Kategorie-Archiv: Arbeit

Rente mit 69 oder: Mathematik lässt sich nicht abwählen

Die Diskussion um das Renteneintrittsalter (63, 65, 67 oder gar 69) nimmt dank der Deutschen Bundesbank wieder Fahrt auf. Und wundern sollte es niemanden, denn diese Diskussion ist unausweichlich.

Die Fakten sind klar: das Renteneintrittsalter von 65 Jahren ist 1913 in das Reichsversicherungsgesetz geschrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Menschen weder sehr alt noch lebten sie lange von der Rente. Heute hingegen

• leben wir immer länger – auch gesünder länger.
• zählen wir schon mehr Rentner als Menschen unter 20 Jahren und in den nächsten Jahrzehnten wird dieser Unterschied noch deutlich anwachsen.
• beziehen die Menschen ihre Rente immer länger, im Durchschnitt zurzeit rund 20 Jahre,.
• stehen in den nächsten Jahrzehnten immer weniger Menschen als erwerbsfähige Menschen zur Verfügung und zahlen in die Sozialversicherungssysteme ein.
• zahlt der Steuerzahler die Rekordsumme von 85 Milliarden Euro jährlich in die Rentenkasse als Zuschuss, damit das System überhaupt funktioniert.

Die Frage, wie dieses Rentensystem, das als Generationenvertrag konzipiert ist und im Grunde schon seit Jahr(zehnt)en nicht mehr als solches funktioniert, zukunftsfähig gehalten werden kann, kennt theoretisch vier Lösungen:

• den Beitrag erhöhen (er liegt zurzeit bei 18,7 Prozent),
• die Lebensarbeitszeit erhöhen (wir erleben gerade die Ausweitung auf 67 Jahre, wobei besonders gut situierte Menschen zulasten unserer Enkelkinder gerade noch einmal bevorzugt wurden durch die Rente mit 63)
• das Rentenniveau sinkt, also der Betrag, der nachher als Rente tatsächlich gezahlt wird (das ist die bisherige Politik, da sie sich am besten verstecken ließ und erst später bemerkt wird)
• eine Kombination der ersten drei Lösungsmöglichkeiten.

Viele Menschen sagen, dass schon heute die 60- oder 65-Jährigen nicht mehr arbeiten könnten, wie soll das erst mit 67 oder gar 69 Jahren gehen. Diese Argumentation geht von folgenden Irrtümern aus:

• Niemand wird in dem Beruf bleiben, in dem er seine berufliche Laufbahn begann. Die Währung der Zukunft heißt Talent nicht Ausbildungszeugnis.
• Niemand wird künftig ohne alternsgerechte Arbeitsbedingungen seiner Arbeit nachgehen.
• Niemand wird auch im höheren Alter 40 Stunden kloppen müssen.
• Niemand sollte einen 65-Jährigen von heute mit einem 65-Jährigen 2030 oder gar 2060 vergleichen. Da liegen Welten dazwischen, so wie ein 65-Jähriger von heute auch nicht mit einem 65-Jährigen von 1960 verglichen werden kann.

In einer Diskussionsrunde mit der Bundeskanzlerin habe ich ihr 2012 in Mannheim gesagt, dass ich 1961 bei meiner Geburt eine statistische Lebenserwartung von 75 Jahren hatte, heute hätte ich hingegen eine statistische Lebenserwartung von 83 Lebensjahren. Von den acht gewonnenen Lebensjahren darf ich zwei länger arbeiten. Wo liege das Problem? Die politische Antwort der gegenwärtigen Bundesregierung war die Rente mit 63. Doch: Mathematik lässt sich nicht abwählen. Fakten bleiben Fakten. Die Rente mit 69 kommt – wenn auch erst 2060. Oder wie wollen Sie das Problem lösen? Den Kopf in den Sand stecken?

2016: Stellenboom in Deutschland – Doch wo sind die Menschen?

Der Paradigmenwechsel wird 2016 endgültig spürbar: Die Währung der Zukunft sind nicht mehr Arbeitsplätze (und Stellen), sondern Fachkräfte. Damit verbunden bestimmt künftig weniger der Arbeitgebende, wen er als Arbeitnehmenden auswählt, sondern der Arbeitnehmende, wen er sich als Arbeitgebenden auswählt. Doch der Reihe nach.

