Griechenland – eine unendliche Geschichte ohne Rettung

Die Finanzminister der 18 europäischen Länder, in denen der EURO die gemeinsame Währung ist, haben beschlossen, die Verhandlungen über ein drittes Rettungspaket für Griechenland mit einem Volumen von rund 86 Milliarden Euro über drei Jahre aufzunehmen. Kurzfristig soll ein Weg gefunden werden, dem maroden, aus eigener Kraft nicht überlebensfähigen Staat zu helfen, den Staatsbankrott zu vermeiden.

Als Voraussetzung dafür hat am 15. Juli 2015 das griechische Parlament ein Maßnahmenbündel beschlossen, dass jene Sparmaßnahmen vorsieht, die zehn Tage zuvor mehr als 60 Prozent der Bevölkerung in einem Referendum ablehnten. Jeder muss sich fragen, was eigentlich Demokratie, die Herrschaft des Volkes, noch wert ist. Und welches Bild Regierungen und die Europäische Union nachhaltig abgeben.

Fakt ist, dass Griechenland in den letzten Jahren mehr Schulden angehäuft hat als je zuvor. Fakt ist, dass die bisherigen Maßnahmen schon nicht gewirkt haben. Stellen wir uns vor, es würden nun jedes Jahr zehn Milliarden Euro Schulden abbezahlt. Dann wäre das Land nach 32 Jahren schuldenfrei – und ein Neuanfang soll auch noch gemeistert werden. Doch gibt es jetzt auch nur irgendeine Idee, eine Strategie, wie Griechenland das schaffen soll?

Die jungen qualifizierten Menschen, die das schaffen könnten, sind zu einem Teil schon ausgewandert, sind zu 25 Prozent arbeitslos und werden auch in naher Zukunft ihre Zukunftsperspektive außerhalb des Landes suchen. Ein großer Teil der Menschen ist verrentet und will nun das Leben mit der Rente genießen. Wer meistert diese Herausforderung denn eigentlich? Private Initiativen haben es schwer und ersticken in der Bürokratie. Griechenland verfügt gar nicht über die demografische Rendite, diese Herausforderung zu meistern.

Zudem haben die letzten Jahre belegt, dass Griechenland kaum eine Reform wirksam umsetzen konnte. Grund: eine völlig inkompetente Verwaltung, die mit Menschen besetzt worden ist, die das jeweilige Parteibuch hatten, aber ohne Fachkompetenz glänzten. Wird Griechenland künftig ein Land sein, in dem es moralischer ist , Steuern zu zahlen als sie zu hinterziehen? Schließlich sind circa 70 Milliarden Euro Steuern nicht gezahlt und auch nicht vom Staat eingetrieben worden!!! Wird Griechenland künftig in der Lage sein, seine Steuern einzutreiben? Werden insbesondere die Reichen, die praktisch keine Steuern zahlen, künftig zur Kasse gebeten?

Die deutschen Touristen könnten helfen und zum Beispiel bei jedem Restaurantbesuch eine Rechnung, auf der die Mehrwertsteuer ausgedruckt ist, verlangen. Doch werden die Gastronomen das überhaupt können oder wollen? Auch die unsägliche Korruption ist nicht annähernd beseitigt worden. Im Krankenhaus soll es zum Beispiel nahezu selbstverständlich sein, den Ärzten und Pflegern etwas zukommen zu lassen! Wird das nun alles anders?

Werden die Rentner und das Heer der Frührentner aus eigener Kraft vom Staat bezahlt werden können? Wird die Mentalität, mit 60 in den Ruhestand zu treten, morgen in eine Mentalität umschlagen, wonach es gut ist, möglichst lange zu arbeiten (Rente mit 67)? Werden die Menschen, die gewohnt sind, dass der Staat für sie sorgt, morgen für sich selbst sorgen können (oder gar wollen)?

Griechenland lebte in den letzten Jahren praktisch nur von Schulden und Zuwendungen aus dem Ausland. Das ändert sich in den  nächsten drei Jahre nicht. Also wozu dieses Hilfspaket? Wen rettet Europa? Die Griechen? Kaum. Die werden in wenigen Jahren wieder da stehen, wo sie heute stehen und wo sie schon vor einigen Jahren standen.

Die Menschen in Griechenland (nicht alle, aber doch ein sehr großer Teil) werden lernen müssen, dass sie sich ändern müssen, nicht der Rest von Europa. Dies haben wir nun versäumt, klar zu machen. Wieder einmal. Oder aber wir müssen diese Mentalität akzeptieren, weil auch sie zu Europa gehört – und bezahlen?

Übrigens: Einen Einblick in die griechische Mentalität und den griechischen Krisenalltag bietet das jüngste Buch von Petros Markaris: Zurück auf Start. Der unterhaltsame Krimi mit dem schrulligen Kommissar hält den Spiegel vor!

 

Flüchtlinge – Jahrhundertchance oder “Dreck”?

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Gründe sind vielfältig: Umweltkatastrophen, Hunger, Bürgerkriege, wirtschaftliche Not.  Rund 75 Prozent der Flüchtenden verbleiben im eigenen Land bzw. in der jeweiligen Region. 25 Prozent der Flüchtlinge nehmen zum Teil  weite Wege und enorme Strapazen auf sich. Nicht selten verdienen skrupellose Menschen mit der Flucht viel Geld, nicht wenige der Fliehenden verlieren ihr Leben.

In den ersten fünf Monaten kamen allein rund 125.000 Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland. Doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Es sind zumeist junge Menschen, darunter auch Jugendliche, Minderjährige. Aber auch ganze Familien. Grundsätzlich kann gesagt werden: Niemand verlässt gern seine Heimat, vor allen Dingen nicht Minderjährige oder Familien. Nicht wenige sind traumatisiert, wenn sie irgendwo ankommen. Das einzige, was sie treibt: die Hoffnung auf ein “normales” Leben: arbeiten, wohnen, Familie gründen, lachen, leben.

Dass die Flüchtlinge die Deutschen beschäftigen, belegen Umfragen. Allensbach hat ausgemacht, dass 65 Prozent sich in der Woche vor der Befragung über das Wetter unterhalten haben (Top-Thema!), 62 Prozent aber auch über die Flüchtlingssituation sprachen. Das ist mithin das zweitwichtigste Gesprächsthema. Doch welcher Tenor steht dabei im Vordergrund? Flüchtlinge als Chance für Deutschland?

