ich verurteile die dummen Aussagen der DFB-Funktionäre Grindel und Bierhoff, die Anfang Juli 2018 kamen. Sie zeugen ebenfalls von völlig verfehlter Kommunikationsfähigkeit.

Ihr „Fehler“ berechtigt aber zu Kritik, zumal Sie eine öffentliche Person sind, die auch Vorbildcharakter hat. Respekt ist in dem Zusammenhang auch ein wichtiger Wert – nicht nur gegenüber dem gewählten Präsidenten des Landes, in dem Ihre Eltern geboren sind und dem sie sich auch noch immer verbunden fühlen (das darf auch so sein!). Aber auch gegenüber den vielen Fans, für die Sie Vorbild sind.

Ich hätte mir daher gewünscht, dass Sie stolz und souverän reagieren, aber nicht gleich hinwerfen. Das ist schade. Ich hätte Sie gern wieder im Team der deutschen Fußballnationalmannschaft spielen sehen. Weil wichtiger als unsere unterschiedliche Herkunft bleibt unsere gemeinsame Zukunft, die wir mit den unterschiedlichsten Talenten zu gestalten haben. Und Sie haben Talent.

Dennoch: Danke für Ihr Wirken in den letzten Jahren.

Thailand lehrt den Wert von Zusammenhalt, Teamgeist und internationaler Solidarität

Wer die Sachstandsmeldungen aus Thailand zur Rettung von 13 Jungs im Alter von elf bis 16 Jahren sowie ihrem 25jährigen Trainer aus einem Höhlenlabyrinth mit verfolgt hat, dem wird klar sein: „Thailand first“ hätte nicht funktioniert.

Denn die Besten aus allen Ländern wurden gebeten, an dieser bisher einmaligen Rettungsaktion teilzunehmen. Taucher aus aller Welt, ein Arzt aus Australien, Höhlenerfahrene aus vielen Ländern – alle haben dazu beigetragen, dass die Rettung möglich wurde. Das belegt: Talente gibt es weltweit. Keine Nation hat hier ein Monopol. Der Wert globaler Kommunikation ist es, dass diese Menschen sofort ausfindig gemacht, angesprochen und motiviert werden konnten, dabei zu sein, zu helfen. Nationa(listisch)e Eitelkeiten hatten keine Chance.

Es ist zudem ein Beispiel von großer Solidarität – vor Ort, aber eben auch weltweit. Der Arzt aus Australien hätte nicht kommen müssen, ebenso wenig die vielen erfahrenen Höhlentaucher aus allen Ecken unserer Erde. Sie haben sich nicht selbst gemeldet, sondern sind gefragt worden. Aber sie waren sofort bereit.

Und es ist ein Beispiel von großem Zusammenhalt. Alle verband ein Ziel: das Leben der Jungen und ihres Trainers zu retten. Und für dieses Ziel arbeiteten alle mit. Andere Interessen wurden hinten angestellt.

Schließlich lebte in den Köpfen der Jungs und ihres Trainers auch ein großer Teamgeist. Dass sie überlebten und – wie es den Anschein hatte – psychisch und physisch recht stabil aus der Höhle gerettet wurden, hat auch etwas mit diesen Menschen zu tun. Ihnen war – auch als Mannschaft – klar: Nur gemeinsam können wir es schaffen. Dem Trainer gebührt hier sicherlich Anerkennung und Dank.

Wie viele Herausforderungen dieser Welt könnten wir meistern, wenn Teamgeist, Zusammenhalt, internationale Solidarität gegeben sind.

Wäre US-Präsident Donald Trump in der Höhle gewesen, ein Zusammenhalt wäre nicht möglich gewesen. Wäre der DFB-Präsident Reinhard Grindel in der Höhle gewesen, ein Team-Geist wäre nicht gepflegt worden. Wäre Bundesinnenminister Horst Seehofer in der Höhle gewesen, internationale Solidarität hätte keine Chance gehabt.

Gut, dass diese drei gerade keine Zeit hatten, so konnten das Leben der Jungs und ihres Trainers gerettet werden. Glückwunsch an alle Menschen, die dazu beigetragen haben.

Tricksen, Täuschen, Lügen und Betrügen – das neue Wertekorsett?

Dieser Text hat nichts mit geflüchteten Menschen zu tun – trotzdem relevant?!

Erinnern wir uns: Dieselgipfel im Kanzleramt – noch vor der Bundestagswahl im September 2017. Beschlüsse, die gefasst, aber bis heute praktisch nicht umgesetzt sind. Wenn Sie so arbeiten würden in Ihrem Beschäftigungsbereich, Sie wären längst entlassen.

Ich bekenne: Auch ich bin betroffen. Denn ich fahre einen Diesel (Euro Norm 5). Damals habe ich gedacht (und so wurde mir das auch u. a. verkauft), ein umweltfreundliches Auto zu erwerben. Es spare im Verbrauch und die gesetzlichen Grenzwerte würden eingehalten. Er sei „sauber“ (sofern Autos das überhaupt sein können).

Mich haben die Artikel in dem Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ (Nr. 30/2017 und Nr. 5/2018) zu den rechtswidrigen Absprachen zwischen den Autoherstellern regelrecht schockiert. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Der groß angelegte Betrug war außerhalb meiner Phantasie.

Dass die Beschlüsse auf dem sogenannte Dieselgipfel vor der Bundestagswahl bei der Kanzlerin bis heute keine nennenswerten Ergebnisse zeitigten, nimmt man mittlerweile, wo ja jeder an sich zuerst denkt, hin. Dass ein Audi-Vorstandschef zum Beispiel mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, regt niemanden mehr auf. Wir sind schon sehr abgestumpft. Das gibt zu denken.

Aber zwei Fragen treiben mich um:

Erstens: Da die „saubere“ Technik (Euro Norm 6) ja offensichtlich vorhanden ist, frage ich, warum die Ingenieure und alle Fachleute der Autoindustrie nicht motiviert werden konnten, ihren gesammelten Verstand dafür zu nutzen, diese Technik für jedes Fahrzeug verfügbar zu machen, sondern warum all diese gut ausgebildeten Menschen ihre gesamte Energie in Tricksen, Betrügen, Lügen und Täuschen investiert haben?

Zweitens: Unterstellt, diese Verantwortlichen der Autoindustrie sind Vater / Mutter, Onkel / Tante oder Großvater / Großmutter: Welche Werte lehren diese Verantwortlichen diesen Kindern: Tricksen, Betrügen, Lügen und Täuschen sind die besseren Werte?! Sagen sie ihnen am Frühstückstisch: Schummelt in der Schule?! Belügt eure Lehrkräfte?! Täuscht Eure Mitschüler?! Betrügt Eure Großmutter?! Diese Werte kommen dann auch wieder in den Betrieb, einem idealen Nährboden, diese Werte zu verfeinern?

Dass so manche Verantwortliche in Politik und Gesellschaft das nicht kritisieren, verstehe ich jetzt. Sie handeln genauso – oder gelten Werte des Anstands tatsächlich noch? Bin ich naiv, wenn ich noch immer daran glaube, dass „Ehrlichkeit“ am „längsten wehre“? Dann bin ich gern naiv.

Wer umwälzende Veränderungsprozesse in der Gesellschaft (Digitalisierung, Demografischer Wandel, Migration, Klimawandel, Globalisierung …) gestalten will, braucht Vertrauen und verlässlichen Zusammenhalt. Diese Werte werden gerade in einem irren Tempo dramatisch verspielt. Halten wir dagegen, es geht um unsere gemeinsame Zukunft.

Horst Seehofer und meine Reise nach Amsterdam

In der letzten Woche war ich in Amsterdam. Mit dem ICE bin ich dann wieder bequem nach Köln zurückgefahren. Letzte Haltestelle in den Niederlanden: Arnheim. Erste Station in Deutschland: Oberhausen. Dazwischen war die Grenze, von der ich aber nichts spürte.

Wie wird das künftig, wenn Bundesinnenminister Seehofer alle 63 Punkte seines Masterplans Migration umsetzt (von denen wir 62 Punkte gar nicht kennen)? Würden dann in Arnheim Polizei- oder Grenzbeamte zusteigen und die Menschen kontrollieren, die im Zug reisen? Schließlich sollen ja potenzielle illegale Migranten bzw. Migranten, die bereits als Asylbewerbende in anderen EU-Ländern (dazu zählen ja auch die Niederlande) registriert worden sind, an der Grenze gleich aufgefangen und zurückgeführt werden.

Jetzt stellen wir uns das noch auf den Autobahnen vor: Wird dort künftig jeder LKW, der ja möglicherweise illegale Migranten oder Migranten, die bereits in einem anderen EU-Staat als Asylbewerbende registriert worden sind, als Fracht hat, kontrolliert? Das bedeutet: der freie Warenverkehr wird erheblich belastet. Ob der Salat dann pünktlich in der Frischetheke liegt, bleibt abzuwarten.

Oder nehmen wir die Stadt Herzogenrath, die direkt an der Grenze zur Niederlande liegt. Dort gibt es eine Straße, dessen Mittelstreifen die Grenze darstellt. Wird diese Grenze dort nun wieder kontrolliert bzw. die Grenze neu aufgebaut (als Mauer oder Stacheldraht)?

Und nun vor allem die entscheidende Frage: Wer macht das? Woher kommen die Beamten, die das kontrollieren? Schon jetzt lautet das große Problem Fachkräftemangel. Die Polizei kann Stellen nicht besetzen, die Pflege braucht Personal, wir haben zu wenig Hebammen, Erziehende, Lehrende. Busfahrende fehlen. Die Kette kann endlos fortgesetzt werden. Eine Million offene Stellen, nur noch 2,5 Millionen arbeitslos gemeldete Menschen, 44,6 Millionen Erwerbstätige. Das sind Zahlen, die belegen, dass diese künftigen Grenzbeamten nicht dumm herumstehen und auf die Umsetzung von Seehofers Plänen warten. Und wer dann die aktiven Polizisten woanders abzieht, damit sie an der Grenze patrouillieren, reißt an anderen Stellen Lücken, zum Beispiel in der Verfolgung der organisierten Kriminalität.

Doch wie groß ist das Problem selbst eigentlich? Im April 2018 flüchteten 11.000 Menschen nach Deutschland. Die Bundespolizei teilte am 20. Juni 2018 mit, dass zwischen Januar und Mai im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet 1.512 unerlaubt eingereiste Personen festgestellt worden seien. Sie nennt das „überschaubar“. Wie viele davon von Seehofers Plänen betroffen sind und zurück geschickt hätten werden können, wird nicht statistisch festgehalten. Die Frage darf auch erlaubt sein: Wohin zurückschicken?

Doch entscheidend bleibt: Wenn Seehofer sich durchsetzen würde, wer kontrolliert? Wer macht das konkret wie an den Grenzen? Woher kommen diese Menschen? Oder sind das alles nur Luftblasen, deren Haltbarkeitsdatum der 14. Oktober 2018 ist, wenn in Bayern der neue Landtag gewählt worden ist.

Fazit: Nationale Lösungen sind weder umsetzbar, noch werden sie helfen. Und einfache Lösungen gibt es für diese weltweite Herausforderung der Migration schon gar nicht.

Wo kommen die vielen alten Leute her? Pflegebedarf war abzusehen!

Seit über 80 Jahren wissen wir, wie viele Menschen geboren sind, und in diesen Tagen so allmählich in die Pflegebedürftigkeit rutschen könnten. Wir kennen deren Lebenserwartung, die tagtäglich statistisch ungefähr sechs Stunden zunimmt. Wir wissen auch seit vielen Jahr(zehnt)en, dass sich das Thema Pflege wandelt. Immer mehr Menschen werden immer älter und benötigen in den letzten Lebensjahren eine intensive pflegerische Unterstützung. Wir wissen, dass bei den Menschen über 80 Jahre ungefähr ein Drittel der Betroffenen stationär pflegebedürftig sind, bei den Menschen, die älter als 90 Jahren sind, sogar jeder zweite. Die Hälfte davon wird dement. Auch wissen wir, dass die familiären Strukturen nicht mehr allzu lange die Hauptlast der Pflege tragen können. Alles nichts Neues.

Wir wissen auch seit Jahr(zehnt)en, dass der Beruf der Altenpfleger/in gesellschaftlich wenig anerkannt ist. Der heutige Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, wies darauf ebenso schon vor Jahren hin. Wir wissen zudem, wer in der Pflege beschäftigt ist, wie alt diese Menschen sind, wer aus Altersgründen ersetzt werden muss. Wir wissen auch, dass es in diesem Beruf seit Jahren eine hohe Fluktuation gibt. Alles nichts Neues.