Der Bundesinnenminister sucht 4.000 Menschen für die Bundespolizei und den Bundesgrenzschutz. Die Bundesagentur für Arbeit will 3.600 zusätzliche Stellen besetzen, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (seit Mai 2015!) ca. 2.500. Jedes Bundesland sucht händeringend Lehrer/innen, in NRW sollen 2016 rund 2.200 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Von 2016 bis 2018 werden rund 660 Millionen Euro für zusätzliche Pflegekräfte in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen. Ach ja: auch die Bundeswehr sucht Leute. Gerichtsvollzieher haben Nachwuchsprobleme und sehr, sehr viele Handwerker suchen Nachfolger für ihre Betriebe. Diese Liste kann beliebig ergänzt werden.

Die Politik und viele Personalverantwortliche in den Unternehmen glauben noch immer, sie müssten nur Stellen schaffen, dann füllten sie sich schon automatisch mit qualifizierten (!) Menschen. Nur: Noch nie so viele Menschen waren (sozialversicherungspflichtig) beschäftigt wie in 2015, schon lange nicht mehr waren so wenige Menschen arbeitslos.  Woher sollen also die Menschen kommen, um die Stellen zu besetzen?

Wer heute bemängelt, dass der Nachwuchs fehle, dem sei gesagt: Das wissen wir seit über 16 Jahren, denn so lange ist klar, dass der Nachwuchs, den wir heute brauchen, gar nicht mehr geboren ist. Oder anders ausgedrückt: so lange haben die Verantwortlichen geschlafen und sich geweigert, zukunftsorientiert zu denken. (Und diese Politiker zum Beispiel sind gewählt worden von Menschen, die ebenfalls satt und zufrieden keine Veränderung wollen!) Und zur Erinnerung: die Geburtenzahlen haben sich seit 1964 nahezu halbiert! Das wird sich also nicht mehr kurzfristig ändern!

Woher sollen also die Menschen kommen, die diese Stellen besetzen sollen? Eigentlich müssten wir alle länger arbeiten, doch die Bundesregierung hat gerade mit der ‘Rente mit 63’ die völlig falschen Weichen gestellt! Also Rettung aus dem Ausland?

Wer heute (noch immer!) behauptet, die aus dem Ausland zuwandernden Menschen, wandern in die deutschen Sozialkassen ein, dem sei gesagt: Von 2010 bis 2014 wanderten 1.755.024 Menschen aus dem Ausland mehr nach Deutschland ein als aus. Darunter sind keine Flüchtlinge bzw. Asylbewerber! Gleichzeitig sank die Zahl der Hartz-IV-/Sozialhilfebezieher um 615.304 und die Zahl der Arbeitslosen um 340.577. Eine Zuwanderung in die Sozialkassen ist also schlichtweg nicht gegeben. Wer etwas Anderes behauptet, der beherrscht entweder nicht die Mathematik oder lügt. Anders ausgedrückt: Wären die 1,75 Millionen Menschen (drei Viertel aus EU-Staaten, der größte Teil aus Polen) nicht zugewandert, der Fachkräftemangel wäre noch extremer spürbar, zum Beispiel in der Gastronomie.

Wer auf die eine Million Flüchtlinge hofft, die 2015 den Weg nach Deutschland gefunden haben, dem sei gesagt, dass diese Hoffnung dann zukunftsträchtig wird, wenn 2016 gewaltige Integrationsleistungen gestemmt werden. Doch welche Stadt bzw. Gemeinde, welcher Kreis, welches Bundesland verfügt hier über Konzepte! (Kommunale) Integrationspolitik gehörte nicht zu den prioritären Handlungsfeldern unserer politischen Parteien, das Personal in den Ausländerämtern nicht zur Visitenkarte einer Stadt.

Diese Situation ist im Übrigen auch eine Chance: für Jugendliche ohne Schulabschluss, für junge Erwachsene ohne Berufsabschluss, für Menschen mit Behinderungen oder für Langzeitarbeitslose.