In Deutschland, wie auch in vielen anderen Teilen Europas, treffen sie auf eine relativ alte Bevölkerung. Im Vergleich: In Deutschland ist zurzeit jeder zweite Bürger älter oder jünger als 45 Jahre (Medianalter). In nicht wenigen Ländern Afrikas liegt das Medianalter bei 15 Jahren! Die Frage lautet in 20 Jahren bei uns, insbesondere im länglichen Raum: Wer schiebt den Rollstuhl? Wer repariert den Wasserrohrbruch? Wer bringt die Lebensmittel? Wer fährt Taxi oder Bus? Wer bringt die Post? In Deutschland fehlen junge Menschen überall. Wir spüren es längst am Ausbildungsmarkt, sind aber immer noch erstaunt, wenn es heißt, dass Stellen nicht besetzt werden können.

Wer es nüchtern betrachtet, muss erkennen: die jungen Menschen, die aus der ganzen Welt bei uns stranden, sind eine große Chance in einer älter werdenden Gesellschaft. Doch wir sehen diese Chance nicht. Im sächsischen Freital formieren sich Menschen, die Flüchtlinge vor laufenden Kameras als “Dreck” beschimpfen, den man dort nicht will. Dabei kann auch deren Blut Leben retten!

Wer die Chance ergreifen will, sollte diese Menschen willkommen heißen, sie dezentral unterbringen, ihnen freiwillige Paten zur Seite stellen, professionelle Sprachkurse anbieten, Berufs- und Ausbildungsabschlüsse schnellstens anerkennen. Das ist keine alleinige kommunale Aufgabe, sondern eine Aufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden. Jeder investierte Euro kann hier nachhaltig Zukunft gestalten. Die Rendite könnte gigantisch sein.  Doch wir müssen umdenken. Das wäre aktive Willkommenskultur auf dem Hintergrund des demografischen Wandels. Redet darüber.

Offener Brief an die Bundeskanzlerin: Guantanamo und Ihre lebenswerte Welt?

Sehr geehrte, liebe Frau Bundeskanzlerin,

vor gut einem Monat las ich in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)‘ einen Beitrag von Ihnen, der mit den Worten „Motor für eine lebenswerte Welt“ überschrieben war. Ihr Ziel war es, die Leser/innen auf den G-7-Gipfel in Elmau inhaltlich einzustimmen.

Darin las ich den Satz: „Die G7 verbindet mehr als Wohlstand und Wirtschaftskraft: Sie teilen die Werte Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.“

Zur gleichen Zeit las ich das Buch von Mohamedou Ould Slahi „Das Guantanamo Tagebuch“. In meinem 53 Jahre währenden Leben haben mich nur Bücher von Überlebenden der Konzentrationslager der Nazi-Diktatur ähnlich tief erschüttert.

Mein Ansehen der „Vereinigten Staaten“ ist nach der Lektüre dieses 452-seitigen Buches auf dem Tiefstand. Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Denn dort wird geschildert, wie ein unschuldiger Mensch in Guantanmo festgehalten, über Jahre gefoltert (!) und wie Dreck behandelt wird. Dort wird geschildert, wie Menschen sich im Recht fühlen, andere Menschen zu foltern und wie Dreck zu behandeln. Dort wird geschildert, dass ein Land sich im Recht fühlt, einzelne Menschen zu foltern und wie Dreck zu behandeln. Und ich spreche hier nicht von Nordkorea, sondern von den Vereinigten Staaten von Amerika!

Vor wenigen Tagen sah ich in einer Nachrichtensendung einen Menschen, der im sächsichen Freital Flüchtlinge als „Dreck“ bezeichnete, die er hier in Deutschland nicht haben wollte.

Sind diese beiden Wertübereinstimmungen das, was Sie in dem Artikel zum Ausdruck bringen wollten?

Frau Bundeskanzlerin: Ich sehe keine Werteübereinstimmung mit einem Land und einer Regierung, die solche Lager wie Guantanamo unterhalten, die Menschen unschuldig, ohne Gerichtsverhandlung festhalten, die foltern bzw. foltern lassen und jegliche Menschenrechte mit Füßen treten.

Wenn Sie meinen, dass es diese Werteübereinstimmung gibt, weil wir, aber auch andere Länder wie Großbritannien oder Japan, ähnliche Werte in ihrer Geschichte schon „gepflegt“ haben, dann bin ich wieder erschüttert.

Es ist aus meiner Sicht eine große Errungenschaft unserer „westlichen“ Welt, dass wir einen Rechtsstaat haben, dass wir unveräußerliche Menschenrechte definieren, dass wir diese Werte auch für Flüchtlinge gelten lassen. Wenn Sie das auch so sehen, dann bitte ich Sie nachdrücklich, sich dafür einzusetzen, dass Guantanamo geschlossen wird, dass die dort Inhaftierten einem Richter vorgeführt werden und dass die unschuldig Inhaftierten endlich frei gelassen werden.

Übrigens: ein amerikanisches Gericht hat verfügt, Mohamedou Ould Slahi freizulassen. Doch die amerikanische Regierung setzt das Urteil nicht um. Sind das die Werte, von denen Sie sprachen? Würden Sie auch lieber Bundeskanzlerin eines Landes sein, in dem man sich an Recht und Gesetz nicht halten muss?

Frau Bundeskanzlerin, ich gebe zu, dass der Zufall, dass ich dieses Buch kaufte und las, diesen Brief motiviert. Ansonsten hätte ich Ihre Ausführungen in dem FAZ-Artikel zustimmend zur Kenntnis genommen. Doch das geht nicht mehr!

 

Schützt die Meinungsfreiheit! Wo bleibt die Zivilcourage der Politik?