Wir haben zudem gedacht, dass diejenigen in Politik und Verwaltung, in Wohlfahrtsverbänden und Unternehmen, mathematisch gebildet sind und dieses Wissen in Verbindung mit der demografischen Entwicklung einfach hochrechnen und handeln. Hier liegt der Irrtum. Es ist die dramatische Verweigerung der Gesellschaft, aber auch der Politik, diese Trends seit Jahren zur Kenntnis zu nehmen und entsprechend zu handeln.

Nehmen wir als Beispiel den gegenwärtigen Gesundheitsminister des Landes NRW. Der war das schon mal: 2005-2010. Damals lagen alle Fakten bereits vor. Und?

Wer also jetzt so dramatisch und überrascht reagiert, der sollte wissen, dass wir über Menschen reden, die seit 80 Jahren in Deutschland leben. Und die werden – unverschämterweise – einfach älter und älter. Wer also heute beklagt, dass es zu wenig Pflegeplätze (stationär wie kurzzeitig) gibt und – noch viel dramatischer – zu wenig qualifiziertes Pflegepersonal, dem sei gesagt: „Sie hätten es wissen können, aber Sie haben geschlafen.“

Das alles wissen wir. Handeln wir?! Ich glaube nicht, weil es der großen Masse einfach noch zu gut geht und lieber weiter die Augen vor der Realität verschließt. Und weil Politik der großen Masse nach dem Mund redet, um wiedergewählt zu werden, und daher so tut, als sei alles machbar. Weiter so! Beispiel: 13.000 zusätzliche Stellen im Pflegebereich als Sofortprogramm. Die Stellen werden geschaffen, doch die Menschen dafür sind nicht mehr da.

Nur: dieses gesellschaftliche und politische Versagen zu benennen hilft nicht weiter. Ob vorausschauende Klugheit nun eine Handlungskategorie in Politik und Gesellschaft wird? Es braucht schlichtweg ein Umsteuern. Es braucht lokale und regionale Pflegegipfel mit allen Akteuren. Es braucht den Mut, zu einem neuen Generationenvertrag zu kommen. Es braucht die Anerkenntnis, dass ohne Zuwanderung diese Herausforderung nicht zu leisten sein wird. Es braucht aber auch ein verpflichtendes freiwilliges Jahr für alle Menschen zugunsten der Pflege. Denn die eigentliche Herausforderung kommt erst noch, wenn die Babyboomer ab 2040 die 80 überschreiten.

Alltag in einer Diktatur: Erzählungen aus Nordkorea

Der nordkoreanische Diktator und der südkoreanische Präsident trafen sich und die Welt schöpft Hoffnung. Doch vergessen wir nicht: Nordkorea ist eine Diktatur, in der die Menschen brutal unterdrückt werden. So sehr es auch menschelte am 38. Breitengrad in der demilitarisierten Zone von Panmunjon: das Regime soll rund 200.000 Menschen vom Kleinkind bis zum Greis in Konzentrationslagern zusammenpferchen. Eine friedliche Vereinigung beider koreanischer Länder ist noch weit entfernt.

Wenn es weiße Flecken auf der Weltkarte gibt, also Regionen, über die wir wenig wissen und wo wir nur wenig Zugang zu haben, dann zählt sicherlich Nordkorea dazu. Wir nahmen dieses Land in erster Linie wahr, weil ein selbstverliebter, machtgeiler und skrupelloser Diktatur Spaß an der weltweit wahrgenommenen Provokation hatte (hat?). Ob sich das nun ändert, bleibt abzuwarten. Doch was das Volk denkt, wie dessen Alltag ist, wie die Menschen leben, lieben, arbeiten und wohnen – all das ist eher unbekannt.

Seit einigen Monaten liegt ein Buch mit sieben „Erzählungen aus Nordkorea“ vor: „Denunziation“ lautet der Titel. Der Autor wird mit „Bandi“ angegeben. Ein Pseudonym, dass den wahren Autoren schützen soll, denn diese Erzählungen sind rausgeschmuggelt worden. Schon allein der Gedanke, dass ein Text nicht einfach geschrieben und per Email, Facebook oder CD weltweit auf Reise gehen kann, ist in unserer Zeit nahezu absurd. Aber da ist es wieder: dieses Abgeschnittensein von der Welt.

Warum müssen Menschen Inhaftierung, Folter oder gar Tod befürchten, wenn sie das, was sie schreiben, unter ihrem Namen veröffentlichen? Dieser Autor jedenfalls muss es wohl befürchtet haben. Es sind zudem Geschichten, die schon viele Jahre zuvor verfasst wurden. Doch die Inhalte haben es in sich. Sie beschreiben den Alltag in einer totalen Diktatur, in der Mensch nicht Mensch sein kann, in der das Misstrauen und die mögliche Verschwörung gegen den Machthaber ständig präsent sind und das Denken bestimmen, in der die Korruption der Parteieliten zu massiven Ungerechtigkeiten führt. Einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt es nicht.

Und doch funktioniert der Staat, weil das Schmiermittel die Angst ist. Sie zu schüren und wach zu halten, bleibt die alltägliche Aufgabe des Staates. Und die Menschen müssen damit in ihrem Alltag zurechtkommen.

Wer wie ich in Freiheit groß geworden ist und sie als selbstverständlich erlebt und liebt, der kann sich eine andere Welt kaum vorstellen. Und doch: es ist gar nicht lange her, dass auch auf deutschem Boden die totale Überwachung des Einzelnen ein Volkssport war. Es ist auch gar nicht so weit hergeholt, dass all das wiederkommen könnte, wenn wir nicht aufpassen und das Selbstverständliche zu selbstverständlich nehmen.

Die Erzählungen aus Nordkorea haben es in sich. Sie sind nicht nur gut zu lesen, sondern auch beeindruckende Bilder eines Alltags aus einer anderen Welt. Es sollte Pflichtlektüre an den Schulen sein, damit wir die Freiheit einer offenen Gesellschaft wieder zu schätzen lernen.

Das Buch ist im Münchener Piper-Verlag erschienen. Es lohnt sich.