Der Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, steht an, der Umbau unserer Gesellschaft auf dem Programm: Immer weniger Menschen werden arbeiten (können) und immer mehr Menschen müssen von diesen weniger werdenden Menschen mitfinanziert werden (weil sie Kind und Jugendlicher sind, weil sie Rentner sind oder weil sie zum Beispiel krank sind). Dafür haben wir keine Konzepte, weil wir immer noch hartnäckig glauben wollen, dass die Zukunft die Verlängerung der Vergangenheit ist.

2016 könnte dann ein gutes Jahr werden, wenn wir begreifen, dass die Zukunft nicht als “Weiter so!” zu gestalten ist. Und wenn wir begreifen, dass Veränderung bei jedem selbst anfängt und jeder Einzelne seine Veränderung nicht mehr ausschließt!

Die künftige Währung heißt Fachkräfte, nicht mehr Arbeitsplätze

Wenn sich politisch aktive Menschen zum Beispiel im Wahlkampf damit brüsten, sie hätten Arbeitsplätze geschaffen, so wird das bald weniger Bedeutung haben, denn in Zukunft wird es verstärkt darauf ankommen, die kommunalen / regionalen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen (= Talente) und damit Fachkräfte in die jeweilige Kommune / Region ziehen und hier bleiben.

In früheren Zeiten waren Bodenschätze, zum Beispiel Kohle, dafür verantwortlich, dass sich Unternehmen ansiedelten, die Arbeitsplätze schufen und damit Menschen anzogen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die verkehrliche Erreichbarkeit durch Wasser, Schiene und vor allem Straßen bedeutender. Das Bild wurde zum Beispiel von IKEA-Märkten an Autobahnkreuzen geprägt. Heute entscheiden Unternehmen bei der Standortwahl zunehmend danach, wo die Rekrutierung (Gewinnung, Bindung und Entwicklung) von Fachkräften gelingen kann.

Dass dies so kommt, ist zum einen belegbar durch die demografischen Daten, aber zurzeit auch erlebbar. Die Lokomotivführer streiken, die Erzieher/innen streiken, die Mitarbeiter bei der Post streiken. Wir  erleben, dass sich der Markt ändert. Wir rutschen von einem Arbeitgebermarkt in einen Arbeitnehmermarkt. Nicht mehr der Arbeitgeber entscheidet, welcher Mensch einen der wenigen begehrten Arbeitsplätze erhält, sondern der Arbeitnehmer (= die Fachkraft) entscheidet, welchen Arbeitsplatz er antritt. Das haben die meisten Menschen noch immer nicht begriffen. Für sie gilt: Weiter so wie immer!

Dabei gehören sowohl Lokomotivführer wie auch Erzieher/innen längst zu den Berufen, wo die Nachfrage nach Fachkräften größer ist und weiter größer werden wird, als das Angebot ist bzw. künftig sein wird. Das macht deren Arbeit so wichtig – mit Ausstrahlung auf ganz Deutschland. Denn nicht nur die Lokomotivführer können Deutschland lahm legen, auch die Erzieher/innen. Ähnlich wird es bald mit den Altenpflegern/innen sein.

Demografisch betrachtet hängt das einerseits damit zusammen, dass 2013 nur noch halb so viele Kinder wie 1964 geboren wurden, hängt das andererseits damit zusammen, dass spätestens 2060 100 Menschen von 20 bis 67 Jahren genau 100 Menschen im Alter von 0 bis 19 Jahren bzw. über 68 Jahren finanzieren werden. Wer macht dann die Arbeit? Wie organisieren wir unser Land? Wie finanzieren wir unseren sozialen Wohlstand?

Die Zuwanderung ist eine Option: Von 2010 bis 2013 wanderten netto rund 1,2 Mio. Menschen aus dem Ausland zu. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Hartz-IV-Empfänger/innen um rund 580.000 und die Zahl der Arbeitslosen um rund 290.000 Menschen. Der Arbeitsmarkt nahm also rund 2,1 Mio. Menschen auf. Ohne die Zuwanderung wäre der demografische Wandel noch spürbarer und der “Währungswechsel” noch klarer.

Wir müssen unser Denken verändern, aber auch die Kultur des gegenseitigen Umgangs am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft.