Lehrermangel an Schulen war lange absehbar – doch niemand wollte es wissen

Der Mangel an pädagogischem Personal scheint sehr plötzlich und akut aufzutreten. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die betroffenen Akteure und die Medienberichte, die ich wahrnehme. Doch hätte zum Beispiel jede/r Schulleiter/in, jeder bildungspolitisch aktive Mensch (das sind ja meist auch Lehrer/innen) das, was nun als „bildungspolitische Katastrophe“ bezeichnet wird, schon lange wissen können. Auch die, die in Gewerkschaften und Verbänden Verantwortung tragen.

Denn wir wussten zum Beispiel durch umfassende Zahlenwerke des Bildungsforschers Klaus Klemm (im Juni 2009 veröffentlicht!), dass 2007/2008 bundesweit 788.738 Lehrer/innen an deutschen Schulen unterrichteten. Und wir wussten auch, wie alt sie damals waren. So konnte ausgerechnet werden, dass spätestens 2020/21 von ihnen nur noch 322.258 Lehrer/innen im Dienst sein würden (also 40,9 Prozent). Die anderen 59,1 Prozent würden altersbedingt in Pension sein (nach dem damaligen Pensionsrecht). Das ist simple Mathematik, die im Übrigen an Schulen gelehrt wird.

Die Kultusministerkonferenz hat wiederum mitgeteilt, dass bundesweit jährlich bis 2030 rund 32.000 neue Lehrer/innen eingestellt werden müssten. 2014 verließen zum Beispiel die Referendariate 28.145 Lehrer/innen. Das Durchschnittsalter der Lehrerschaft in Nordrhein-Westfalen betrug 2017/18 44,9 Jahre. 26 Prozent der Lehrer/innen waren sogar älter als 56 Jahre.

Das wissen wir alles – seit Jahren.

Und jetzt wird dieses Thema beklagt. Der Lehrermangel war absehbar, errechenbar, vorhersehbar. Wo waren die Lösungsvorschläge der beteiligten Akteure? Alle haben die Augen wohl zu gemacht. Und alle Parteien haben in den letzten zehn Jahren irgendwann mal regiert. Es den anderen in die Schuhe zu schieben, gelingt daher nicht (mehr).

Dann wird gesagt, dass die Anreize für ein Lehramtsstudium verbessert werden müssten. Es müsse dafür gesorgt werden, dass mehr Menschen Lehrer/in werden wollten. Nur scheinbar wissen diese Menschen auch nicht, was der seit Jahrzehnten öffentlich diskutierte demografische Wandel bedeutet?

Um das wieder auf den Punkt zu bringen: 1964 wurden 1.357.304 Kinder geboren. Sie gehen nach geltendem Rentenrecht 2031 in den Ruhestand. Dann wird der Geburtenjahrgang 2013 18 Jahre alt und könnte studieren. Das waren 682.069 Kinder. Mit anderen Worten: die Arbeitsplätze der 1964 Geborenen können nur zur Hälfte wieder besetzt werden, die andere Hälfte ist nicht mehr da!

Konsequenz: wir müssen die Organisation unserer Gesellschaft neu denken. Wir müssen Bildung neu denken. Wir sollten schleunigst alle Köpfe an einen Tisch bringen, um kreativ nach neuen Lösungen zu suchen. Die Hoffnung auf die Besetzung aller leeren Lehrerstellen durch qualifiziert ausgebildete Fachkräfte ist eine Illusion der Vergangenheit. Werden künftig Kinder in einem Raum betreut, wo die fachlich qualifizierte Lehrkraft digital zugeschaltet wird? Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit.

Sind Down-Kinder „unwertes“ Leben? Der Trisomie-Bluttest und seine Folgen.

2017 wurden 784.901 Kinder geboren. Und ich bin sicher, dass sich alle Eltern ein gesundes Kind wünschten, ein Kind, das fröhlich ist und ohne jegliche geistige oder/und körperliche Beeinträchtigungen groß wird. Statistisch wissen wir, dass ungefähr vier bis fünf Prozent der Geborenen mit einer Behinderung zur Welt kommen oder aber aufgrund von Komplikationen bei der Geburt mit verschiedenen Behinderungen leben lernen müssen.