60 Bürger Israels, die ihre militärischen Erfahrungen in dem brutalen Krieg Israels 2014 mit Palästina nicht mehr schweigend ertragen wollen, zeigen ihren Mut in Form einer Ausstellung. Mut, weil sie Bilder gegen die offizielle Mehrheitsmeinung der israelischen Regierung zeichnen. Diese Ausstellung wird in Israel gezeigt und strittig diskutiert. In Köln sollte sie gezeigt werden und wird nun durch den Oberbürgermeister abgesagt – auf Wunsch der israelischen Botschaft in Berlin und auf Anraten der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Köln. Deren Argument, die Ausstellung sei einseitig, finde ich lächerlich. Fehlen der Gesellschaft 60 israelische Soldaten, die ihre Lust zu töten zum Ausdruck bringen? 18.000 Wohnungen in Palästina sollen beschädigt oder zerstört worden sein. Fehlt der Gesellschaft der Hinweis, dass auf israelischer Seite immerhin auch 20 Wohnungen beschädigt oder zerstört worden sind? Dass eine Regierung eines ausländischen Staates Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse eines anderen Staates zu nehmen versucht, ist nicht neu. Doch dass ein Oberbürgermeister einer großen deutschen Stadt dem so willfährig stattgibt, ist erschütternd. Ich dachte, ich lebe in einem Land, in dem ein Mensch frei, gleichwohl friedlich seine Meinung zum Ausdruck bringen darf. Jetzt erlebe ich, dass dies in diesem Fall nur geht, wenn es dem Staat Israel passt. Dies gilt es zu kritisieren und zwar heftig, deutlich, eindeutig und nachhaltig scharf.

Wäre ich Bürgermeister einer Stadt außerhalb Kölns, so würde ich diese Ausstellung jetzt in meine Stadt holen. Das wäre ein starkes Zeichen für Meinungsfreiheit, für Zivilcourage und für mutige Menschen, die sich auf ihre eigene Weise gegen Krieg und Unrecht wenden.

Nachtrag: 

Die Ausstellung findet nun doch statt – 2016. Es sei ein Fehler gewesen, diese Ausstellung in den Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland zu nehmen.

Wer wie ich Auschwitz besucht hat, und sich zutiefst als Deutscher geschämt hat, wer wie ich mit seinem Vater über das Warum des Holocaust heftigst gestritten hat und doch nur Sprachlosigkeit erntete, der weiß um das Wunder, dass es möglich war und ist, auf 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zurückblicken zu dürfen. Doch wer in einer Demokratie lebt und leben will, der sollte auch akzeptieren, dass es immer verschiedene Blickwinkel gibt, dieses „Wunder“ zu gedenken.

Für mich gehört eine solche Ausstellung (Breaking the silence) dazu. Sie zeigt die Qualität auf, die diese Beziehung hat, die einer kritisch konstruktiven Freundschaft. Die Absage (oder jetzt: zeitliche Verschiebung) der Ausstellung auf Anraten der israelischen Botschaft und der christlich-jüdischen Gesellschaft durch den Oberbürgermeister der Stadt Köln belegen eher Ängstlichkeit, Misstrauen und Pessimismus. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina, der diese Welt schon Jahrzehnte in Atem hält, wird nur gelöst werden, wenn wir diejenigen, die in der israelischen und palästinensischen Gesellschaft mutig den Scharfmachern die Stirn bieten, unterstützen. Auch wir sollten das Schweigen brechen – erst recht nach gelebten 50 Jahren Beziehungen.

Die künftige Währung heißt Fachkräfte, nicht mehr Arbeitsplätze

Wenn sich politisch aktive Menschen zum Beispiel im Wahlkampf damit brüsten, sie hätten Arbeitsplätze geschaffen, so wird das bald weniger Bedeutung haben, denn in Zukunft wird es verstärkt darauf ankommen, die kommunalen / regionalen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Menschen (= Talente) und damit Fachkräfte in die jeweilige Kommune / Region ziehen und hier bleiben.

In früheren Zeiten waren Bodenschätze, zum Beispiel Kohle, dafür verantwortlich, dass sich Unternehmen ansiedelten, die Arbeitsplätze schufen und damit Menschen anzogen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die verkehrliche Erreichbarkeit durch Wasser, Schiene und vor allem Straßen bedeutender. Das Bild wurde zum Beispiel von IKEA-Märkten an Autobahnkreuzen geprägt. Heute entscheiden Unternehmen bei der Standortwahl zunehmend danach, wo die Rekrutierung (Gewinnung, Bindung und Entwicklung) von Fachkräften gelingen kann.

Dass dies so kommt, ist zum einen belegbar durch die demografischen Daten, aber zurzeit auch erlebbar. Die Lokomotivführer streiken, die Erzieher/innen streiken, die Mitarbeiter bei der Post streiken. Wir  erleben, dass sich der Markt ändert. Wir rutschen von einem Arbeitgebermarkt in einen Arbeitnehmermarkt. Nicht mehr der Arbeitgeber entscheidet, welcher Mensch einen der wenigen begehrten Arbeitsplätze erhält, sondern der Arbeitnehmer (= die Fachkraft) entscheidet, welchen Arbeitsplatz er antritt. Das haben die meisten Menschen noch immer nicht begriffen. Für sie gilt: Weiter so wie immer!

Dabei gehören sowohl Lokomotivführer wie auch Erzieher/innen längst zu den Berufen, wo die Nachfrage nach Fachkräften größer ist und weiter größer werden wird, als das Angebot ist bzw. künftig sein wird. Das macht deren Arbeit so wichtig – mit Ausstrahlung auf ganz Deutschland. Denn nicht nur die Lokomotivführer können Deutschland lahm legen, auch die Erzieher/innen. Ähnlich wird es bald mit den Altenpflegern/innen sein.

Demografisch betrachtet hängt das einerseits damit zusammen, dass 2013 nur noch halb so viele Kinder wie 1964 geboren wurden, hängt das andererseits damit zusammen, dass spätestens 2060 100 Menschen von 20 bis 67 Jahren genau 100 Menschen im Alter von 0 bis 19 Jahren bzw. über 68 Jahren finanzieren werden. Wer macht dann die Arbeit? Wie organisieren wir unser Land? Wie finanzieren wir unseren sozialen Wohlstand?

Die Zuwanderung ist eine Option: Von 2010 bis 2013 wanderten netto rund 1,2 Mio. Menschen aus dem Ausland zu. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Hartz-IV-Empfänger/innen um rund 580.000 und die Zahl der Arbeitslosen um rund 290.000 Menschen. Der Arbeitsmarkt nahm also rund 2,1 Mio. Menschen auf. Ohne die Zuwanderung wäre der demografische Wandel noch spürbarer und der “Währungswechsel” noch klarer.

Wir müssen unser Denken verändern, aber auch die Kultur des gegenseitigen Umgangs am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft.

Anders zu sein darf kein Makel sein

In nahezu jeder Zeitung und auch in nahezu jeder Nachrichtensendung haben wir das Foto gesehen, das schier Undenkbares zeigt. Ein Mensch, zumal ein Polizist, erschießt einen anderen Menschen, der wehrlos ist, mit acht Schüssen in den Rücken, unterlässt dann jede Hilfeleistung und schändet dessen Ansehen auch im Tod, in dem er ihn als Verantwortlichen seines eigenen Todes darstellt.

Warum macht der 33jährige Polizist das? Glaubt er, ein Recht zu haben, einen anderen Menschen zu töten, insbesondere weil er schwarz ist? Sieht er sich als höherwertig an, wähnt er sich aufgrund eines gesellschaftlichen Umfeldes, das ihm das zugesteht, als unantastbar? Vermittelt ihm diese Macht über einen anderen Menschen ein berauschendes Glücksgefühl?

Doch ehrlich: Hier ist es der Weiße, der sich dem Schwarzen überlegen fühlt, woanders ein Islamist, der Andersgläubige als minderwertig ansieht, wieder woanders ein Soldat oder gedungener Söldner, der glaubt für sein Vaterland im Namen einer gerechten Sache töten zu dürfen, neulich in Frankfurt war es der linke Aktivist, der seine Wut gegenüber der kapitalistischen Welt mit skrupelloser, den Tod anderer in Kauf nehmender Gewalt auslebte,  und Ostern war es der rechte Nationalist, der sich berufen fühlte, ein Flüchtlingsheim in Brand zu stecken. Sie alle sehen sich im Recht, überhöhen ihr Handeln mit einer vermeintlich guten Sache, einer rassistisch, religiös oder ideologisch motivierten Überlegenheit, einem ultimativen Kick, der Bedeutung und Macht in den eigenen sinnentleerten Alltag spült.

Erschreckend zudem die kaltblütige Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben, insbesondere wenn es anders ist – wegen der Hautfarbe, der Religion, der Kleidung, der sexuellen Orientierung, der individuellen Fähigkeiten. Erschreckend, wie selbstverständlich dies im Alltag angekommen ist. Dabei sind sie alle schlichtweg kriminell.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Gesellschaftliche Vielfalt in einem globalen Dorf braucht einen gemeinsamen Wertekonsens. Der ist möglich. Den gilt es aber stetig neu gemeinsam zu erarbeiten und durch ein Klima der klaren Mehrheit gesellschaftlich zu stärken. Dies gelingt dann, wenn die gesellschaftliche Teilhabe aller von Anfang an möglich gemacht wird, wir niemanden ausgrenzen wegen seiner Behinderung, seiner Herkunft, seines sozialen Lebensstils, seines Alters, seines Geschlechts. Nichts anderes will der Gedanke der Inklusion. Das aber betrifft jeden und seine individuelle Haltung gegenüber Menschen, die anders sind, nicht nur den Polizisten in North Charleston.

Die Rentnerdemokratie wirft weitere Schatten voraus

Das Bundeskabinett beschloss, das Kindergeld für 2015 um vier Euro im Monat auf 188 Euro und 2016 um weitere zwei Euro auf dann 190 Euro anzuheben. Unabhängig davon, was man von dem Instrument Kindergeld hält, bleibt festzuhalten, dass diese Erhöhung den Familien mit Kindern etwa 1,5 Mrd. Euro jährlich zukommen lässt. Bis 2020 summiert sich das auf 7,5 Mrd. Euro.

Wir erinnern uns: das Rentenpaket 2014 umfasste mit den Bausteinen Mütterrente und Rente mit 63 ein jährliches Volumen von zehn Mrd. Euro, bis 2020 kommen auf diese Weise 60 Mrd. Euro zusammen, die den Rentnern/innen zusätzlich ins Portemonnaie fließen. Die Bundessozialministerin, Andrea Nahles, findet, dass die älteren Menschen das “verdient” haben. Demnach haben die Familien mit Kindern also nicht mehr verdient?

Wer sich jetzt vergegenwärtigt, dass bis 2030 die Zahl der Rentner/innen um etwa fünf Millionen Menschen ansteigen wird, während die Zahl der Kinder und Jugendlichen um etwa 600.000 sinken wird, der stellt fest: Rentner in Deutschland haben wir genug. Was fehlt, sind Kinder! Fazit: Eigentlich müssten wir alles daran setzen, Menschen zu motivieren, zu ermutigen und verlässlich zu unterstützen, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Doch das Gegenteil macht die Politik. Warum?

Wahlen werden von Menschen entschieden. Wer dann weiß, dass etwa 20 Millionen Wahlberechtigte über 65 Jahre alt sind und nur zehn Millionen Wahlberechtigte unter 30 Jahre alt sind und wer dann nüchtern kalkuliert, dass von den 20 Millionen etwa 80 Prozent zur Wahl gehen und von den zehn Millionen nur circa 60 Prozent, der weiß, welche Politik er/sie betreiben muss, um wiedergewählt zu werden. Das hat mit Zukunft eines Landes bzw. einer Gesellschaft wenig zu tun!

Wer dann noch weiß, dass die Hälfte der CDU- bzw. SPD-Mitglieder über 60 Jahre alt ist, der sieht, welche Themen mehrheitsfähig sind.

Doch die Frage muss erlaubt sein: Wer schiebt eigentlich in welchem Klima wessen Rollstuhl? Und darf jemand Nachsicht von jüngeren Generationen verlangen, auf die er zuvor nie Rücksicht genommen hat?

Zukunft heißt, ein neues Politikfeld zu begründen: Generationenpolitik. Es sind fünf Generationen in einem Jahrhundert, deren faires Miteinander über die Zukunft einer älter werdenden Gesellschaft entscheidet. Die derzeitige Bundesregierung legt hier die völlig falschen Grundlagen.

Wichtiger ist, was im Kopf ist, als was auf dem Kopf ist!

Die aktuelle Diskussion um Kopftuch tragende Lehrerinnen, ausgelöst von einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, reflektiert in der Tat Ängste vor dem Fremden und Unbekannten. Dabei müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich unser Land nachhaltig verändert hat und weiter verändert. Wer die Religionsfreiheit will, der muss auch wollen, dass grundsätzlich gleiches Recht für alle Religionen gilt. Der Staat ist hier neutral. Wer das nicht will, der soll sagen, welche Religionen in Deutschland warum nichts zu suchen haben und das Grundgesetz ändern.