 

Notfall Kinderintensivpflege – demografischer Wandel pflügt Schneisen

Wann werden Kinder versterben, weil sie nicht rechtzeitig operiert werden können? Wann werden wir zugeben, dass der pflegerische Engpass auch in allen Kliniken zu enormen Problemen führt? Wann werden wir den Mut haben, umzusteuern und auch ethisch schwer zu treffende Prioritäten vereinbaren?

Im Rahmen des 25jährigen Jubiläums des ‚Bundesverbandes Herzkranke Kinder (BVHK)‘ am 17. März 2018 in Bonn diskutierten Kinderkardiologen, Eltern und Pflegefachkräfte über den pflegerischen Notfall, der sich mittlerweile auf den kardiologischen Kinderintensivstationen bundesweit abspielt. Die mediale Aufmerksamkeit beherrscht die Pflegesituation der älteren Menschen. Darüber reden alle, zumal bundesweit rund 35.000 Stellen, davon 12.000 im krankenpflegerischen Bereich, unbesetzt sein sollen.

Prof. Dr. Hans Heinrich Kramer, seit 1992 Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, hatte den Mut, es zu thematisieren. Er brachte es auf den Punkt: „Auf meiner kinderkardiologischen Intensivstation verfüge ich über zehn Betten. Doch nur sieben werden belegt. Denn für die anderen Betten fehlt mir das Personal.“ So berichtet er weiter, dass er zwar 43 Vollzeitstellen auf seiner kinderkardiologischen Station besetzen könnte, doch nur 34 Vollzeitstellen seien derzeit besetzt. Der Personalmarkt sei leer. „Und jeder krankheitsbedingte Ausfall führt uns stets an die Grenzen des pflegerisch Notwendigen bzw. Machbaren.“ Der Leiter der Kinderkardiologie in Kiel informiert darüber, dass Ende 2017 203 Kinder auf der Warteliste für Operationen gestanden haben. Diese Liste in absehbarer Zeit abarbeiten zu können, bleibe wohl eine Illusion. Für die betroffenen Kinder ein Drama.

Es fehlt nicht nur an Personal, es fehlt auch an den Kapazitäten, dieses Personal aus-, fort- und weiterbilden zu können, wenn es denn da wäre.

Auf die Idee, im EU-Ausland nach geeignetem Personal Ausschau zu halten, kam auch Professor Kramer. Er ist in Litauen fündig geworden. Hervorragende Fachkräfte, beste Zeugnisse. Das Sprachproblem schien regelbar. Doch: als diese litauischen Fachkräfte auf der High-Tech-Kinderintensivstation der Kinderkardiologie Kiel waren, kamen sie nicht zurecht, da sie die Technik und die Geräte nicht verstanden bzw. bedienen konnten.

Doch was hier für herzkranke Kinder (u. a. Kinder mit einem angeborenen Herzfehler) beschrieben wird, gilt auch für viele andere Kinder mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern.
Wann begreifen wir, dass hier keine individuellen Fehlentscheidungen getroffen worden sind, sondern dass aufgrund des demografischen Wandels der vorprogrammierte Fachkräftemangel endlich anerkannt und strategisch angegangen wird. Doch noch immer glauben Viele, hier müsse nur die Bezahlung anständig sein, das Stellenmarketing besser gemacht werden und die besondere sinnstiftende Tätigkeit des jeweiligen Berufes herausgearbeitet werden. Nein. Dem ist nicht so.

Wenn die Menschen, die 1964 geboren worden sind (das waren 1.357.304) 2031 ihren Ruhestand antreten (nach geltendem Rentenrecht), dann werden die 2013 Geborenen (682.069) 18 Jahre alt sein und in den Arbeitsmarkt eintreten. Doch sie werden nur die Hälfte der frei werdenden Arbeitsplätze einnehmen können. Die andere Hälfte ist nicht mehr da. Ohne fundamentale strukturelle Veränderungen und inhaltliche Kompromisse werden wir diese Situation nicht mehr gestalten. Doch dazu muss man bereit sein. Da scheint der Druck noch immer nicht hoch genug.

Mal sehen, wie viele Kinder Ende 2018 auf der Kieler Warteliste stehen. Hoffen wir, dass alle noch leben.

Lernen aus der Geschichte: Wider den sinnlosen Einsatz von militärischer Gewalt

Es ist 100 Jahre her, dass der Erste Weltkrieg nach vier Jahren ein Ende fand. Millionen Menschen, von denen nicht wenige singend an die Front zogen, fanden den Tod. Erstmals wurde Gas als Kriegswaffe eingesetzt. Es war für viele ein qualvolles Sterben. Was hat es genutzt?

Mahatma Ghandi hat einmal gesagt, dass wir aus der Geschichte nur lernen können, dass die Menschheit nichts gelernt habe.

Trotz eines Zweiten Weltkrieges, der sechs Jahre andauerte, sind militärische Mittel bis heute ein Mittel der Politik – auch und gerade der demokratischen Länder. Syrien ist das jüngste, für die betroffenen Zivilisten wieder erschütterndste Beispiel. Wir könnten den Jemen, die Ost-Ukraine, den Süd-Sudan, Libyen und viele weitere Beispiele nehmen, wo Potentaten gern zündelten bzw. zündeln.

Eine Frage: Egal, wer jeweils siegt: Und dann? In der Ost-Ukraine oder in Syrien, im Jemen oder in Libyen sind ganze Regionen nur noch Schutt und Asche. Wer kann dort nach einem möglichen Friedensschluss leben? Wer zahlt womit einen Wiederaufbau der Infrastruktur? Im Moment herrscht dort der jeweils Stärkere.

Auch der aktuelle Militärangriff auf syrische Einrichtungen mag moralisch für den einen oder anderen zu rechtfertigen sein. Für mich ist er hirnlos. Denn eine Frage bleibt: Und jetzt? Der Krieg in Vietnam (1965-1973) war ein Beispiel für eine gigantische sich eskalierende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die zuvor niemand für möglich hielt. Auch daraus scheint niemand zu lernen.

Wenn man aus der Geschichte lernen möchte, dann das: Jeder Konflikt, der von außen befeuert wird, dauert nicht nur länger, sondern erschwert jedwede politische Lösung.