Jedes 600. Kind, das geboren wird, ist ein sogenanntes Down-Kind, ein Kind, dass mit einer genetischen Besonderheit, der Trisomie 21, zur Welt kommt. Darunter leidet kein Kind, denn es ist keine Krankheit, es ist eine Beeinträchtigung, eine Abnormität, die ein Kind dann einfach hat. Das Kind wird dann leiden, wenn andere es zu einem Leidenden machen. Und das geschieht nach wie vor. Das Leben mit diesen Kindern ist auch relativ komplikationslos im Gegensatz zu den 113.000 Kindern und Jugendlichen, die zurzeit in Deutschland leben und rund um die Uhr gepflegt und betreut werden müssen. Hier lassen wir als Gesellschaft die Eltern meist sehr allein. Doch darunter sind keine Down-Kinder.

Fakt ist, dass 2015 exakt 3.879 Feten aufgrund einer medizinischen Indikation abgetrieben wurden. Bei der Mehrzahl von ihnen war den Expertenangaben zufolge ein Down-Syndrom diagnostiziert worden. 2010 lag diese Zahl noch bei 3.100. Nun soll sogar ein Bluttest, von Krankenkassen finanziert, dazu beitragen, dass werdende Mütter im Vorfeld erfahren, ob ein Down-Kind erwartet wird. Was ist das Ziel? Eltern sollen dann „besser“ entscheiden können, ob sie dieses Kind haben wollen.

Ist ein Down-Kind ein „unwertes“ Leben? Im Frühjahr 1939 sind die Nationalsozialisten angefangen, alle Menschen mit Behinderungen systematisch zu töten, weil sie sie als „unwertes Leben“ bezeichneten. Diese Bezeichnung half, den Tötungsakt normaler erscheinen zu lassen. Dies traf auf eine relativ große gesellschaftliche Zustimmung, denn sonst hätte dies in dieser Form nicht praktiziert werden können.

Heute sind wir weit von solchen Euthanasie-Programmen entfernt. Doch wäre eine von Krankenkassen finanzierte Regelleistung wie der „Trisomie-Bluttest“ nicht die Wiederbelebung des Gedankens, dass diese Kinder unwertes Leben seien, daher auch abgetrieben werden dürfen? Wen interessiert es in diesem Zusammenhang, dass auch der Bluttest nicht immer zu 100 Prozent richtig liegt, somit auch völlig normale Kinder abgetrieben werden? Und wer garantiert, dass wir nicht künftig über alle Behinderungen, Beeinträchtigungen, chronischen Erkrankungen so denken werden? Wer garantiert, dass wir beim „Trisomie-Bluttest“ stehen bleiben? Wer will Eltern dann verdenken, wenn sie ein Kind nicht haben wollen, dass irgendeine andere Behinderung nachweislich haben wird? (Jeder 500. Junge zum Beispiel wird mit dem Kinefelder Syndrom geboren.)

Und wie denken Down-Kinder, die heute leben und mitten unter uns sind, darüber, dass es sie vielleicht gar nicht geben würde, hätten ihre Mütter die Möglichkeit gehabt, auf Kosten der Krankenkassen einen Bluttest zu machen? Fragen wir Natalie Dedreux und Sebastian Urbanski.

Natalie Dedreux (19) erlangte öffentliche Aufmerksamkeit, als sie in der Fernsehsendung „Wahlarena“ vor der Bundestagswahl 2017 Angela Merkel zum Spätabreibungsgesetz befragte. Ihr Wortbeitrag bewegte und berührte Millionen Menschen: „Frau Merkel, Sie sind Politikerin, Sie machen Gesetze. (…) Neun von zehn Babys mit Down-Syndrom werden in Deutschland nicht geboren. Sie werden abgetrieben. Ein Baby mit Down-Syndrom darf bis wenige Tage vor der Geburt abgetrieben werden.“ Und dann folgte die Frage: „Wieso darf man Babys mit Down-Syndrom bis kurz vor der Geburt noch abtreiben? Ich finde es politisch nicht gut. (…) Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“

Merkel antwortete, dass viele Eltern große Ängste hätten, ein Kind mit einer Behinderung zur Welt zu bringen und dass es sehr schwer sei, in diesen Fragen Mehrheiten zu organisieren. Aber sie dankt Natalie Dedreux für ihre Frage und betont, dass man an ihr sehen könne, „was man mit Förderung, guter Betreuung und Bildung machen“ könne. Und wie fand Natalie Dedreux die Antwort der Kanzlerin? „Ganz gut“, sagt sie.

Ein anderes Beispiel ist Sebastian Urbanski, der anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Deutschen Bundestag 2017 konzentriert und langsam Texte vorlas, die an die Ermordung von behinderten Menschen durch die Nationalsozialisten erinnern. Urbanski, 40 Jahre alt, Schauspieler am Berliner Rambazamba-Theater hat das Down-Syndrom und ist wohl der erste Mensch mit einer geistigen Behinderung, der jemals im Bundestag gesprochen hat. Durch ihn erhalten die Schicksale der ermordeten Menschen mit Behinderungen noch einmal eine sehr bemerkenswerte Würde. Sein Buch „Ich wäre lieber Hamlet“ ist zudem lesenswert.

Urbanski und Dedreux belegen eindrucksvoll, welchen Wert sie in unsere gemeinsame Gesellschaft hineintragen (können). Beide engagieren sich gegen diesen Test. Warum? Sie sagen letztlich, dass sie es wert seien zu leben. Wer einen Test ermöglicht und als Regelleistung finanziert, um besser entscheiden zu können, ob man das Kind austragen will oder nicht, der vermittelt damit, dass dieses Leben „unwert“ ist.

Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Buch von Sandra Schulz: „Das Kind hat so viele Fehler.“ Sie schreibt darin, dass sie nicht „ungewollt schwanger mit 19“ ist. Nein, sie ist „endlich schwanger mit 39“. Und sie und ihr Mann freuen sich sehr auf ihr Kind, dass sie bald Marja nennt. Doch auch sie möchte sicher gehen, dass alles gut wird und lässt sich testen. Tja, und da ist das Ergebnis, das sie weder erwartete noch erhoffte: Marja wird ein Down-Kind. Bald gesellen sich Diagnosen wie Herzfehler und Wasserkopf hinzu. Sandra fühlt sich seitdem wie „ins All katapultiert. Herausgerissen, abgeschnitten.“ Das Umfeld ist keine wirkliche Hilfe, die Natürlichkeit mit der die Abtreibung zur Diskussion steht, erschreckt. Die werdende Mutter wirkt verzweifelt, weiß nicht, was sie tun soll: „Warum, zum Teufel, untersuchen wir unsere ungeborenen Babys immer genauer, wenn uns die Untersuchungsergebnisse nicht helfen, eine richtige, fundierte Entscheidung zu treffen?“ fragt sie wütend. „Wir schaffen Wissen, das nicht schlauer macht“, lautet ihr Fazit. Und doch schafft Marja, obwohl sie noch nicht einmal geboren ist, „Begegnungen von großer Tiefe“. Dabei sucht die werdende Mutter nicht nur einen Lebensentwurf für ihre Tochter, sondern auch für sich. Denn: „Die einzigen, die mit Marjas Behinderung normal umgehen, sind die Menschen im Behindertenverband.“ Sandra Schulz berichtet von Gefühlen, von der Achterbahn der Gefühle, von Begegnungen und Beratungen, von nicht genutzten Abtreibungsterminen und von ihrer Beziehung zu ihrem Mann. Es ist ein Buch, das nachdenklich stimmt und Mut macht, das Wissen schafft. Schließlich wird Marja geboren, ein Kind mit Fehlern, aber ein „großartiges Kind“.

Es gibt kein “unwertes” Leben! Freuen wir uns über jedes Kind. Wer weiß, was der medizinische Fortschritt morgen ermöglichen wird? Geben wir dem Leben eine Chance, nicht dem Bluttest.

Weltfrauentag war gestern – Geschlechtergleichstellungstag ist heute!