Wer in Städten lebt, in denen viele Menschen leben, die gebürtig aus Russland kommen, wird feststellen, dass gerade ältere Frauen ein Kopftuch tragen. Ich selbst habe meine Oma, die als Bäuerin beruflich unterwegs war, mit Kopftuch in Erinnerung. Wer wie ich eine christliche Bekenntnisschule besuchte, der lebte mit Lehrern und Lehrerinnen, die mit ihrer Berufskleidung (Pater bzw. Nonne) Werte weitertrugen. Und wie werten wir das Kopftuch der britischen Queen am Rande der Pferdebahn in Ascot? Und wenn unsere Bundeskanzlerin beim Papst ist, wird auch ihr Haupt bedeckt sein!

Wenn ein Sikh aus religiösen Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, aber auch nicht nachvollziehen muss, sagt, dass er seine Haare nicht schneiden dürfe und aus diesem Grunde als Kopfbedeckung, einen Turban, trage, hätte er es zuvor – analog zum Kopftuch – auch in der Schule nicht tun dürfen. War das auch verboten?

Das Kopftuch wird aus meiner Sicht überhöht, weil damit gleich gestellt wird, dass die das Kopftuch tragenden Frauen unterdrückt werden. Ich habe in verschiedenen Städten junge Frauen kennengelernt, die sich sehr klug an öffentlichen Debatten beteiligten, ein Kopftuch trugen und nicht den Eindruck hinterließen, unterdrückt zu sein. Ich habe Frauen kennen gelernt, die mir gesagt haben, dass sie das Kopftuch ablegen könnten, wenn sie wollten, es für sie aber ungewohnt sei, da sie es als Tradition begreifen und verstehen. Dass es unterdrückte Frauen gibt, wird nicht zu bestreiten sein, doch das trifft auf Frauen mit und ohne Kopftuch zu.

Die Debatte wird aber auch überhöht, weil manche islam-orientierten Verbände und Organisationen die muslimische (und vielleicht auch männliche) Identität gefährdet sehen. Ein strukturierter Dialog auf kommunaler Ebene könnte dazu beitragen, auch hier Ängste zu nehmen und religiöse Wertschätzung zu vermitteln. Die Kopftuchdebatte ist letztendlich das, was wir darin sehen (wollen).

Für mich sind zwei Fragen wesentlich: Trägt der Mensch das Kopftuch – ob aus religiöser Motivation oder auch nicht – freiwillig oder gezwungen? Wie gelingt es unserer Gesellschaft, zum Beispiel den Wert der Gleichberechtigung der Geschlechter mit den Kleidungsvorschriften von Religionen in Einklang zu bringen? Hierüber sollten wir – mit Blick in eine gemeinsame Zukunft – gesellschaftlich streiten.

Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, schreibt in seinem Buch “Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion”, dass es im Koran keine Vorschrift gebe, die das Kopftuch explizit benenne. Gleichwohl argumentiert er aus dem historischen Kontext heraus, warum sich eine solche Kleidungstradition entwickelt hat. Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, erzählt in seinem Buch “Grau ist bunt” von seiner Oma, die vor fast 100 Jahren mit 28 Jahren zum zweiten Mal Witwe geworden sei. Seitdem sei sie nur in schwarzer (Trauer-) Kleidung und mit Dutt herumgelaufen. Das wäre heute undenkbar, auch bei einem solchen Schicksalsschlag.

Gott sei es gedankt: Kleidervorschriften bzw. zeitabhängige Kleidungsvorstellungen können sich ändern. Und die Einstellung dazu auch.  Denn wichtiger als das, was jemand auf dem Kopf hat, bleibt für uns alle das, was im Kopf des Menschen steckt.

Frauenquote ist überflüssig – die Elite der Zukunft ist eh’ weiblich

Ab dem 1. Januar 2016 müssen Aufsichtsratspositionen von börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen zu 30 Prozent mit Frauen besetzt werden. Etwa 100 Unternehmen sind davon betroffen. Weitere rund 3.500 größere Unternehmen müssen sich verbindliche Ziele setzen, den Frauenanteil in Aufsichtsräten, Vorständen und weiteren Führungspositionen zu erhöhen. Ähnliches gilt für den öffentlichen Dienst.  Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ordnet dies Gesetz gleich historisch ein. Es sei der “größte Beitrag zur Gleichberechtigung seit der Einführung des Frauenwahlrechts” von 1918.

Doch wer einen nüchternen Blick an die Schulen und Universitäten sowie auf die demografische Entwicklung in Deutschland wirft, der wird ohnehin feststellen: Die Elite der Zukunft ist weiblich. Eine Quote ist hier überflüssig. Das heißt: Wir werden wahrscheinlich künftig über Quoten für Männer streiten. Warum?

Die Mehrheit derjenigen, die heute eine allgemeine Hochschulberechtigung (= Abitur) erhalten, sind Mädchen (56 %; Schuljahr 2011/12). Die Mehrheit derjenigen, die Förderschulen besuchen, sind Jungen (63 %). Die Mehrheit derjenigen, die keinen Schulabschluss erreichen, sind ebenfalls Jungen (61 %). Die Frauen stellen, mit Ausnahme in den MINT-Studiengängen und im Maschinenbau, die Mehrheit in allen Studiengängen. Beispiele: Tiermedizin studieren zu 86 % Frauen, Humanmedizin zu 65 %. Was heißt das zum Beispiel für die Landwirtschaft, wenn diese Tierärztinnen eine Kleintierpraxis in der Stadt anstreben? Ein Kalb im Mutterleib einer Kuh kurz vor der Geburt umzudrehen, wird kaum eine Frau schaffen. Und für Männer ist halt  die Urologin die Zukunft. Doch was ist, wenn sie auf dem Hintergrund der älter werdenden Gesellschaft gerade ihre Elternzeit nimmt?

Fazit: Die Elite der Zukunft wird weiblich sein. Diese Elite von den Führungspositionen in Unternehmen und Behörden, Verbänden und Institutionen fern zu halten, wird nicht gelingen, denn dafür sorgt der demografische Wandel.

Laut Bundesagentur für Arbeit standen 2010 rund 44,6 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter grundsätzlich zur Verfügung. Laut Statistischem Bundesamt lebten zu der Zeit rund 53,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren in Deutschland. Wenn man davon Schüler/innen, Student/innen, Menschen in Familienphasen, Menschen mit Behinderungen etc. abzieht, so bleibt ein Erwerbspersonenpotenzial von 44,6 Millionen Menschen übrig. Diese Zahl – so die Bundesagentur für Arbeit – wird bis 2025 um 6,5 Millionen Menschen sinken. Für 2050 gelten von den prognostizierten 38,5 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahre noch 27 Millionen Menschen als potenziell Erwerbsfähige. Doch hier bleibt abzuwarten, wie sich die Zuwanderungsdiskussion und -ströme in den nächsten Jahren weiter entwickeln.