Und wenn man aus der Geschichte lernen möchte, dann dass Konflikte stets innergesellschaftlich gelöst werden müssen. Ghandi ist dafür ein Beispiel in Indien. Martin Luther King, an den wir gerade angesichts des 50. Jahrestages seiner Ermordung gedenken, wäre ein weiteres Beispiel in den USA.

Und schließlich lässt sich aus der Geschichte auch lernen, dass ein wesentliches Motiv von Potentaten, in den Krieg zu ziehen, nicht selten eine persönlich tief empfundene Kränkung oder gar Demütigung der handelnden Person durch andere handelnde Personen ist. Andere Motive sind dann schnell vorgeschoben, innenpolitische Probleme verstärken außenpolitische Aktionen.

Syrien zählte vor dem Krieg rund 24 Millionen Bürger/innen. Zehn Millionen sind geflohen. Eine Millon davon lebt in Europa, rund 500.000 davon in Deutschland. Wer glaubt, dass die Fluchtursachen nun wirksam bekämpft werden? Merkel und Seehofer begrüßen den Militärschlag.

Ich bin gegen jeden Einsatz von militärischer Gewalt, wenn er nicht der eigenen Verteidigung dient. Ich bin gegen jede militärische Einmischung von außen in innere Konflikte. Denn Kriege haben noch nie nachhaltige Lösungen mit sich gebracht. Europa hat keinen weiteren Weltkrieg erlebt, weil die Erkenntnis sich durchgesetzt hat, dass es politische Lösungen braucht. Nicht zuletzt deshalb ist die Europäische Union ein Segen, für den ich dankbar bin.

Wow: 792.131 Geburten 2016 – trotzdem wirkt der demografische Wandel weiter

Freuen wir uns über jedes Kind, das 2016 in Deutschland geboren worden ist. Schließlich sind es sieben Prozent mehr als 2015. Und den Tiefststand verzeichnete Deutschland 2011: damals erblickten nur 662.685 Kinder das Licht der Welt. Babylachen ist und bleibt wunderschöne Zukunftsmusik.

Doch wer glaubt, weil jetzt wieder Kindergärten und Schulen gebaut werden müssen, sei der demografische Wandel abgemeldet und ausgemustert, der irrt.

Der demografische Wandel wirkt, weil drei Eckpfeiler nachhaltig Gestalt annehmen. Zum einen werden die Menschen immer älter und der Anteil der Älteren in der gesamten Bevölkerung nimmt stetig zu. Auch versterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden – trotz der erfreuenden Geburtenzahlen. Die Geschichte der Menschheit kannte bisher keine Gesellschaft, in der mehr Menschen über 65 Jahre leben als Menschen unter 18 Jahre. Das ist in Deutschland seit 2009 Realität. Dieser Trend wird nicht umzukehren sein, zumal die wahren Babyboomer um 2030 in Rente gehen.

Es sind seit 1964 immer weniger Kinder geboren worden . Und damit auch zu wenige Frauen, die potenzielle Mütter werden. Das werden wir in den nächsten Jahren spüren, wenn immer weniger Frauen überhaupt Mutter werden können. Wir sind heute mit den Geburtenzahlen etwa auf dem Niveau von 1990. In den nächsten Jahren werden diejenigen Mütter, die nach 1990 geboren wurden und da wird das Potenzial nachweislich weniger. Wer also jetzt Kindergärten baut, sollte sich klar werden, dass eine andere Nutzung in zehn Jahren möglich sein sollte.

Und neben dem ‚Älter‘ und dem ‚Weniger‘ wirkt auch das ‚Bunter‘ oder ‚Vielfältiger‘. Von den 792.131 Geburten hatten 2016 genau 607.500 die deutsche Staatsbürgerschaft (und etliche Kinder davon werden auch einen Migrationshintergrund haben), während 184.660 Kinder geboren wurden, die eine ausländische Staatsangehörigkeit haben. Das ist fast jedes vierte Kind!

Nur, und das wird meist übersehen: diese Geburtenzahlen verlangen nach Kinder- und Jugendärzten – und deren Durchschnittsalter ist besonders hoch. Sie verlangen nach Hebammen und Krankenschwestern auf den Geburtenstationen, aber auch auf den Intensivstationen, denn jede zehnte Geburt ist eine Frühgeburt. Und da schlägt der Fachkräftemangel nachhaltig zu. Sie verlangen nach Erzieherinnen und Erziehern – doch die sind kaum noch auf dem Markt zu finden. Dabei ist die Alterung in diesem Beruf genauso zu beachten wie die Tatsache, dass in diesem Beruf Menschen arbeiten, die selbst zeitweise ausscheiden, weil sie Eltern werden. Und es fehlen auch massiv Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen. Immer mehr Berufstätige scheiden in den nächsten Jahren altersbedingt aus dem Dienst – und wer wächst nach? Positiv betrachtet: Jede/r Referendar/in wird eingestellt. Aber ob das immer gut für die Kinder ist? Und die Herausforderungen von Inklusion und Integration werden weitere Fachkräfte fordern.

So paradox es klingen mag, die höheren Geburtenzahlen werden die Wirkungen des demografischen Wandels der letzten Jahrzehnte nun schneller spürbar machen. Dabei hatte die Zuwanderung der letzten Jahre diese noch herausgezögert.

Was bleibt zu tun? Wir müssen neue Konzepte entwickeln. Wir müssen bereit sein, uns zu verändern, auch Menschen als Arbeitskräfte zulassen, die zwar über Talent, aber nicht über das richtige Abschlusszeugnis verfügen. Wir brauchen Zuwanderung, die Heimatminister zu begrenzen versuchen. Wir brauchen neue gesellschaftliche Prioritätensetzungen. Wir brauchen ein neues Miteinander von Haupt- und Ehrenamt. Wir brauchen eine andere Bezahlung für Hebammen, Erzieherinnen und Grundschullehrende, aber auch für Krankenschwestern und Intensivpflegekräfte. …

Weiter so, das geht nicht mehr. Doch die Freude über die neuen Erdenbürger wird erst einmal dafür sorgen, dass sich wenig ändert. Doch wenn die Kindergartenplätze keine Erziehenden mehr finden, die den Eltern die berufliche Teilhabe ermöglichen, dann wird vielleicht nachgedacht. Wir könnten es jetzt schon, wenn wir wollten, denn die Auswirkungen sind absehbar. Demografie tickt wie ein Uhrwerk.