Wir sind uns sicher alle einig, dass die Gleichstellung aller Geschlechter immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, obwohl dies in unserem Grundgesetz seit 1949 rechtlich verbrieft und verankert ist. Aber den Weltfrauentag 2019 zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen, halte ich für bescheuert, für gestrig und überflüssig. Warum? Seit dem 1. Januar 2019 gibt es in Deutschland ganz offiziell drei Geschlechter: männlich, weiblich und divers. Mit welchem Grund sollen die Frauen hier herausgehoben werden. Sie stellen die Hälfte der Mitglieder der Bundesregierung.

Wenn Jungs ihre Väter fragen, ob auch Männer Bundeskanzler werden dürfen, dann gibt das doch zu denken. Wenn es in der Generation der Menschen über 80 Jahre deutlich mehr Frauen gibt, die arm sind, von Grundsicherung leben und auch einsam sind, dann ist das eine bedrückende Facette der Geschlechterwirklichkeit. Wenn Frauen nach wie vor in vielen Berufen (längst nicht in allen!) weniger verdienen als Männer, so bitte ich um die Begründung. Warum eigentlich? Und warum spielt das in den Tarifverhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden eigentlich keine Bedeutung? Das könnte sofort geändert werden! Eine weitere Facette der Geschlechterwirklichkeit.

Wenn in der Kinder- und Jugendgeneration aber der Junge der Verlierer, weil der Benachteiligte ist, so stellt auch das eine weitere Facette der Geschlechterwirklichkeit dar, die die aktiven Feministinnen und die selbstgerechten Maskulinisten gern übersehen. Dabei sind schon seit Jahren rund 64 Prozent der Förderschüler Jungs. Warum eigentlich? Interessiert das wirklich niemanden?

Wenn Frauen keine Partner finden, weil Frauen eben ungern dumme Männer heiraten, wenn die Elite der Zukunft in nahezu allen Berufen weiblich ist (und damit auch die reelle Chance auf die Führungspositionen), wenn in ostdeutschen ländlichen Gebieten deutlich mehr junge Männer als junge Frauen leben, dann belegen diese Entwicklungen zumindest, dass die Geschlechterdebatte nicht mehr auf die arme, geschundene, benachteiligte Frau allein zu reduzieren ist. Sie ist komplexer und vor allem vielfältiger.

Und wie kommen sich die Menschen vor, die jetzt als ‚divers‘ zu betrachten sind? Nicht die Politik hat im Übrigen dafür gesorgt, dass den Menschen, die in ihrer Geschlechtsidentifikation irritiert sind, endlich anerkannt werden, sondern das Bundesverfassungsgericht. Und das wiederum hat nur geurteilt, weil Menschen, die betroffen sind, gegen jahrelange Diffamierungen, Diskriminierungen, Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen geklagt haben. Jeder 500. Junge zum Beispiel soll das Kinefelder Syndrom haben, eine geschlechtliche Abnormität. Nie gehört? Eben. Erfolgreich tabuisiert.

Wenn es daher eines besonderen Tages bräuchte, dann den „Weltdiverstag“. Hört sich nur blöd an. Dem steht nur eins im Wege: die selbstgerechte Art gut organisierter Frauen, die ihr Selbstmitleid, dass sie im Leben so unterdrückt werden, noch immer wie eine Monstranz vor sich hertragen (dabei hat sich in der Frauenfrage in den letzten Jahr(zehnt)en unglaublich viel getan), sowie die testosterongeschwängerte Belächelung der ganzen Gender-Debatte, insbesondere der Alt-Herren-Riegen in allen Alt-Parteien, insbesondere auch der AFD. All dies zusammen führte zum neuen Feiertag in Berlin anlässlich des Weltfrauentages.

Mein Herz schlägt für einen „Geschlechtergleichstellungstag“. Der kann dann auch gern ein Feiertag sein. Konsequent männlich, weiblich, divers (m/w/d). Das wäre moderne, nach vorn gewandte Geschlechterpolitik. Gern auch mit Quoten für das jeweilig unterrepräsentierte Geschlecht, zum Beispiel im Medizinstudium oder im Lehramt für Männer bzw. für divers-geschlechtliche Menschen. Der Weltfrauentag ist das Beweihräuchern der Debatten und Kämpfe von gestern. Die Lebensrealitäten sind heute weiter, viel weiter: m / w / d.