Um die Lücke von 6,5 Millionen Menschen zu füllen, werden wir auf die Frauen nicht verzichten können (neben mehr Zuwanderung aus dem Ausland, einer längeren Beschäftigung von Älteren, eine Neu-Entdeckung der Menschen ohne Schul- bzw. Berufsabschluss sowie der Menschen mit Behinderungen). Also alle, die meinen, die Gesellschaft wäre am besten bedient, wenn Frauen sich um Küche, Kinder und Kirche kümmern, die leben in einer Zeit, die nicht die Zukunft sein kann und sein wird. Alle, die meinen, dass Frauen auch weiterhin in großer Zahl in Teilzeitberufen tätig sein werden, irren auch. Und alle, die meinen, dass Kinder eine Privatsache und keine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellen, irren ebenso.

Fazit: Frauen werden im Erwerbsleben mehr denn je gebraucht. Frauen werden mehrheitlich eine höhere Qualifikation haben als Männer. Frauen beherrschen mittlerweile die Machtrituale und das Seilschaftsdenken genauso wie Männer. Daher bleibt die These: Die Elite der Zukunft ist weiblich. Die Quote ist überflüssig.

Übrigens: Etwa 95 Prozent der rund 75.000 Gefängnisinsassen in Deutschland sind männlich. An diesem Beispiel ließe sich eine Quotendiskussion ad absurdum geführt. Doch die Frage nach dem Warum bleibt. Als Mitglied des Beirates “Jungenpolitik” der Bundesregierung (2010 – 2013) habe ich dringend für die Weiterentwicklung des Männerbildes plädiert. Daran arbeite ich auch ehrenamtlich in meiner Heimatstadt, wenn ich parallel zum “Girls Day” einen “Zukunftstag für Jungs” durchführe. Statt in Instrumenten von gestern zu denken, sollten wir uns für die Zukunft rüsten und die ist eben nicht die Verlängerung der Vergangenheit.

Kommunale Dialogstrukturen mit Muslimen schaffen und pflegen

98 Prozent aller Muslime sind friedliebende Menschen, die für ihre Kinder nur das Beste wollen, was im Übrigen alle Mütter und Väter unabhängig von Religion, Herkunft und sozialer Lebenswirklichkeit für ihre Kinder wollen. Doch wir können nicht umhin festzustellen, dass 98 Prozent aller Terroristen sich auf den muslimischen Glauben beziehen oder sogar davon überzeugt scheinen, im Namen einer Religion töten zu dürfen. Dabei verbietet jede Religion das Töten von Menschen – grundsätzlich. Das Wort “Barmherzigkeit” ist zum Beispiel das Wort, das im Koran am häufigsten vorkommt.

Die Attentäter von Paris sind in Frankreich geboren, dort zur Schule gegangen und zum Teil auch in französischen Kinderheimen erzogen worden. Sie haben in französischen Fußballteams mit anderen Jugendlichen gespielt. Dennoch diese Radikalisierung. In meiner Heimatstadt Bergheim zum Beispiel ist ein junger Mann aus einer polnisch-stämmigen, christlichen Familie zum Islam konvertiert, hat Arabisch gelernt und war regelmäßiger Besucher einer Moschee. Wo und warum hat er sich radikalisiert, bevor er nach Syrien in den Kampf zog? Auf You-tube sind Videos von ihm einsehbar. Zwischenzeitlich ist er verstorben – wahrscheinlich in Syrien, vielleicht auch im Irak.

Solche Menschen gibt es überall in Deutschland. Doch kann sich eine Radikalisierung dieser jungen Menschen unbemerkt von allen anderen gesellschaftlichen Akteuren – Familie, Moschee, Freundeskreis, Schule, Arbeitskollegen etc. – entwickeln? Oder stehen alle hilflos daneben, nehmen diese Entwicklungen nicht ernst, schauen weg? Ziel muss es sein, verstärkt miteinander zu reden und frühzeitig einander zu stützen, wenn wir solchen Jugendlichen begegnen. Auch die Moscheegemeinden brauchen hier professionelle Unterstützung. Doch wie kommt die dahin? Wir brauchen in jeder Kommune belastbare Dialogstrukturen, um einander zu verstehen und einander zu helfen.

Wenn die Polizei die 260 “Gefährder”, also jene jungen, gewaltbereiten Menschen, die aus Syrien bzw. dem Irak zurückkehren, beobachten sollen, so würden rund 1.000 weitere Polizisten benötigt, teilte die Polizeigewerkschaft mit. Doch woher sollen diese Menschen kommen, denn die Geburtenraten haben sich halbiert und die nachwachsenden jungen Menschen werden von allen Berufen umworben: Sie sollen Lehrer werden, Pfleger, Polizisten, Erzieher, Handwerker. Daher reichen polizeiliche Maßnahmen allein nicht, wir müssen uns frühzeitiger gemeinsam darum kümmern. Ohne muslimische Polizisten wird es im Übrigen auch nicht gehen! Das wiederum verlangt nach einer sensiblen Kommunikation, besonders vor Ort.

Das ist klar: Deutschland braucht Zuwanderung!

Deutschland altert und Kinder sind nicht ausreichend geboren worden. Wenn die Babyboomer (1955 bis 1969 geborene Menschen) in die Rente gehen, dann werden ihre Arbeitsplätze nur zur Hälfte wieder besetzt werden können. Die andere Hälfte ist nicht mehr da, weil nicht geboren. Nur, dass auch die Rentner noch aktiv etwas vom Leben erwarten: Kultur, Freizeit, Gesundheit, Pflege. Wer macht die Arbeit und wie organisieren wir sie? Der Umbau der Gesellschaft steht an, aber noch immer nicht auf der politischen Tagesordnung.

Sollte alles so weitergehen, wie wir es kennen, dann – so der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, – wären in den nächsten 20 Jahren 32 Millionen Migranten nötig, junge, gut gebildete Migranten wohl gemerkt. Doch was wird dann wohl los sein, wenn bereits bei 0,2 Prozent Anteil Muslime in Dresden Menschen “gegen die Islamisierung des Abendlandes” auf den Straßen protestieren?  Die gleichen Menschen denken nicht darüber nach, wer einst ihren Rollstuhl schieben wird. Und die Politikelite versagt in der politischen Kommunikation, nicht zuletzt, weil das “Weiter so!” als Garant der Wiederwahl gilt.