Der Islam gehört spätestens seit dem 11. August 1919 zu Deutschland

Am 11. August 1919 wurde die deutsche Verfassung, die sogenannte ‚Weimarer Verfassung‘, verabschiedet. Darin wurde erstmals für ganz Deutschland verbindlich das Recht der „individuellen Religionsfreiheit“ verankert. Wer will, kann es dort in Artikel 136 nachlesen. Dieses Recht ist nach dem zweiten Weltkrieg mit der Verabschiedung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 erneut bestätigt worden. Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert jedem Menschen in den deutschen Grenzen die „Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit“.

Seit 1919 gehört kulturhistorisch also jede Religion zu Deutschland. Seit fast 100 Jahren! Damit auch der Islam.

Schon nach den sogenannten Märzrevolutionen der Jahre 1848/1849 haben einige ehemalige deutsche Staaten (vergleichbar mit unseren heutigen Bundesländern) in ihren Verfassungen die Religionsfreiheit verankert. Zugegeben: niemand hat dabei an den Islam gedacht, aber die Auseinandersetzungen zwischen den christlichen Religionen waren ja auch nicht immer friedlich.

Und historisch betrachtet ist auch die christliche Religion, die Deutschland ohne Zweifel dominierend geprägt hat, durch Kaiser Karl den Großen im 8./9. Jahrhundert mit brutaler Gewalt in die Köpfe seiner Untertanen gehämmert worden. (In der Biographie Karls des Großen von Johannes Fried gut nachzulesen.) Zuvor prägten eher heidnische Religionen und Glaubensvorstellungen das, was Deutschland territorial heute darstellt.

Die Religionsfreiheit ist im Grunde eine wichtige kulturhistorische Erkenntnis. Die Akzeptanz, dass jede Religion dazu gehört, wenn sich Menschen in diesem Land dazu freiwillig bekennen, ist spätestens seit 1919 historischer Fakt.

Der Bundesminister des Inneren, für Bau und Heimat, Horst Seehofer, scheint das nicht zu wissen. Das sollte er aber, denn er ist qua Amt der Hüter der Verfassung. Oder will er es nicht wissen?

Das wiederum stimmt bedenklich, denn der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD trägt folgende Überschrift: „Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land.“ Was ist das für ein  “neuer Zusammenhalt”, der hier vom Bundesheimatminister gepflegt wird, wenn er sagt, dass zwar die Menschen (die Muslime), aber ihre Religion nicht zu Deutschland gehörten? Artikel 4 des Grundgesetzes ist klar und eindeutig (wie zuvor auch Artikel 136 der Weimarer Reichsverfassung). Beides gehört zu Deutschland.

Übrigens: Während des Zweiten Weltkrieges rekrutierte Hitler Zehntausende von Muslimen in die Wehrmacht und in die SS. Deutsche Behörden gründeten diverse muslimische Einrichtungen wie etwa das 1942 eröffnete Islamische Zentralinstitut in Berlin und es wurden auch religiöse Führer aus der gesamten muslimischen Welt angeworben. Pragmatisch und rassistische Bedenken beiseiteschiebend suchten die Nationalsozialisten die Muslime als Verbündete. Hitlers Islampolitik ist übrigens in dem Buch des britischen Historikers David Motadel sehr gut wissenschaftlich dargestellt („Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich.“). Das dürfte für manchen Menschen in Deutschland Aha-Erkenntnisse der besonderen Art bereithalten.

Wer noch mehr Historie will, kann auch auf Kaiser Wilhelm II. zurückgreifen, der sich 1898 im Rahmen seiner Nahostreise in Damaskus bei einer Rede als „Freund“ der damals weltweit „300 Millionen Mohammedaner“ darstellte. Das hatte auch innenpolitische Auswirkungen, denn man wollte glaubwürdig zeigen, dass der Islam dazu gehöre.

Historische Fakten zeichnen somit ein deutlich anderes, differenzierteres Bild, als Populisten, und dazu muss man Herrn Seehofer zählen, es gerne malen und „verkaufen“ wollen. Klugheit und Wissen sind damit die besten Gegenmittel zu einem bedenkenlosen Populismus, der Menschen und Religionen eher entzweien als zusammenbringen will. Bitter ist die Erkenntnis, dass dies Populisten nicht schert. Aber vielleicht gelingt es, die Menschen in Deutschland klüger zu machen, damit sie auf diese Populisten nicht reinfallen.

Es bleibt dabei: Seit dem 11. August 1919 gehört jede Religion zu Deutschland – auch der Islam.

 

Die Pflegesituation in Deutschland – Fakten für den, der es wissen will

Die Kreisverwaltung des Rhein-Erft-Kreises stellt in einem Pflegebericht nüchtern, aber gleichwohl überrascht fest, dass die Zahl der über 80 Jahre alten Bewohner/innen bis zum Jahr 2040 auf mehr als 44.000 ansteigen wird. Die Zahl der Pflegebedürftigen werde von aktuell rund 15.000 auf mehr als 23.000 Menschen ansteigen. Folge für die Kreisverwaltung: „Wir brauchen in den kommenden Jahren einen starken Ausbau der pflegerischen Leistungen und der zugehörigen Infrastruktur.“

Nun frage ich mich: Wie kann man davon überrascht sein? Denn die Menschen, die 2040 80 Jahre alt werden, sind 1960 geboren. Und wir wissen mindestens seit diesem Jahr, dass diese Menschen da sind und irgendwann einmal 80 Jahre alt werden können. Und die Menschen, die 2040 90 Jahre alt sind, erblickten 1950 das Licht der Welt. Auch das war bekannt. Nur wohl nicht allen.

Die demografische Entwicklung einer Bevölkerung ist ein Uhrwerk. Wir wissen, wie viele Menschen geboren werden. Und wir wissen, mit welcher Lebenserwartung diese Menschen zu rechnen haben. Täglich gewinnen wir circa sechs Stunden an Lebenserwartung hinzu!

