Unser tägliches Brot gib uns heute? – Wenn Bäcker nicht mehr da sind …

Eine kleine Meldung hat es in sich, da sie eine Entwicklung insbesondere im ländlichen Raum widerspiegelt, die sich schon länger demografisch bedingt ankündigte, die aber niemand wahr haben wollte und wie so oft, was in der Zukunft liegt, verdrängt wurde.

„Immer mehr kleine Bäckereien geben auf“, lautet die Meldung. 2017 gab es in Deutschland nur noch 11.347 Bäckereien, teilt der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks mit. Ein Jahr zuvor waren es noch drei Prozent mehr (11.698 Bäckereien). 351 Filialen haben also innerhalb eines Jahres geschlossen, weniger in urbanen Räumen, mehr in ländlichen Gebieten, kleineren Orten.
Grund: Die meisten Bäcker/innen finden keinen Nachfolger bzw. keine Nachfolgerin. Wer backt also künftig die Brötchen?

Dieses Bäckereisterben wird weitergehen,

  • weil immer mehr Bäckereiinhaber/innen in das Rentenalter kommen und keine/n Nachfolger/in finden,
  • weil immer weniger junge Menschen das Bäckerhandwerk erlernen oder/und sich selbständig machen wollen,
  • weil die Kundschaft im ländlichen Raum weniger wird (die Bevölkerungszahlen gehen zurück), älter wird (alleinstehende ältere Menschen essen deutlich weniger als zum Beispiel Familien) und die Konkurrenz zu großen Handelsketten mit eigenen Brotabteilungen preislich und wettbewerblich wirkt.

Doch dieses Phänomen betrifft nicht nur Bäcker, sondern praktisch alle Gewerke des Handwerks. Damit brechen auch Strukturen weg. Wer repariert im Haushalt von zwei 85jährigen Menschen im ländlichen Raum zum Beispiel den Rohrbruch, wer tapeziert, wer legt eine elektrische Leitung, wer tischlert?

Der demografische Wandel kündigte diese Phänomene bereits seit Jahr(zehnt)en an. Doch die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, tendiert(e) gegen Null. Jetzt erleben wir es, jammern – und handeln immer noch nicht.

Zuwanderung – auch aus dem Ausland – wäre eine Chance für den ländlichen Raum. Doch diese Chance wird weder gesehen noch gewollt. Eine Bäckereiinhaberin berichtete mir von dem Konflikt mit älteren (deutschen) Kundinnen, weil sie eine bekennende (deutsche) Muslima, die ein Kopftuch trägt, als Bäckereifachverkäuferin nicht ertragen wollten. Ein Bäckereiinhaber berichtete mir von seiner Suche nach Auszubildenden im europäischen Ausland. Das sei ihm gelungen, aber dann sei er nicht nur Lehrherr, sondern auch Vaterersatz.

Das Fachkräftezuwanderungsgesetz, dessen Eckpunkte nun vorliegen, ignoriert zwei wesentliche Punkte: Zum einen ist das Zuwanderungsrecht bisher im Polizei- und Ordnungsrecht verankert, wo „der Ausländer“ als potenzielle Gefahr gesehen wird, und zum zweiten kommen nicht nur Fachkräfte, sondern vor allem Menschen, die es in die lokalen Gemeinschaften vor Ort zu integrieren gilt. Frage: Welche Kommune kann auf ein strategisch angelegtes Konzept der Integration von Zuwandernden und eine damit verbundene Kultur verweisen? Wer wird gerne als Fachkraft kommen, wenn er juristisch als Gefahr betrachtet wird? Im Übrigen: Deutschland braucht Fachkräfte, Fachkräfte brauchen aber Deutschland nicht.

Und noch eine Herausforderung kommt auf uns zu: Diese Bäckereiinhaber/innen haben häufig ihren Betrieb als Altersvorsorge betrachtet. Doch wenn ihn niemand kauft und ihn niemand betreibt, fällt so manche/r selbständige Bäcker/in, der/die ein Leben hart gearbeitet hat, in die Grundsicherung.

Diese kleine Meldung, die – wenn überhaupt – als Randnotiz wahrgenommen wurde, hat es in sich. Und doch: Wo wird wie gehandelt, weil man begreift, was das bedeutet, wie dadurch die Welt, die wir kennen, nachhaltig verändert wird? Dieser Wandel ist kein Schicksal, das man über sich ergehen lassen muss, sondern eine neue soziale Realität, die gestaltet werden will.