Doch machen wir uns nichts vor: Ängste sind da, weil die Integration der letzten Jahrzehnte große Defizite aufwies. Lange sind wir in Deutschland mit geschlossenen Augen, Ohren und Mündern durch die Straßen gelaufen und haben die Parole ausgegeben, das Deutschland kein Einwanderungsland sei. Eine Konsequenz: Stadtviertel in Deutschland, in denen kein Wort Deutsch gesprochen werden muss. Bildungskarrieren von Migrantenkindern, die noch immer nicht nach ihren Talenten gefördert, sondern aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt werden. Hier muss sich etwas nachhaltig ändern. Wir brauchen zudem Regeln, die es Menschen ermöglichen, nach Deutschland einzuwandern. Und wir brauchen eine kommunale Integrationspolitik sowie ein Leitbild, dass Deutschland als ein Land der inklusiven Vielfalt beschreibt und gestaltet.

Wer auf die Straßen geht, weil er sich fürchtet, sollte gleichzeitig sagen, wie er oder sie Deutschland haben wollen, damit sie sich nicht fürchten! Das sagen Pegida etc. nicht. Sie sagen nur, was sie nicht wollen. Doch das hilft nicht, weil es nicht Zukunft gestaltet!

Ich möchte in einem Land leben, das die Religionsfreiheit nicht nur lebt, sondern das auch von jeder Religion Toleranz erwarten darf. Ich möchte in einem Land leben, wo jede/r sich so kleiden darf, wie es seinen/ihren frei und selbst bestimmten Vorstellungen entspricht. Ich möchte in einem Land leben, wo niemand Angst haben muss, wenn er/sie ein bestimmtes Stadtviertel betritt. Ich möchte in einem Land leben, dass die Zukunft auf den Talenten der Menschen (unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Lebenssituation und individuellen Fähigkeiten)  und ihre Bereitschaft, diese zum Wohle aller einzubringen, aufbaut.

Inklusion – auf die eigene Haltung kommt es an!

Wer das Wort “Inklusion” in den Mund nimmt oder davon spricht, versteht in der Regel das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern an Regeleinrichtungen der Schulen in Deutschland. Die Konvention der Menschen mit Behinderungen benennt als Ziel der Inklusion in Artikel 6 die “gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen” und zwar von Beginn an unabhängig von individuellen Fähigkeiten (darunter werden die Behinderungen eingeordnet), sozialen Lebenswirklichkeiten, ethnischer Herkunft, Alter und Geschlecht.

Inklusion als Leitidee einer Gesellschaft – sozusagen die Stadt für Alle! – hängt in erster Linie von der eigenen inneren Haltung ab. Denn natürlich wird jeder sagen, er sei dafür, um dann ein kleinlautes oder bisweilen auch sehr deutliches “Aber” hinzuzufügen, so zum Beispiel bei den Demonstrationen gegen die Islamierung des Abendlandes oder bei ganz banalen Entscheidungen vor Ort.

Nehmen wir als Beispiel meine Heimatkommune Bergheim. Dort verwies eine Selbsthilfegruppe von Menschen mit Behinderungen seit Jahren auf die Notwendigkeit einer öffentlichen Toilette, die auch für Rollstuhlfahrer/innen geeignet ist. Vor der Kommunalwahl im Mai 2014 wurde dann eine Lösung öffentlichkeitswirksam gefunden, die vor wenigen Wochen aber wieder gekippt worden ist.  Zu teuer. Außerdem hätten während der siebenmonatigen Versuchsphase nur vier Menschen die Toilette benutzt.

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage eines Rollstuhlfahrers, der am gesellschaftlichen Leben seiner Stadt teilhaben möchte. Und wie das so ist: er muss mal. Doch das geht nicht, weil keine öffentlich zugängliche Toilette für ihn da ist. Welche Möglichkeiten bleiben: eine Windel tragen oder aber am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Der Stadtrat entschied genau so, womit Bergheims Innenstadt nun zur rollstuhlfreien Zone erklärt worden ist. Natürlich nicht offiziell, denn für Inklusion sei man selbstverständlich.

Anlässlich des Aktionstages Inklusion am 9. Dezember 2014 im Kreishaus des Rhein-Erft-Kreises erklärte der zuständige Sozialdezernent Anton-Josef Cremer, dass es Aufgabe der Inklusion sei, “behinderte Menschen in die Mitte” der Gesellschaft zu holen. Doch ohne öffentlich zugängliche Toiletten bleibt das wohl nur eine hohle Phrase und Bergheim eine rollstuhlfreie Zone.

Inklusion fängt mit einer inneren Haltung bei jedem selbst an, die den behinderten Menschen, den Hartz-IV-Empfänger, den Flüchtling, den Greis, aber auch jeden Mann und jede Frau grundsätzlich willkommen heißt. An dieser Haltung mangelt es noch, wie man nicht nur montags in Dresden, sondern im banalen Alltag in vielen Kommunen und Lebensmomenten erkennen kann. Und die Entwicklung einer solchen Haltung wird auch aktiv dazu beitragen, den demografischen Wandel zukunftsorientiert zu gestalten.

Botschaft des Friedensnobelpreises: Jedes Kind ist wichtig!

Der Friedensnobelpreis 2014 geht an die 17-jährige Malala Yousafzai  aus Pakistan, die von blindwütigen Taliban niedergeschossen worden ist, jedoch überlebte und sich dennoch nicht hat einschüchtern lassen und den 60-jährigen Inder Kailash Satyarthi, der rund 80.000 Kinder aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit hat. Die Muslimin und der Hindu werden für ihr Engagement für die unveräußerlichen Rechte der Kinder, insbesondere auch dem Bildungsrecht der Mädchen und sozial Benachteiligten, ausgezeichnet.

Die Botschaft, die von ihnen ausgeht, lautet: Jedes Kind ist wichtig. Jedes Kind ist ein Talent für die Zukunft. Und genau das ist auch die wichtigste Botschaft, die der demografische Wandel in Deutschland mit sich bringt.

Wer sich bewusst macht, dass 2012 in Deutschland nur noch 673.570 Kinder geboren worden sind, von denen rund ein Drittel (etwa 225.000) eine Zuwanderungsgeschichte erzählen kann, von denen rund 15 Prozent in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften aufwachsen (rund 100.000) und von denen rund 10 Prozent zu früh auf diese Welt gekommen sind, die Medizin es aber schafft, sie – teils mit entsprechenden Behinderungen oder Beeinträchtigungen – am Leben zu erhalten, dem wird klar, was diese Botschaft in unserer Gesellschaft bedeutet.