Wir wissen zudem, dass Menschen über 80 zu einem guten Drittel pflegebedürftig sind und Menschen über 90 nahezu zur Hälfte der Pflege bedürfen. Wir wissen auch, dass zurzeit rund 73 Prozent der Betroffenen im familiären Kreis gepflegt werden. Wir wissen auch, dass diese Zahlen der familiären Pflege nicht so bleiben, denn in den letzten 50 Jahren haben rund 25 Prozent der Menschen keine Kinder gezeugt, die theoretisch einmal pflegen könnten. Und wir wissen auch, dass immer mehr Kinder weiter als 200 Kilometer von ihren Eltern entfernt wohnen.

Wir wissen zudem, dass nur drei Prozent der Wohnungen heute alternsgerecht und barrierearm sind (97 Prozent nicht!) und wir wissen, dass die Menschen alle den Traum hegen, in ihren eigenen vier Wänden alt zu werden. Wir wissen aber auch, dass zurzeit nur rund zehn Prozent der Menschen zuhause versterben, die große Masse in Altenheimen und Krankenhäusern. Wir wissen so viel und sind dann überrascht?

Dass dabei die Zukunft nicht die Verlängerung der Vergangenheit ist, macht ein Blick auf eine Zahl der Bundesagentur für Arbeit deutlich, die im Dezember 2017 veröffentlicht worden ist: Wenn eine Stelle im Altenpflegebereich neu zu besetzen ist, dauerte es im Durchschnitt 171 Tage (bundesweit), bis diese Stelle neu besetzt werden kann. Der Durchschnitt über alle Berufe hinweg: 102 Tage. Auch das wissen wir!

Und jetzt meinen Menschen in Politik und Verwaltung, der Beruf müsse nur etwas besser bezahlt und attraktiver in der Öffentlichkeit dargestellt werden, dann fluppe das schon. Die künftige Regierung verspricht sogar ein Sofortprogramm Pflege: 8.000 zusätzliche Stellen. Nur: Woher kommen die Menschen, die diese Stellen besetzen sollen?

Die Wahrheit ist: Sie alle haben den demografischen Wandel nicht begriffen! Die Menschen, die wir in der Pflege brauchen, sind nicht mehr geboren. Denn die Geburtenzahlen haben sich seit 1964 nahezu halbiert. Und wenn nun alle Altenpflegende werden wollten, wer wird dann Polizist, Richter, Gefängniswärter, Florist oder Erziehender bzw. Lehrender, Installateur, Friseur … ?

Und was sagt die Kreisverwaltung des Rhein-Erft-Kreises: Leider habe sie auf alle diese Entwicklungen keinen Einfluss. Man sei nur verpflichtet, alle zwei Jahre eine aktuelle Planung vorzulegen. Konsequenz: die Pflegekatastrophe müssen andere lösen.

Dabei müssten alle Akteure dringend an einen Tisch und gemeinsam Ideen entwickeln, Strategien entwerfen, Prioritäten vereinbaren. Wir müssen neu denken, Pflege anders gestalten und organisieren. Und das ist und bleibt Aufgabe von Politik und Verwaltung und Gesellschaft.

Türkei bleibt als Urlaubsland für mich tabu. Leider.

Der für die Tageszeitung „Die Welt“ arbeitende Journalist Deniz Yücel ist frei. 367 Tage seines Lebens saß er nun in einem türkischen Gefängnis. Davon 366 Tage ohne Anklage! Das ist in der Türkei derzeit geltendes Recht. Man kann bis zu sieben Jahren in Untersuchungshaft bleiben, ohne vor den Richter geführt werden zu müssen! Damit verbunden ist die Möglichkeit, alle Menschen, die einem nicht passen, als „Terroristen“ zu beschimpfen und ihn schwuppdiwupp hinter Gittern verschwinden zu lassen.

Türkische Repräsentanten nennen das Unabhängigkeit der Justiz. Und gleichzeitig bitten sie um Verständnis, weil ja die türkischen Gerichte zurzeit sehr viel zu tun haben. Richtig: Es sollen allein über 150 Journalisten in Haft sein, die unliebsam berichteten. Darüber hinaus sitzen mehrere Tausend weitere türkische Bürger/innen in Haft, weil ihnen u. a. vorgeworfen wird, am Putsch im Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Ehrlich: Wenn so viele Menschen, die nun in Haft sitzen, beteiligt gewesen wären, wäre der Putsch nie geheim geblieben.

Und nun stelle ich mir Folgendes vor: In Deutschland sitzt ein Mensch in Haft, weil die Anklage ihm staatsgefährdenden Terrorismus vorwirft. Sie fordert ein Strafmaß, das „bis zu 18 Jahren Haft“ verlangt. Und der Richter setzt diesen Menschen auf freien Fuß. Was wäre hier los? Würden wir das als Unabhängigkeit der Justiz bezeichnen?

Fakt ist, dass zurzeit jeder Mensch in der Türkei, ob Einwohner oder Besucher, damit rechnen muss, inhaftiert zu werden: Entweder weil er wirklich ein Verbrechen begangen hat, oder weil er sich kritisch zu Erdogan geäußert hat, oder weil er zufällig mit einem Menschen zusammengestanden hat, der Kurde ist, oder weil der türkische Staat als Drohmittel mit der deutschen Regierung ein paar Geiseln braucht. Richtig: DAS IST WILLKÜR.

Es war Willkür, Deniz Yücel vor 368 Tagen in Haft zu setzen, es war Willkür, Deniz Yücel trotz der Anklage auf freien Fuß zu setzen. Das hat mit einem Rechtsstaat nichts zu tun. Aber was Deniz Yücel widerfahren ist, kann jedem anderen auch in der Türkei widerfahren.

Richtig ist, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan in einer freien Wahl gewählt worden ist und dass die Türken, die in Deutschland leben und an der letzten Wahl teilgenommen haben, ihn mehrheitlich unterstützen. Aber auch sie merken, dass der Aufruf zur Denunziation dazu führt, dass bisher unbescholtene Bürger bei einem Familienbesuch in der Türkei plötzlich festgenommen werden.

Die Tatsache, dass der Politiker Cem Özdemir bei den Münchener Sicherheitstagen unter Polizeischutz steht, weil türkische Sicherheitsleute ihn als Terroristen einstufen, belegt, dass eine Geisteshaltung in der Türkei an der Macht ist, die schlichtweg jeden, der sich gegen die Herrschenden positioniert, kriminalisiert.

Wer unter diesen Gesichtspunkten Urlaub in der Türkei macht, geschäftliche Beziehungen zu türkischen Unternehmen aufnimmt oder gar in der Türkei investiert, muss wissen, dass diese Willkür auch ihn jederzeit treffen kann. Gegen Willkür gibt es keinen Rechtsschutz!

Parallel sollten wir diese Gelegenheit nutzen, um mit den Türken in Deutschland ins Gespräch zu kommen und um vor allem die Gemäßigten unter ihnen zu stärken. Denn das Ziel sollte lauten, die Zukunft in Deutschland mit ihnen zu gestalten.

Martin Schulz. Oder: Warum wir alle künftig schneller von gestern sind!?

Man reibt sich als politisch interessierter Bürger derzeit die Augen, schüttelt mit dem Kopf und versteht vieles nicht mehr. Es ist vor allem das Tempo der sich überstürzenden Ereignisse, die Berlin zur Hochburg der Narren in karnevalistischer Zeit macht.

Ich dachte immer, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen im Verhältnis von Politik und Bürgerschaft ein hohes, schützenwertes Gut seien. Richtig: Wir wissen schon seit Konrad Adenauer, dass das Geschwätz von gestern heute nicht mehr zu interessieren braucht.

Doch so klar wie Martin Schulz vor einigen Wochen noch kategorisch ausschloss, je in ein Kabinett unter Bundeskanzlerin Angela Merkel einzutreten, so dreist war der kommentarlose und wie selbstverständlich und normal vorgetragene Wunsch, jetzt Außenminister zu werden. (Mindestens ebenso hanebüchen ist die Weitergabe des Parteivorsitzes in einem Hinterzimmer an Andrea Nahles.) Ob dabei innerparteilich noch Wortbrüche als Kollateralschaden zu sehen sind, kann ich nicht beurteilen. Nur: So schnell, wie Martin Schulz aber glaubte, Außenminister werden zu können, so schnell war es dann auch wieder vorbei. Und heute fragt man sich: Wer ist Martin Schulz? Und das alles innerhalb von acht Tagen!

Was passiert hier?

Erinnern wir uns: Martin Schulz war zuletzt fünf Jahre Präsident des Europäischen Parlaments. Das hat noch keiner vor ihm geschafft. Er hingegen hat es geschafft, dass dieses Parlament auch medial sehr häufig wahrgenommen worden ist. Er hat auch Klartext mit den Herren Orban aus Ungarn oder Erdogan aus der Türkei gesprochen. Doch dann verlor er das Amt (an einen unbekannten Mann aus Italien). Finanziell war er versorgt. Dennoch suchte er eine neue Aufgabe. Die SPD suchte gleichzeitig einen neuen Kanzlerkandidaten. Man wählte ihn einstimmig: 100 Prozent. Er startete ambitioniert, weckte große Erwartungen und wollte mit einem Thema punkten, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung nicht als ihr Thema angesehen haben: Gerechtigkeit.

Dass er an dem Abend der Bundestagswahl nach dem schlechtesten Ergebnis, dass die SPD je bei einer Bundestagswahl erzielt hat, den Gang in die Opposition angekündigt hat, war richtig und konsequent. (Übrigens: auch die CDU hat ihr schlechtestes Ergebnis eingefahren! Doch wer spricht darüber? Deren Parteichefin will Kanzlerin bleiben, hat aber keine Ahnung, was sie jetzt anders machen sollte!)

Nur: Wie attraktiv wirken diese ganzen politischen Wirrungen und Irrungen auf Menschen, die überlegen, sich nachhaltig politisch zu engagieren? Demokratie lebt vom Mitmachen. Doch wer will dabei noch mitmachen? Treten nicht gerade sehr viele Menschen der SPD bei, um Politik zu verhindern? Dabei brauchen wir Menschen in der Politik, die die Zukunft nicht länger als Verlängerung der Vergangenheit begreifen. Im Moment ist jedes zweite Mitglied von CDU und SPD älter als 60 Jahre. Ihr Blickwinkel soll Zukunft gestalten?

Ein Hindernis wird von uns selbst gemacht. Denn jeder, der heute Verantwortung übernimmt, sich positioniert und Entscheidungen trifft, setzt sich virtuellen Shitstorm-Attacken aus, die nicht nur hässlich, menschlich verwerflich, sondern auch überflüssig sind. Immer häufiger habe ich den Eindruck, dass es immer mehr Menschen nur darum geht, lustvoll andere scheitern zu sehen? Nur warum? Weil sie selbst mit sich nicht klar kommen? Weil das Tempo der Beschleunigung, insbesondere der kommunikativen Prozesse immer mehr Menschen überfordert? Weil die Komplexität der Herausforderungen keine einfachen Antworten mehr zulässt, sie aber gleichwohl ersehnt werden, damit man sich nicht verändern muss?

Nur: Wenn alle den Schulz (oder den Lindner) machen, wer gestaltet dann unser schönes Land, in das so viele Menschen einwandern wollen? Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Nur wir brauchen auch Menschen, die erklären, warum sie gestern etwas anders gesehen und bewertet haben, als sie es heute tun. Auch hier verändern sich Blickwinkel von gestern auf morgen sehr schnell. Fehler zu machen bleibt dabei menschlich. Warum hat Schulz nicht gesagt, dass seine damalige Aussage, nicht Minister im Kabinett Merkel werden zu wollen, ein dummer Fehler war, für den er sich nur entschuldigen könne? Wer frei von Fehlern ist, der werfe den ersten Stein. Doch wir sollten auch Menschen erlauben, Fehler zuzugestehen und Zeit zu geben, aus Fehlern zu lernen. Sonst haben wir bald niemanden mehr, der ein Amt übernimmt. Wen haben die Parteien denn als personelle Kanzleralternativen auf Parkposition? Die Personaldecke ist mittlerweile sehr, sehr dünn. Wer kann denn Kanzler/in?

Bei den Steinen, die zurzeit vor allem virtuell auf Menschen in der Politik geworfen werden, frage ich mich, warum die von Fehlern freien Menschen nicht aktiv werden, um es einfach besser zu machen? Oder aber wissen sie selbst ganz genau, dass auch sie selbst morgen schon jemand von gestern sein können? Oder aber sind wir alle wieder schneller im Gestern, weil wir die populistischen Alternativen unterschätzen? Vielleicht wirkt der Fall von Martin Schulz heilsam bei uns allen nach.

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