Denn wer wahrnimmt, dass nach wie vor der Bildungserfolg von der ethnischen Herkunft und sozialen Lebenssituation der Eltern abhängt, und dass inklusive Gedanken, die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, nicht von einer inneren Haltung vieler gesellschaftlich relevanter Akteure gelebt werden, dann wird deutlich, dass die Botschaft des Friedensnobelpreises auch bei uns in Deutschland noch einer nachhaltigen Überzeugung bedarf. Bildung ist ein unveräußerliches Recht, auf dass alle Kinder einen Anspruch haben – egal welches Geschlecht, egal welcher Herkunft, egal welcher Lebenswirklichkeit. Wer den demografischen Wandel in Deutschland gestalten will, sollte diese nobelpreiswürdigen Gedanken in seinem alltäglichen Handeln – an welcher Stelle auch immer – aktiv beherzigen. Er gestaltet damit seine Zukunft.

Warum der Schützenverein keinen Nachwuchs findet!

In vielen Städten wiederholt sich einmal jährlich das Bild: der Bürgermeister empfängt die Majestäten der verschiedenen Schützenbruderschaften in der Kommune. Und von Jahr zu Jahr wiederholt sich die Klage, dass immer weniger jüngere Menschen für “Glaube, Sitte, Heimat” im Schützenverein Verantwortung übernehmen möchten. Man sei froh, wenn sich überhaupt noch jemand finde, der Schützenkönig werden möchte. Man beklagt, aber man tut nichts. Man hat in der Regel ja auch so schon genug zu tun!

Doch ehrlich: mich wundert das nicht. Zum einen hat sich der potenzielle Nachwuchs halbiert. Kamen bundesweit 1964 noch 1.357.304 Kinder zur Welt, waren es 2012 nur noch 673.570 Kinder. Damit können auch nur immer weniger Menschen den Weg in die Vereine finden. Und die Vereine konkurrieren auch noch um den halbierten Nachwuchs. So hat zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr das Alter für Kinder von zehn Jahren auf sechs Jahre herabgesetzt, da man die Kinder für sich gewinnen möchte, bevor sie beim Sport (oder anderswo) landen. Was tut hier der Schützenverein?

Zum zweiten fühlen sich immer weniger Menschen, insbesondere jüngere Menschen, mit der Kirche und ihren Traditionen verbunden. Die zahlreichen Kirchenaustritte sind nur ein Beleg für diese These. Erste Kirchengemeinden finden schon keine jungen Sternsinger mehr. Das wird dann gern aufgefüllt von älteren Menschen. Doch auch bei den Schützen sind Ehrungen für 60-, 65- oder gar 70-jährige Mitgliedschaft keine Seltenheit mehr. Sie überwiegen die für 10- oder 15-jährige Mitgliedschaft.

Zum dritten fehlt es an einer gesellschaftlichen Aktualisierung und Modernisierung der Motivstränge Glaube, Sitte und Heimat. Wenn zum Beispiel 20 % der Bundesbürger Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind und rund 34 Prozent der neu geborenen Kinder ebenfalls Eltern mit Wurzeln aus dem Ausland haben, dann gewinnt die Vokabel “Heimat” eine neue Bedeutung. Schützenvereine tun sich aber schwer, wenn zum Beispiel ein türkischstämmiges Mitglied Schützenkönig wird. Er ist ja muslimischen Glaubens. Doch der Glaube ist etwas anderes als die Religion. Und jede Religion vertritt in der Regel die gleichen Werte, so zum Beispiel: Du sollst nicht töten! Kann Glaube nicht als Wertegemeinschaft interpretiert werden?

Zum vierten mangelt es nicht selten an einer Bereitschaft zur Veränderung. Die Gesellschaft hat sich zum Teil massiv verändert, doch nicht wenige Menschen suchen ihre Nischen, wo sie “früher” frönen können, wo sie Entschleunigung erleben, Traditionen pflegen und die Sicherheit des Bekannten und Unveränderten erleben. Doch manchmal kommt man einfach zu spät. Dabei könnten Schützenvereine eine Renaissance erleben, wenn es ihnen glaubhaft gelänge, die Begriffe Glaube, Sitte und Heimat zu aktualisieren. Dazu braucht es Mut, Mut etwas anders zu machen.

Sicherheitsarchitektur in einer älter werdenden Gesellschaft

“Personalmangel bei der Polizei.” So lauten bundesweit Überschriften einschlägiger Medienbeiträge. Die Forderungen, die dann sofort laut werden, laufen alle auf “mehr Personal” hinaus. Das jeweilige Bundesland müsse halt mehr Geld für mehr Personal bereit stellen. Doch auch hier wirkt der demografische Wandel. Zum einen wird ungefähr zur Mitte dieses Jahrzehnts das Durchschnittsalter des bundesdeutschen Polizeibeamten bei 50 Jahre liegen, zum zweiten wird die Halbierung der Geburten auch bei der Polizei spürbar werden. Der Nachwuchs ist einfach nicht mehr in ausreichender Zahl da, um den altersbedingten Weggang ersetzen zu können und zum dritten bleibt die Herausforderung, den Polizeidienst auch für Migranten attraktiver zu gestalten. Eine älter werdende Gesellschaft wird zum vierten ein anderes (subjektives) Sicherheitsbedürfnis haben. Da stellt sich dann – auch in Wahlkämpfen der Zukunft – die Frage, welche Sicherheit wir wie für wen gewährleisten wollen. Es kann sein, dass der Polizeieinsatz in Fußballstadien sich dann eh’ nicht mehr stellt. Fazit: Mehr Personal ist die am wenigsten zukunftsorientierte Lösungsstrategie. Wir müssen gesellschaftlich aushandeln, was künftig Sicherheit ist und wer sie wie gewährleistet.

Cookie-Einstellung

Bitte treffen Sie eine Auswahl. Weitere Informationen zu den Auswirkungen Ihrer Auswahl finden Sie unter Hilfe.
Impressum

Treffen Sie eine Auswahl um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert!

Hilfe

Hilfe

Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und analytische Cookies sowie Dienste zur optimalen Darstellung.
  • Nur Cookies von blog.winfried-koesters.de zulassen:
    Nur Cookies von dieser Webseite.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutz
Impressum

Zurück